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DTM-Debütantin Sophia Flörsch: Näher an der Konkurrenz dran

Sophia Flörsch zieht ein Zwischenfazit nach den Testfahrten vor ihrer ersten Saison in der DTM. Stärken, Schwächen und Einschätzung von Experten.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Sophia Flörsch sitzt nach dem dritten und letzten DTM-Testtag in der Lausitz in der Box des Teams ABT Sportsline und spricht mit ihrem Vater Alexander Flörsch über den soeben beendeten dreitägigen Test, bei dem sie erstmals den flammneuen ABT-Audi R8 LMS fahren durfte, jenem Sportwagen also, mit dem sie auch die DTM-Saison 2021 bestreiten wird. Zuvor hatte Flörsch in Hockenheim zweimal den R8 von Schaeffler Paravan mit dem Space-Drive-System getestet.

Bei dieser Technologie werden die Lenkbewegungen mittels elektronischer Impulse ausgeführt. Es gibt keine mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Lenkgetriebe. Das neuartige Lenksystem ist auch in Timo Glocks ROWE-BMW M6 GT3 sowie im Mücke-Mercedes-AMG GT3 von Gary Paffett verbaut.

Die 20-jährige DTM-Novizin wirkt zufrieden, hin und wieder strahlen ihre Augen und dabei huscht auch ein Lächeln über das verschwitzte Gesicht. In der Tat kann Flörsch, die die viertmeisten Runden (214) aller 17 DTM-Piloten drehte und dabei insgesamt 977,980 Kilometer abspulte, zufrieden sein.

DTM-Technik: Space-Drive-Lenkung unter der Lupe: (02:55 Min.)

Flörsch steigert sich täglich

Von Tag zu Tag konnte sie sich steigern und erzielte in ihrer 212. und drittletzten Runde auch ihre persönliche Bestzeit (1:44,420 Minuten). Damit lag die Münchenerin nur knapp hinter dem ehemaligen DTM-Champion Paffett, aber noch vor dem früheren Formel-1-Fahrer Timo Glock sowie dessen BMW-Markenkollege, dem zweimaligen DTM-Gesamtsieger Marco Wittmann. Auch der japanische Formel-3-Meister Nick Cassidy, der einen AF-Corse-Ferrari pilotiert, zog im Vergleich mit Flörsch überraschend den Kürzeren.

Ihre Fortschritte beim Kennenlernen mit dem für sie immer noch fast unbekannten GT3-Sportwagen waren allein schon an ihren gefahrenen Rundenzeiten auf der 4.570 Meter langen Grand-Prix-Variante des Lausitzrings ablesbar.

Foto: Abt Sportsline

Bluff beim BOP-Test aufgedeckt

Beim so genannten Balance-of-Performance-Test, einem 20-minütigen Zeitfahren, für das alle Piloten ein Medium-Reifensatz (S8M) von Exklusivausrüster Michelin sowie 30 Kilogramm Kraftstoff zur Verfügung standen, war Flörsch auf ihrer besten der sechs absolvierten Runden 0,606 Sekunden schneller als bei allen 79 Umläufen, die sie am restlichen Tag absolviert hatte. Der BoP-Test sollte, wie schon in Hockenheim, dem ITR-Partner AVL repräsentative Daten liefern, die für die finale Einstufung der verschiedenen Fahrzeuge als Grundvoraussetzung gilt.

Bei dem BoP-Test konnte sich - wie von Experten vermutet - keiner der männlichen Rivalen zeitlich derart verbessern, wie es Flörsch praktizierte. Ungewollt deckte sie damit auch den 'Bluff' der meisten anderen Fahrer auf, denn die holten nämlich wegen der von AVL noch festzulegenden BoP nicht, wie von Flörsch perfekt umgesetzt, das Optimale aus ihren Autos heraus.

DTM, 2021: Gerhard Berger blickt voraus auf neue Saison: (01:34 Min.)

Flörsch: Näher an der Konkurrenz dran

"Ich lerne immer mehr, wie sich ein GT3-Auto fährt. Dabei hilft mir vor allem mein ABT-Team und wegen Space Drive auch Schaeffler Paravan. Die drei Testtage haben mich wieder ein Stück nach vorne gebracht", zieht Sophia Flörsch im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com ein positives Fazit. "Ich bin näher an der Konkurrenz als noch bei den Testfahrten in Hockenheim, obwohl ich persönlich den Lausitzring wegen seiner vielen Bodenwellen und Kurven nicht mag." Für sie sei das eine "alte" Rennstrecke, "die ich schon aus meiner Formel-4-Zeit kenne".

Zu ihrem dreitägigen Test-Programm in der Lausitz gehörten unter anderem Setup-Arbeiten, Longruns, der BoP-Test, Boxenstopp-Übungen und das Fahren auf unterschiedlichen Slickreifen S8M (Medium) und S9M (hart) von Michelin. Dabei wurden auch unterschiedliche Reifenluftdrücke getestet.

Nächste Tests in Hockenheim und Monza

"Ich muss noch mehr Vertrauen mit dem Auto bekommen, um beispielsweise eine perfekte Runde zu fahren", erklärte Flörsch selbstkritisch eine von ihr ausgemachte, persönliche Schwachstelle. Zu ihrer Beruhigung sei festgestellt, dass solch ein Kunststück, nämlich Bestzeiten in allen Sektoren zu fahren, selbst erfahrenen GT3-Profis nicht immer gelingt.

