Er hat dreimal die 12 Stunden von Bathurst gewonnen, zweimal das 24-Stunden-Rennen von Spa, das ADAC GT Masters, die GT World Challenge, auch die Intercontinental GT Challenge - aber die DTM bedeutet für Jules Gounon noch einmal eine neue Herausforderung im GT3-Sport. Der französische Mercedes-AMG-Werksfahrer erklärt nach seiner Debütsaison im Interview mit Motorsport-Magazin.com sehr detailreich, warum die DTM für ihn nicht 'nur eine weitere GT3-Rennserie' ist.

Jules, wie herausfordernd war deine erste volle Saison in der DTM mit Winward-Mercedes?
Jules Gounon: Die DTM hat ihre ganz eigene, sehr spezielle Art von Racing. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Wochenende, da stand ich auf der Pole (Oschersleben; d. Red.) und bin meinen ersten Stint gefahren. Ich komme als Erster an die Box, denke mir: "Okay, Hälfte der Arbeit ist erledigt." Aber das stimmt nicht, denn in der DTM ist die Out-Lap der wichtigste Teil. Ich bin diese Out-Lap eher vorsichtig angegangen und habe direkt Positionen verloren. Da dachte ich mir: "Verdammt, warum habe ich Plätze verloren?!"

Ich bin schon sehr viele Meisterschaften gefahren. Ich hatte das Glück, die GT World Challenge, das ADAC GT Masters, die IGTC und einiges mehr zu gewinnen. Aber die DTM ist etwas völlig anderes. Im ersten Jahr ist es, glaube ich, sehr schwierig, um die Meisterschaft zu kämpfen, selbst wenn du sehr erfahren bist. Es war das höchste Niveau, das ich bisher erlebt habe.

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Du fährst seit zehn Jahren GT3-Autos, seit 2021 für Mercedes-AMG. Unterscheidet sich die DTM von anderen GT3-Rennserien?
Jules Gounon: Die DTM ist etwas ganz Besonderes. Du hast dort vielleicht 15 der besten GT-Fahrer der Welt. In der GT World Challenge sind auch 15 Top-Fahrer unterwegs, aber sie verteilen sich über das Feld und die Stints. In deinem Stint in der GT World Challenge fährst du vielleicht gegen drei oder vier von ihnen, aber in der DTM sind alle 15 in einem Rennen zusammen. Es ist super-eng.

Ich erinnere mich an Qualifyings, in denen mir ein kleiner Fehler in der Runde unterlaufen ist und ich dachte: "Okay, so schlimm ist es nicht, in der GT World Challenge wäre das P2 oder P3." Dann frage ich, wo wir stehen und es heißt: "Wir sind P6. Mit 3 Hundertstel weniger wärst du P2." Und dann denkst du an diesen einen verdammten Schaltfehler auf der Runde... Drei Hundertstel sind nichts, über die Linie gesehen sind das vielleicht 30 Zentimeter.

Polesetter Jules Gounon (Mercedes-AMG Team Winward)
Jules Gounon startet in der DTM für Winward-Mercedes, Foto: DTM

Einige Fans sagen, die DTM sei heute 'nur eine weitere GT3-Serie'. Wie schätzt du das ein?
Jules Gounon: Für mich stimmt das nicht. DTM ist DTM. Du kannst sie mit nichts anderem auf der Welt vergleichen. Das ist wie Super GT - das sind Meisterschaften, die für sich stehen. Um in der DTM zu gewinnen, musst du vom ersten bis zum letzten Rennen der Beste sein. Du darfst dir keine Fehler erlauben, du brauchst das Team hinter dir, deinen Ingenieur, deine Mechaniker. Du darfst keine Probleme haben und musst trotzdem jedes Mal performen. Das motiviert mich extrem, denn an dem Tag, an dem du die DTM gewinnst, weißt du, dass du etwas Besonderes erreicht hast.

