DTM

DTM führt Teamorder-Verbot erneut ein: Neue Regel, alte Muster?

Eine wiedereingeführte Regel soll die DTM-Fahrer vor Konsequenzen schützen. Ändert sich durch das Teamorder-Verbot wirklich etwas in der Saison 2020?
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Die Schlagzeilen der vergangenen Tage dürften Fans gefreut haben. 'DTM verbietet Teamorder für 2020', war vielerorts zu lesen. Nicht zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Tourenwagenserie soll in der kommenden Saison versucht werden, die vor allem in der DTM seit Jahren vieldiskutierte Stallorder in den Griff zu bekommen.

Schon 2008 tauchte im Sportlichen Reglement ein neuer Passus auf mit dem Inhalt: "Stallregie (Teamorder), die das Rennergebnis verfälscht, ist verboten." Dadurch sollte eine Verzerrung des Wettbewerbes in der Serie, in der seit jeher wenige Hersteller mit vielen Autos antreten, verhindert werden.

Der Erfolg und die Folgen dieser Maßnahme: seit 2013 wurde die Teamorder in der DTM ganz offiziell wieder erlaubt. Damit war sie die letzte Serie im professionellen Motorsport, die auf ein solches Verbot verzichtete und damit gleichzeitig den Empfehlungen des Motorsportweltverbendes FIA folgte. In der Formel 1 wurde der Teamorder-Paragraph 2010 abgeschafft.

Berger: Regel verschärft

2020 erfolgt in der DTM der nächste Anlauf. "Wir haben das Reglement ein bisschen verschärft, da mir letztes Jahr im Magen gelegen ist, dass es keine klare Anweisung gibt, Teamorder nur dann zu akzeptieren, wenn ein Fahrer sie von selbst entscheidet", erklärt DTM-Boss Gerhard Berger bei Sat.1. Wenn ein Fahrer eigenständig der Meinung sei, einen Teamkollegen etwa im Titelkampf unterstützen zu wollen, stelle das für den früheren Formel-1-Fahrer kein Problem dar.

"Aber ich hätte nie akzeptiert, wenn ich eine Anordnung von einem Team bekommen hätte", blickt Berger auf die eigene aktive Zeit zurück. "Das sehe ich als unsportlich und als einen Eingriff in den sportlichen Erfolg. Deshalb sei es wichtig gewesen, klarzustellen, dass ein Fahrer seitens seines Arbeitgebers "keine Maßnahmen fürchten muss, wenn er es nicht so macht".

Wie genau das Teamorder-Verbot definiert ist, steht offiziell noch nicht fest. Es könnte sich hier um Maßnahmen in Folge von direkten oder indirekten Anweisungen durch einen Hersteller an einen Fahrer handeln. Mit der Veröffentlichung des Sportlichen Reglements für 2020 ist aufgrund der aktuellen Corona-Zeit erst kurz vor dem Auftakt in Spa-Francorchamps am 01. August zu rechnen.

Wie die Regel umzusetzen ist, erklärt Berger auch: "Das kann der Fahrer selbst kontrollieren. Wenn ein Fahrer solche Maßnahmen macht und nachher der Meinung ist: 'Ich habe das unter Zwang meines Teams gemacht', dann ist das regelwidrig. Wenn er das selbst entscheidet, dann entscheidet er das selbst."

Absprachen und Ansagen schon vor den Rennen

Ob die wiedereingeführte Regel tatsächliche Auswirkungen auf das Geschehen auf der Rennstrecke hat, wird sich zeigen und darf zumindest bezweifelt werden. Unter dem Teamorder-Verbot werden die Involvierten ihre Aktionen und Aussagen in der Öffentlichkeit nun noch genauer überdenken, um nicht in Verdacht zu geraten, gegen das Reglement verstoßen zu haben und dadurch eine Strafe - in welchem Ausmaß auch immer - zu riskieren.