Sie freue sich jetzt auf weitere Testfahrten mit Schaeffler Paravan sowie dem ABT-Team, bevor vom 18. bis 20. Juni in Monza ihre mit Spannung erwartete Rennpremiere in der DTM über die Bühne geht. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com finden die privaten Testfahrten in Hockenheim (mit Schaeffer Paravan) und in Monza (mit dem ABT-Team) statt.

Foto: Abt

Berger: Flörsch eine Bereicherung für DTM

Unabhängig von ihrem möglichen sportlichen Erfolg ist Flörsch auf medialer Ebene schon die Nummer 1 in der DTM. Der Rummel um die hübsche Amazone ist noch größer als zuletzt beim DTM-Debüt des ehemaligen Formel-1-Fahrers Robert Kubica.

"Das tut uns als Plattform gut. Sophia ist definitiv eine Bereicherung, weil sie eine große Fangemeinde hat", sagt DTM-Chef Gerhard Berger, der mit dieser Einschätzung richtig liegt. So hat Flörsch beispielsweise auf Instagram fast eine halbe Million Follower, im Vergleich mit dem DTM-Publikumsliebling Glock eine um acht Mal größere Fangemeinde!

Dieser Fakt ist nicht zuletzt einem Content Creator geschuldet, der sich ausschließlich um ihre Social-Media-Auftritte kümmert und damit auch den Bekanntheitsgrad steigert - unabhängig von ihrem spektakulären und schweren Formel-3-Unfall in Macau.

Haug: Verfolge Flörsch seit Formel 4

Flörsch genießt auch unter Experten einen guten Ruf. "Ich verfolge die Rennkarriere von Sophia Flörsch schon seit ihrer Zeit in der Formel 4, in der sich mich mit ihren guten Leistungen beeindruckt hat", meint beispielsweise der langjährige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, in dessen erfolgreicher Zeit bei der Marke mit dem Stern auch der sensationelle Sieg von Ellen Lohr fällt, die 1992 in Hockenheim für den bis heute einzigen DTM-Triumph einer Frau gesorgt hat.

Wie Haug glaubt auch Thomas Biermaier, dass sein Schützling auf einem guten Weg ist. "Wir werden Sophia nicht unter Druck setzen. Sie soll sich in einem völlig neuen Umfeld eingewöhnen - diese Zeit wird Sophia bekommen", beteuert der ABT-Geschäftsführer und Sportdirektor. "Dann bin ich mir sicher, dass sie auch um Top-10-Plätze kämpfen kann." Das ist auch das Ziel von Laura Müller, die als Renningenieurin bei ABT-Sportsline die Performance von Flörsch stetig verbessern soll. Auch Mike Rockenfeller und Kelvin van der Linde wollen die Teamkollegin, trotz aller Konkurrenz, unterstützen.

Foto: Abt Sportsline

Flörsch: Muss noch viel lernen

"Ich muss noch viel lernen und werde versuchen, so schnell wie möglich das Niveau meiner Teamkollegen zu erreichen", sagt Flörsch realistisch und betont dabei noch einmal, dass die DTM - wie für einige andere Piloten vor ihr - ein Sprungbrett für das große Ziel, die Formel 1, sein könnte.

Auf diesem Weg, nämlich von der Schule bis möglicherweise sogar in die Königsklasse, wird Sophia Flörsch auch vom ZDF begleitet. Der öffentlich-rechtliche TV-Sender hat schon zwei Storys "Weil sie's können - Frauen erobern Männerdomänen" und "Die Rennfahrerin vor ihrem DTM-Start" gezeigt und plant nach Informationen von Motorsport-Magazin.com auch eine Einladung ins "Aktuelle Sportstudio".

Kumulierte Ergebnisse des offiziellen ITR-Tests auf dem Lausitzring

Position Fahrer Team Runden Tag 1 Tag 2 Tag 3
1. Maximilian Götz HRT-Mercedes 236 1:43.840 1:43.311 1:42.744
2. Liam Lawson AF Corse Ferrari 149 1:43.651 1:42.840
3. Alex Albon AF Corse Ferrari 206 1:44.446 1:43.651 1:43.070
4. Philip Ellis Winward-Mercedes 169 1:44.179 1:43.660 1:43.108
5. Arjun Maini GetSpeed-Mercedes 230 1:44.408 1:43.816 1:43.118
6. Lucas Auer Winward-Mercedes 166 1:44.323 1:43.667 1:43.180
7. Vincent Abril HRT-Mercedes 218 1:45.202 1:43.779 1:43.353
8. Daniel Juncadella GruppeM-Mercedes 182 1:44.160 1:44.178 1:43.428
9. Kelvin van der Linde Abt-Audi 108 1:44.696 1:43.552
10. Mike Rockenfeller Abt-Audi 161 1:46.319 1:43.952
11. Nico Müller Rosberg-Audi 150 1:44.984 1:44.000
12. Gary Paffett Mücke-Mercedes 154 1:44.971 1:44.098
13. Sophia Flörsch Abt-Audi 214 1:45.847 1:45.164 1:44.420
14. Nick Cassidy AF Corse Ferrari 92 1:44.523
15. Marco Wittmann Walkenhorst-BMW 146 1:45.116 1:44.820
16. Dev Gore Rosberg-Audi 237 1:47.399 1:44.857 1:45.087
17. Timo Glock Rowe-BMW 108 1:46.346 1:44.946

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