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DTM / Analyse

Good old England - Der 4. Saisonlauf in der Analyse

An einer der traditionsreichsten Stätten des Motorsports fand die DTM zu alten Traditionen zurück.
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Auf dem hochmodernen EuroSpeedway Lausitz erlebten die Fans das überspannte Highlight einer ganz neuen, unberechenbaren DTM. Wie passend, dass die Rückkehr zu altbekannten Verhältnissen ausgerechnet auf dem nunmehr 81 Jahre alten britischen Traditionskurs von Brands Hatch vollzogen wurde...

Altes Phänomen

Wenngleich die DTM 2006 weit gehend verschont blieb: Startcrashs sind auf der engen Asphaltbahn in der Grafschaft Kent nichts Neues. So konnte auch der Anlass des glücklicherweise einzigen - diesmal rechtzeitigen und fehlerfreien - Einsatzes des Safety-Cars kaum überraschen: Waren zunächst nur ein missglückter Start von Pole-Inhaber Mika Häkkinen sowie die Positionsgewinne Bruno Spenglers und Mattias Ekströms zu bestaunen, so folgte für das mittlere und hintere Feld Umgemach. In alphabetischer Reihenfolge: Adam Carroll, Paul Di Resta, Jamie Green, Vanina Ickx, Daniel La Rosa, Mathias Lauda, Alexandros Margaritis, Gary Paffett, Mike Rockenfeller, Timo Scheider, Susie Stoddart und Markus Winkelhock entkamen der zweiten Kurve nicht unversehrt...

Pole-Inhaber Mika Häkkinen erlebte einen mäßigen Start - Foto: DTM

Und während das Rennen für Di Resta und Rockenfeller in den Reifenstapeln endete, entlarvten die Kameras zwar unter anderem La Rosa und Scheider als Auffahrende. Die Suche nach dem Auslöser scheint jedoch müßig, nachdem selbst die Piloten meist nur ein unbekanntes Wesen als Schuldigen ausmachen konnten. "In der zweiten Kurve war das Rennen schon gelaufen. Warum, kann ich gar nicht genau sagen. Ich bin geradeaus gefahren, vielleicht habe ich zu spät gebremst", zeigt sich auch Rockenfeller ratlos. Während der folgenden 81 Runden hatte ein gutes Dutzend Piloten mit den Folgen der Kollision und damit einem alles andere als optimal ausbalancierten Fahrzeug zu kämpfen...

Alt aussehende Jahreswagen

Der Alterungsprozess der Jahres- und Gebrauchtwagen vollzog sich während des scherbenreichen Starts nicht nur optisch - auch ansonsten sahen die 2006er- und 2005er-Boliden verglichen mit der bisherigen Saison eher alt aus. Nicht nur, dass Mercedes-internes Friendly Fire zwischen Gary Paffett und Mathias Lauda zu einem eher unglüchlichen Bild beitrug. Trotz der Kürze des Kurses und der Fliegengewichtsklasse ihrer Audis fehlten selbst den diesmal schnellsten Jahreswagenpiloten Christian Abt und Alexandre Prémat während ihrer persönlich schnellsten Rennrunden rund drei Zehntelsekunden auf Martin Tomczyks absolut schnellste Runde.

Auch Markus Winkelhock kämpfte mit den Folgeschäden der Startkollision - Foto: Sutton

Hatten sich Abt und Prémat angesichts ihrer hervorragenden Startplätze nach dem Qualifying noch Hoffnungen auf einen Podestplatz gemacht, so mussten sie am Ende trotz manch schwächelnder HWA-C-Klasse mit den Rängen sieben und acht vorlieb nehmen. Das Phoenix-Duo nahm sein Schicksal nach der bisherigen Pechsträhne des Teams gelassen - kam Abt doch zur Erkenntnis: "Mit den Plätzen sieben und acht können wir zufrieden sein. Sicherlich wollten wir etwas mehr, aber die Audi- und Mercedes-Neuwagen haben in der Entwicklung einen Schritt nach vorne gemacht." So könnte sich auch auf dem Norisring die weit gehende Rückkehr der "alten Verhältnisse" fortsetzen.

Altes Spiel am Kommandostand

Nachdem die Strategiespiele mit Beteiligung der Jahreswagen im Kampf um vorderste Plätze zeitweise an Transparenz verloren hatten, kehrte die DTM in Brands Hatch zum seit langem gewohnten Taktikpensum zurück. Und wie gewohnt gab es kein Patentrezept für die korrekte Strategie - verschiedene Varianten führten bei guter Umsetzung zum Erfolg. "Die Strategie ist auf dieser Strecke der Schlüssel zum Erfolg, was gerade für das Team sehr schwierig ist", beobachtete Bruno Spengler und konnte sich mit seinen beiden eher späten Stopps nicht als Gewinner des Strategiespiels sehen: "Das Team muss bei den vier Autos die Strategien etwas variieren. Dabei hat es mich nicht so glücklich getroffen, denn ich habe nicht die beste Taktik erwischt."