Durch das 2017 eingeführte Verbot des Funkverkehrs ist es während eines Rennens ohnehin nicht möglich für die Kommandostände, unmittelbaren Einfluss zu nehmen. Auf Teamorder-Ansagen während der Boxenstopps, wo Fahrer und Team miteinander kommunizieren dürfen und die für Jedermann hörbar sind, wurde in der Vergangenheit verzichtet.

Das war laut unterschiedlicher Insider auch gar nicht nötig, weil mögliche Szenarien bereits in den Hersteller-internen Briefings vor einem Rennen durchdiskutiert und dann meist von den Fahrern entsprechend der Situation umgesetzt wurden.

In den letzten Jahren wurden unterschiedliche Argumente vorgetragen, um per Vorab-Anweisung in den Verlauf eines Rennwochenendes einzugreifen. Von der Kontaktvermeidung zwischen Markenkollegen über Taktiken im Falle einer möglichen Safety-Car-Phase bis hin zu unterschiedlichen Boxenstoppstrategien und Unterstützung der Titelfavoriten bereits ab dem Qualifying gab es stets mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe, nicht alle Fahrer nach Belieben frei fahren zu lassen.

Nur ein paar Beispiele

Teamorder war in so ziemlich jeder DTM-Saison ein großes Thema in der Öffentlichkeit, wenn es wieder einmal zu einem augenscheinlichen Zwischenfall kam. Wie 2019, als sich die beiden Audi-Titelanwärter Rene Rast und Nico Müller in Brands Hatch nicht gegenseitig angriffen. Ausufernde Diskussionen und Anschuldigungen in der Öffentlichkeit waren die Folge.

Oder 2018, als Timo Glock der Konkurrenz von Mercedes vorwarf, Lucas Auer als Bremsklotz zu benutzen. Oder 2015, wo Maximilian Götz auf dem Nürburgring für Markenkollege und Titelfavorit Pascal Wehrlein verlangsamte. Oder auch 2007, als Alexandre Premat seinen Sieg in Zandvoort an Audi-Kollege Martin Tomczyk herschenkte. Die Liste kann über die Jahre hinweg beliebig verlängert werden mit mehr oder wenigen auffälligen Ereignissen - offizielles Teamorder-Verbot hin oder her.

Teamorder: ja, aber ab wann?

Im Mittelpunkt stand anschließend meist die Frage, zu welchem Zeitpunkt in der Saison ein Eingriff vertretbar ist. Solange die Fahrer zumindest im ersten Drittel eines Meisterschaftsjahres frei gegeneinander und für sich selbst fahren konnten, fand der Stallregie-Problemfall in der DTM meist Akzeptanz. Je näher jedoch eine Titelentscheidung rückte, desto hitziger wurde es auf und abseits der Rennstrecke.

Auch mit der Wiedereinführung des Teamorder-Verbotes ist nicht damit zu rechnen, dass alle Fahrer und Teams bis zum letzten Rennen nur auf die eigenen Interessen bedacht sind. Dem individuellen Drang nach Siegen und Titeln stehen mögliche Folgen für die Zukunft gegenüber. Und ein Kampf mit dem Messer zwischen den Zähnen führte in der DTM ohnehin nur selten zum Erfolg.

Glock: Unterstützung ist keine Teamorder

"Wenn ich in der Meisterschaft nichts mehr reißen und irgendeinem BMW helfen kann, dann schalte ich meinen Kopf ein und werde nicht komplett dagegenhalten, sondern versuchen, dem zu helfen", sagt BMW-Werkspilot Timo Glock.

Der frühere Formel-1-Fahrer weiter: "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit, hat aber nichts mit Teamorder zu tun, sondern damit, dass man eins und eins zusammenzählen kann. Am Ende wollen wir für BMW die Meisterschaft holen und ich habe kein Problem damit, wenn ich in der Meisterschaft nichts zu melden habe, meinem Teamkollegen, der vielleicht eine Chance hat, zu helfen."


Mitarbeiter Motorsport Designer Journalismus Programmierer Video