Sind die Rennwochenenden in der DTM anstrengender als in anderen Serien? Wir haben gehört, dass du nach dem Auftakt in Oschersleben kurzzeitig etwas platt warst...
Jules Gounon: Im GT-Sport leide ich normalerweise physisch nie - ich trainiere viel und weiß, dass ich fit bin. Aber ich bin mein erstes DTM-Rennen der Saison in Oschersleben gefahren, bin aus dem Auto gestiegen - ich zeichne immer meine Herzfrequenz auf - und habe nachgeschaut: 180. Ich war fertig! Jede Runde ist eine Qualifying-Runde. Das habe ich so nicht erwartet. Es ist nicht so, dass das Auto körperlich viel anstrengender geworden wäre, aber mental ist es extrem hart. Du bist permanent am Limit, in jeder Kurve kurz davor, abzufliegen, weil wirklich jeder am Limit fährt. Das hat mich ziemlich müde gemacht.

Viel Zeit zum Verschnaufen gibt es in den einstündigen Sprint-Rennen nicht - im Gegensatz zu Langstrecken-Rennen wie in der WEC oder GT World Challenge...
Jules Gounon: In der DTM ist jedes Rennen, jede Runde Vollgas. Es gibt keine Pause. Die einzige Pause hast du in der Boxengasse - und selbst da ruhst du dich nicht aus, weil du manchmal Seite an Seite fährst und es Kontakte gibt. Es ist eine fantastische Meisterschaft, wirklich. Ich habe immer davon geträumt, DTM zu fahren. Es macht mich ein bisschen traurig, wenn die Leute sagen: "Jetzt ist es nur noch GT3-DTM." Wenn du in die 90er-Jahre zurückschaust, waren es auch GT-artige Autos. Wenn du dir die Zweikämpfe anschaust, wie eng alles ist - es ist einfach großartig!

Jules Gounon auf dem DTM-Podium am Lausitzring
Jules Gounon beendete die DTM 2025 auf dem neunten Gesamtplatz, Foto: DTM

Davon können auch Ayhancan Güven und Marco Wittmann beim epischen Saisonfinale ein Liedchen singen...
Jules Gounon: Wenn ich an das Finale in Hockenheim denke, oder die Rennen am Sachsenring, Lausitzring, in Zandvoort - das waren verrückte Rennen. Manche sagen, dass es mal etwas über dem Limit zuging. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich über dem Limit ist, denn was bleibt den Leuten in Erinnerung? Die Duelle, die unglaublichen Fights! Der Kampf zwischen Güven und Wittmann wird für immer in Erinnerung bleiben. Stell dir das mal vor: Du hast neun Fahrer, die im letzten Rennen noch um den Titel kämpfen können - in der DTM, einem der berühmtesten Championate. Und in der letzten Runde entscheidet es sich! Das ist wie Kino.

Du warst einer der neun Titelkandidaten, hast aber schon früh eine Strafe erhalten. Wie hast du diese letzte Runde erlebt?
Jules Gounon: Ich bin ins Motodrom eingefahren und habe im Augenwinkel gesehen, wie die Leute auf den Tribünen abgehen. Da war klar: Es ist etwas passiert. Das ist im Motorsport nicht normal - vielleicht in der Formel 1, in Le Mans oder in der WEC - aber normalerweise siehst du das nicht so. Ich fahre über die Ziellinie und frage am Funk, was passiert ist. Und mein Ingenieur sagt: "Du hast keine Ahnung! Das Finale war irre - komplett verrückt!" Ich hoffe wirklich, dass ich nächstes Jahr in der Position bin, selbst um den Titel zu kämpfen.

Es war auffällig, dass du trotz eines starken Saisonstarts - eine Pole und zwei Podien nach den ersten vier Rennen - nicht zufrieden mit deiner Performance warst. Was war los?
Jules Gounon: Wir hatten einfach ein paar Dinge, die nicht zusammengepasst haben. Ich fahre den Mercedes-AMG GT3 seit fünf Jahren, dann kennst du dein Auto wirklich sehr gut. Wenn du das gleiche Auto jedes Wochenende fährst, hörst du irgendwann auf, die kleinen Schwächen wahrzunehmen, wie jedes Auto sie hat. Aber sobald etwas nicht stimmt, merkst du das sofort. Wenn ich mich beschwere, dann habe ich auch einen Grund dafür. Ich beschwere mich nicht nur, weil ich Franzose bin.