Erstaunliche Anweisungen wurden Daniel La Rosa zugefunkt... - Foto: Sutton

Und obwohl insbesondere Bernd Schneider mit seinem Sieg von Startplatz sechs aus bewies, dass die Taktik, sich mit zwei frühen Stopps längstmöglich freie Fahrt zu verschaffen, offenbar die beste war: Auch die spenglersche Variante ging bei maximaler Ausreizung auf. So stoppte Martin Tomczyk noch weit später als das Spätstopperduo aus Spengler und Mattias Ekström - und hätte sich nach seiner zweiten Ausfahrt aus den Boxen um ein Haar vor Schneider gesetzt. Was wiederum nicht nur um ein Haar hätte funktionieren können, wäre der Bayer um die Nuance von ein bis zwei Runden früher in die Box gekommen. Und obwohl die anschließenden beherzten Angriffe auf Schneider auch angesichts des Streckenlayouts zum Scheitern verurteilt waren - unzufrieden konnte Tomczyk mit Rang zwei nach seinem Qualifying-Fauxpas dennoch nicht sein.

Alte Konfusion

War es in der Lausitz die Rennleitung, die mit der Umsetzung des Sportlichen Reglements ihre Schwierigkeiten hatte, so setzte sich die Konfusion in Brands Hatch zumindest beim Team Mücke fort. Nach dem erstaunlichen Versuch, in Runde sechs bei geschlossener Boxengasse neben den Reparaturarbeiten an La Rosas Mercedes auch den ersten Pflichtboxenstopp durchzuführen, wurden der Hesse und sein Team von der Rennleitung zum Nachholen des ersten Stopps verdonnert.

Am Ende setzte Martin Tomczyk Bernd Schneider vergeblich unter Druck - Foto: Sutton

Wieso man jener Aufforderung jedoch ausgerechnet in der letzten Runde nachkommt, obwohl das Reglement nach jedem Pflichtstopp eine weitere Rennrunde vorschreibt, fragte sich stellvertretend für seine Mannschaft anschließend auch Teamchef Peter Mücke. Der Berliner hatte gegen die Disqualifikation La Rosas somit nichts einzuwenden - und dürfte seinem Team bis in zwei Wochen eine ausführliche Auffrischung der Reglementkenntnisse ans Herz legen... Auch die weiteren Entscheidungen der Rennleitung waren unstrittig: Tempoverstöße in der Boxengasse des TME-Duos wurden geahndet, Vanina Ickx nach einer eher unglücklichen Linienwahl beim Überrundungsversuch Paffetts verwarnt. An ihren jüngsten Aufwärtstrend konnte die Belgierin leider bei weitem nicht anknüpfen.

Nicht nur alte Favoriten

Dass Paul Di Resta die Meisterschaftsführung auch ohne sein frühes Aus verloren hätte, darf als sicher gelten. Mit Mattias Ekström und Bernd Schneider liefern sich in der Punktewertung zwei etablierte DTM-Champions ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Spitze - denen lediglich Martin Tomczyk die Rücklichter zeigt. Unauffällig, aber effektiv hielt sich der 25-Jährige von Beginn des Jahres an in der Spitzengruppe der Tabelle, um nun erstmals in seiner Karriere ganz oben zu stehen. Zwar fehlt Tomczyk in dieser Saison noch ein Sieg - dieser scheint jedoch nur eine Frage der Zeit. Das neue Selbstbewusstsein nach seinem ersten DTM-Sieg in Barcelona 2006 hat dem Bayern eine Abgeklärtheit und Konstanz verliehen, die nicht nur mit dem Wechsel des Renningenieurs vor einem Jahr zu erklären ist.

Derweil hadert gerade mit Blick auf den Meisterschaftsstand so mancher HWA-Pilot mit dem Schicksal. Während Mika Häkkinen während der Endphase des Rennens einen noch ungeklärten Performanceverlust erlitt, der ihn bis auf Rang vier zurückfallen ließ, platzten zum vierten Mal in Folge Bruno Spenglers Siegträume. Somit ist Häkkinens Ärger über die halbierten Punkte für seinen Lausitz-Sieg wohl noch längst nicht verflogen - und die Freude über die Rückkehr der alten, geordneteren Verhältnisse groß...


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