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DTM - Teamorder-Vorwürfe: Audi-Motorsportchef Gass im Interview

Nach dem DTM-Rennen in Brands Hatch: Audi-Motorsportchef Dieter Gass bezieht im Exklusiv-Interview Stellung zu Scheider-Kritik und Teamorder-Vorwürfen.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Nach dem DTM-Rennwochenende in Brands Hatch steht Audi im Fokus. Vierfachsieg auf der einen Seite, Teamorder-Vorwürfe und laute Kritik auf der anderen. Motorsport-Magazin.com nutzte am Dienstag dieser Woche die Gelegenheit, mit Audi-Motorsportchef Dieter Gass ausführlich über das aktuelle Geschehen zu sprechen. Wir trafen ihn in seinem Büro im Audi Kompetenz-Center Motorsport in Neuburg.

Wie bewerten Sie die Kritik und den Vorwurf der Teamorder von Timo Scheider vor und während des Wochenendes in Brands Hatch?
Dieter Gass: Ich fand das schade. Was in der Kolumne stand, ist für mich nicht nachvollziehbar. Natürlich kann kein Mensch erwarten, dass nach einer Situation wie am Norisring Rene zu Nico geht und sagt: "Toll gelaufen". Das ist ganz logisch. Beide waren in einer guten Situation, das Rennen zu gewinnen. Dann passierte ein Kontakt, den wir unter Markenkollegen nicht sehen wollen. Es ist auch logisch, dass das keine Absicht war, denn jeder Fahrer weiß, wie das in der DTM gehandhabt wird, wenn so etwas passiert.

Nico hat direkt im Anschluss an das Rennen einen großen Teil der Schuld auf sich genommen. Damit war das für mich erledigt. Es ist grundsätzlich so, dass wir ein sehr gutes Verhältnis zwischen unseren Fahrern haben und dass die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Was der Timo da hochbeschwört, sehe ich so nicht.

Scheider sagte nach dem Sonntagsrennen in Brands Hatch: "Müller war schneller und hätte es probieren können. Das hat er aber nicht, weil er nicht durfte." Können Sie das bestätigen?
Dieter Gass: In erster Linie fängt das an mit dieser ganzen Polemik um die Push-to-Pass-Situation. Das wurde permanent thematisiert, dazu habe ich bereits Stellung bezogen. Wir haben alle gesehen, dass die Motoren an der Grenze der Zuverlässigkeit sind. Wir haben unseren Motor auf die maximale Leistung entwickelt, was das gegebene Paket war. Danach kam das Push-to-Pass dazu. Dadurch konnten wir keine Entwicklungsanpassungen mehr vornehmen. Deshalb habe ich die Maßgabe herausgegeben, dass wir Push-to-Pass nur dann benutzen, wenn es wirklich unbedingt sein muss. Und gegen einen Markenkollegen muss es definitiv nicht unbedingt sein.

Wir sind jetzt in einem Stadium der Meisterschaft, in dem es wirklich um die Wurst geht und wir einen sehr starken und nicht zu unterschätzenden Wettbewerber haben. Da dürfen wir natürlich keine Punkte verschenken. Das heißt letztendlich, dass wir uns nicht gegenseitig das Leben schwer machen werden und Rene und Nico mit Sicherheit schon gar nicht.

Scheider sagte auch: "Die verkaufen uns, dass frei gefahren wird. Ich habe aber kein freies Racing gesehen." Wir konnten diesbezüglich keine öffentlichen Aussagen seitens Audi finden. Was sagen Sie dazu?
Dieter Gass: Auch Timo Scheider kann sich daran erinnern, als er in der DTM gefahren ist und zwei Meisterschaften gewonnen hat, dass er wahrscheinlich auch nicht nur gewonnen hat, weil er besser war als alle anderen, sondern auch ein bisschen Unterstützung erfahren hat. Die Situation, wie frei wir fahren, verändert sich natürlich im Laufe der Saison. Wir fahren los in die Saison und da wird vollkommen frei gefahren. Da hat jeder die gleichen Chancen. Irgendwann in der Saison kristallisiert sich heraus, dass der eine Meister werden kann und der eine oder andere nicht mehr. Dann liegt es für mich in der Natur der Sache, da arbeiten wir im Team ja auch drauf hin, dass der eine oder andere auch mal einen Meisterschaftskandidaten unterstützt.

Gab es am Sonntag in Brands Hatch nach dem Qualifying, als alle acht Audis in der Startaufstellung vorne standen, die Ansage, dass Pole-Setter Rene Rast im Rennen nicht überholt werden darf?
Dieter Gass: In dieser Form gab es die Ansage nicht, nein.

Was war dann die Ansage?
Dieter Gass: Wir haben natürlich in erster Linie versucht, vor Marco Wittmann zu bleiben. Und es gibt eine interne Priorisierung auf Rene und Nico. Man kann aber nicht sagen, dass ein Fahrer nicht überholt werden darf. Das riskiert, dass man im Endeffekt das Rennen gar nicht gewinnt. Ein Fahrer könnte ja ein Problem bekommen. Beispielsweise haben wir auch Jamie Green früh an die Box geholt, um uns gegen ein Safety Car abzusichern. Wenn das eintritt, dann wird Jamie zwangsläufig vor Rene ankommen. Es hätte auch Situationen geben können, in denen ein anderer Fahrer vor Rene landet. Etwa Nico nach dem Boxenstopp.

DTM-Video, Brands Hatch: Zusammenfassung des Sonntags-Rennens: (03:27 Min.)

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com hatte Rast während des Sonntagsrennens ein technisches Problem an seinem Auto. Können Sie das bestätigen?
Dieter Gass: Ja, es gab ein kleines Problem am Auto, das sich während des Rennens entwickelt hat.

Am Rennende nach 42 Runden lagen Sieger Rast und der Zehntplatzierte Marco Wittmann nur 7,837 Sekunden auseinander. Und das, obwohl es keine Safety-Car-Phase gab, die das Feld automatisch zusammengeführt hätte. Lässt sich daraus folgern, dass Rast an der Spitze nicht so schnell fuhr wie er theoretisch hätte fahren können?
Dieter Gass: Rene und das Rennen waren ein Stück weit von den in Assen gemachten Erfahrungen geprägt. Nach so einer Situation neigen alle dazu, erst einmal ein bisschen zu überreagieren und übervorsichtig in das Rennen reinzugehen. Ich habe mich an der Boxenmauer gefragt: Managt Rene seine Reifen oder gibt's da wirklich ein Problem? Die Frage kann man nicht eindeutig beantworten, solange man nicht mit dem Fahrer sprechen kann.

Zu den Abständen: Wir haben gesehen, wie schwierig das Überholen in Brands Hatch ist. Philipp Eng hatte über einige Runden eine deutlich bessere Pace als Loic Duval, kam aber nicht vorbei. Das spiegelt die Situation der vorne fahrenden Audis wider. Wahrscheinlich hätte Nico schneller fahren können, aber ein Überholmanöver - ohne, dass der vorne Fahrende einen Fehler macht - ist trotzdem nicht einfach. Da muss sich jeder Rennfahrer die Frage stellen: "Gehe ich hier ein Risiko ein oder nicht?"

Die ganze Situation könnte durch das von uns recherchierte technische Problem an Rasts Auto eine neue Bedeutung erhalten. Wenn Müller und dahinter folgend sein Audi Sport Team Abt Sportsline-Teamkollege, Robin Frijns, an Rast vorbeigekommen wären und Duval auf P4 nicht gegen Eng verteidigt hätte, hätte Rast unter Umständen 'aufgefressen' werden können. Können Sie sich vorstellen, worauf ich damit hinaus möchte?
Dieter Gass: Ohne es zu wissen, kann ich versuchen, dazu etwas zu sagen. Grundsätzlich wissen wir nicht, wie viel langsamer er aufgrund des Problems gefahren ist. Das können wir während des Rennens nicht wissen. Das wissen auch die Fahrer hintendran nicht. Im Endeffekt: Was hätten Nico, Robin oder wir anders tun sollen oder können?

Müller sah in seinem Auto die gefahrenen Delta-Zeiten. Da wundert es mich, dass er nicht stärker angegriffen hat angesichts der Möglichkeit, dass Rast nicht schneller fahren konnte - anstatt nicht schneller fahren zu wollen.
Dieter Gass: Das weiß Nico ja nicht. Und wenn Sie sich die Rundenzeiten anschauen, sieht man, dass Rene zum Ende wieder schneller gefahren ist. Wahrscheinlich auch ein bisschen dadurch bedingt, dass Nico DRS benutzt hat. Und das merkt auch Nico dahinter und er sieht: 'Rene fährt jetzt wieder schneller. Ich habe DRS, er nicht'. Da kann er natürlich annehmen, dass Rene deutlich schneller fahren könnte. Und Nico sieht auch, dass er nicht risikofrei überholen kann.

Das bringt mich zurück zur Situation zwischen Eng und Duval. Eng war zeitweise zwei Sekunden schneller, kam aber nicht vorbei. Und Nico ist intelligent genug zu wissen, wenn Rene nicht will, dass er ihn überholt und verteidigt, dann kommt er ohne Risiko nicht vorbei. Das nimmt er dann nicht gegen den Teamkollegen und Meisterschaftsführenden, wenn er weiß, dass grundsätzlich eine Prioritäten-Situation gegeben ist.

Hätte Müller Vordermann Rast überholen dürfen?
Dieter Gass: Die beiden Meisterschaftsführenden werden mit Sicherheit nicht gegeneinander kämpfen. Und ohne Kampf und Risiko wäre das nicht gegangen. Wir haben genug Hohn und Spott geerntet am Norisring. Das brauche ich kein zweites Mal. Es gibt eine Priorisierung. Nebenbei bemerkt sind diejenigen, die sich momentan am meisten über unsere Priorisierung beschweren, dieselben, die am lautesten lachen, wenn es zu einem Kontakt kommt.

Wir haben vor allem in dieser Saison die Komponente der Zuverlässigkeit, die im Vergleich zu anderen Saisons als neues Zusatzelement hinzugekommen ist. Da kann man es sich in keiner Situation erlauben, Punkte herzuschenken. Und den Kampf bis aufs Messer zwischen Markenkollegen wird man sowieso nie sehen.

Wenn Nico nach dem Boxenstopp vorne gewesen wäre, hätte Rene schneller sein müssen, damit er wieder vorbeikommt.

Rene Rast feierte in Brands Hatch seinen vierten Saisonsieg - Foto: Audi Communications Motorsport

Stichwort Boxenstopp: Es gab Diskussionen über den Zeitpunkt des Pflicht-Reifenwechsels von Müller beim Samstags-Rennen in Assen. Wir haben erfahren, dass Sie die Entscheidung getroffen haben. Treffen nicht eigentlich die Teams selbst solche Entscheidungen? Das klingt unüblich.
Dieter Gass: Nicht ganz. Ja, die Teams schauen sich ihre Strategie an, es gibt aber trotzdem immer eine Absprache mit unseren Leuten. Weil wir verschiedene Sachen verhindern müssen, etwa, dass zwei Autos gleichzeitig reinkommen. Dass ich einen solchen Strategie-Call mache wie diesen in Assen, ist in der Tat unüblich und passiert nur in Ausnahmefällen.

In dieser konkreten Situation habe ich gesagt: "Wenn wir zum Rennende hin ein Safety Car kriegen und dadurch alles verlieren, ist das der Super-GAU." Außerdem war für mich ersichtlich, dass das Rundenzeit-Delta zwischen Nico und Marco Wittmann immer kleiner wurde. Marco wurde immer schneller auf abtrocknender Strecke. Nico auch, aber nicht in dem Maße. Nach meiner Einschätzung hätte Nico seinen Vorsprung nicht weiter ausgebaut, sondern eher verloren.

Da war es mir lieber, gegen das Safety Car abzudecken und die Position sicher nach Hause zu fahren als eventuell doch noch einen Rennsieg einzufahren. Ob die Einschätzung richtig oder falsch war, lasse ich mal dahingestellt. Es gibt auch bei Audi Leute, die sagen, dass sie definitiv falsch war. Ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt.

Am Montag nach dem Rennen in Brands Hatch hieß es in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass Sie damit Wittmann und BMW den Sieg in Assen geschenkt und den schärfsten Konkurrenten ins Spiel gebracht hätten. Diese Aktion habe für mächtig Wirbel bei Audi bis in die Vorstandsebene gesorgt. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Dieter Gass: Nicht zum ersten Mal von diesem Journalisten. Vorstandsebene? Dann scheint er bei uns die Leute im Vorstand besser zu kennen als ich. Zu mir ist keiner gekommen und hat gefragt: "Gass, was hast du denn da gemacht?" Das ist für mich eine Unverschämtheit und ich würde gern wissen, wo der Herr die Informationen her hat, so etwas zu schreiben.

Aber nach wie vor, da bin ich auch selbstkritisch: Ich kann nicht ausschließen, dass Nico dieses Rennen gewonnen hätte. Aber so glasklar, wie es hier dargestellt wird, ist es nicht. Dazu muss man sich die Zeiten ganz genau anschauen. Vor allem die Runden vor dem Stopp. Wenn die Entwicklung der Zeiten so weitergegangen wäre, hätte Nico das Rennen niemals gewonnen. Es kann sein, dass die Entscheidung nicht richtig war. Aber der Motorsport lebt davon, dass man Entscheidungen in einem Moment treffen muss, mit den zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Informationen.

Wie ist die Stimmung bei den restlichen Audi-Fahrern wie Mike Rockenfeller, wenn die Priorisierung auf zwei Meisterschaftskandidaten liegt?
Dieter Gass: Die wissen, dass jeder in jede Situation kommen kann. Gerade Mike ist jemand, der in dieser Hinsicht in den letzten Jahren extrem gewachsen ist. Mike hat 2013, als er Meister wurde, auch eine Unterstützung von seinen Teamkollegen erhalten. Es ist ein Geben und Nehmen. Und solange das so ist, funktioniert es auch gut. Dass direkt nach einem Rennen ein Fahrer denkt, "Ich hätte auch gern gewonnen", ist klar. Mike ist jemand, der da auch ein gutes Gesamtbild hat. Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Rene angefangen hat, einen Lauf zu bekommen. Da kam Mike von sich aus zu mir und sagte: "Alle für den Rene."

Nimmt man das Wort 'Teamorder' in der DTM nicht gern in den Mund?
Dieter Gass: Wir schauen uns die Situation an als Teamarbeit. Was ist Teamorder? Was ist Teamwork? Das ist eine sehr schmale Grenze. Unsere Fahrer arbeiten zusammen und wissen auch, was das Ziel ist: die Meisterschaft zu gewinnen. Solange das sportlich fair und im Rahmen des Reglements abläuft, finde ich das vollkommen in Ordnung.

Welche Wirkung haben die aktuellen Diskussionen für die Außenwirkung der DTM?
Dieter Gass: Das kann ich nicht beurteilen. Die ganze Diskussion kommt im Endeffekt nur dadurch, weil kein Wettbewerber in der Lage war, in die Audi-Phalanx einzubrechen. Das ist in erster Linie nicht unbedingt ein Audi-Problem.

Audi-Motorsportchef Dieter Gass - Foto: Audi Communications Motorsport

Könnte das zur Folge haben, dass zu den nächsten Rennen weniger Zuschauer an die Rennstrecke kommen oder sie im Fernsehen verfolgen?
Dieter Gass: Grundsätzlich ist es so: Je spannender die Meisterschaft, desto mehr Leute schauen zu. Das sollte relativ unabhängig davon sein, ob das Fahrer von einer oder mehreren Marken sind.

BMW wird sich im Titelkampf vermutlich auf Marco Wittmann konzentrieren. Wie gefährlich können Wittmann und BMW werden?
Dieter Gass: Das sehen Sie so. In dem Moment, wo ich einen Gegner unterschätze, habe ich schon den ersten Fehler gemacht. Wir können keinen Gegner unterschätzen, auch Philipp Eng nicht. Marco Wittmann hat dieses Jahr schon vier Rennen gewonnen, in der Vergangenheit zwei Meisterschaften. Der weiß, wie das geht. Das ist ein extrem gefährlicher Gegner.


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