Vor dem sechsten Rennwochenende am Sachsenring hast du dann ein neues Chassis bekommen und bist direkt in die erste Startreihe sowie aufs Podium gefahren. Lief von da an alles besser?
Jules Gounon: Am Sachsenring hatte ich richtig gute Ergebnisse, das Auto hat sich großartig angefühlt. Unglücklicherweise sind wir direkt nach dem Sachsenring mit genau diesem Chassis testen gegangen und hatten ein Problem: Wir sind auf einem Kerb aufgesetzt und das Chassis ist gebrochen. Wir mussten das dann schweißen und so weiter. In der DTM brauchst du alles bei 100 Prozent, und genau das versucht mein Team mir immer zu geben. Aber manchmal hast du Saisons, in denen alles klickt, und manchmal Saisons, in denen es das nicht tut.

Rene Rast und Jules Gounon beim DTM-Rennen am Lausitzring
Millimeter-Duell mit Rene Rast: Jules Gounon und seine Mercedes-Mamba, Foto: DTM

Du hast dieses Jahr ein Doppelprogramm für zwei Hersteller bestritten: DTM mit Mercedes-AMG und WEC mit Alpine als Teamkollege von Mick Schumacher und Fred Makowiecki. Hat das gut gepasst für dich?
Jules Gounon: Ich mag es sehr, WEC und DTM zu kombinieren, weil das zwei komplett unterschiedliche Kategorien sind. Die eine ist reine Langstrecke: Du musst auf das Auto achten und mit deinen Teamkollegen gut zusammenarbeiten. Einer muss Energie sparen, ein anderer die Reifen schonen. Einer fährt den Stint mit den Qualifying-Reifen, was schwieriger ist, weil sie schon abgenutzt sind, ein anderer pusht am Ende. Jeder hat seine Rolle. In der DTM dagegen heißt es Vollgas. Alles andere ist egal. Das liebe ich auch: pures Racing, wirklich die Essenz des Rennfahrens. Es geht darum, wo du dieses eine Zehntel findest, weil dieses Zehntel dich locker fünf Plätze weiter nach vorne bringen kann.

Wird dir Mick Schumacher nach eurer gemeinsamen WEC-Saison fehlen?
Jules Gounon: Ich werde ihn vermissen. Wir hatten zwei Podestplätze, was für unsere erste gemeinsame Hypercar-Saison - und meine erste überhaupt - wirklich nicht schlecht ist. Mick war ein großartiger Teamkollege. Wir hatten eine Menge Spaß. Er hat mir viel beigebracht. Meine Erfahrung im Monoposto-Bereich ist praktisch null. Ich bin ein Jahr Formel 4 gefahren, 2013 Vize-Meister hinter Antoine Hubert geworden, aber dann hat mir das Budget gefehlt und ich musste etwas anderes machen. Ich freue mich sehr für Mick, dass er eine neue Herausforderung annehmen will.

#36 Alpine mit Mick Schumacher, Gounon und Makowiecki auf dem Podium
Teamkollegen in der WEC: Mick Schumacher, Fred Makowiecki und Jules Gounon, Foto: IMAGO / PsnewZ

Du warst dieses Jahr bei rund 25 Rennwochenenden im Einsatz - angesichts deiner Vergangenheit kann man schon fast von einer ruhigen Saison sprechen...
Jules Gounon: Früher bin ich mal 37 Rennen in einem Jahr gefahren. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war wirklich müde, nahezu ausgebrannt. Deshalb haben wir entschieden, das Rennprogramm etwas runterzufahren, um fokussiert zu bleiben und viel Energie zu haben. Wenn du zu einem DTM-Wochenende kommst und nicht komplett erholt und ausgeruht bist, bist du direkt im Hintertreffen, weil die Zweikämpfe so hart sind und es so viele Kontakte gibt.

Das komplette Programm von Jules Gounon mit Mercedes-AMG steht für die Saison 2026 noch nicht fest. Eines ist aber sicher: Der Franzose geht nächstes Jahr zum ersten Mal für das Team des vierfachen Formel-1-Weltmeisters Max Verstappen an den Start! Alle Infos zum Markenwechsel des Niederländers liest du in diesem Artikel: