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DTM / Hintergrund

Audi-Teamorder? DTM-Boss Berger mahnt zu Sachlichkeit

Die Diskussion um Audi und die Titelanwärter Rene Rast und Nico Müller ist hochkomplex. Motorsport-Magazin.com befragt Dieter Gass und Gerhard Berger.
von Robert Seiwert & Arno Wester
DTM-Video, Brands Hatch: Zusammenfassung des Sonntags-Rennens: (03:27 Min.)

Das Sonntagsrennen der DTM in Brands Hatch mit dem ersten Vierfach-Saisonsieg durch Audi, angeführt durch die beiden Titelanwärter Rene Rast und Nico Müller, sorgt im Nachgang für große Diskussionen. Durfte Müller seinen Audi-Markenkollegen nicht attackieren oder entschied er sich aus nachvollziehbaren Gründen dagegen?

Auch angefacht durch die zahlreichen Vorwürfe des zweifachen DTM-Champions und Sat.1-Experten Timo Scheider, geriet der große Erfolg des Autobauers aus Ingolstadt in den Hintergrund. DTM-Chef Gerhard Berger fordert nun dazu auf, in dieser Debatte sachlich zu sein und zu differenzieren.

Auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com teilt der frühere Formel-1-Fahrer mit: "Niemand wurde vorbeigewunken, niemand hat einen Sieg hergeschenkt. Vielmehr musste Nico Müller mit Blick auf seine eigenen Titelchancen abwägen, ob er den Titelkandidaten und Teamkollegen Rast angreift und damit seine 18 Punkte riskiert."

Fakt ist: Bei Audi gibt es eine Priorisierung auf die Meisterschaftskandidaten Rast und Müller, die die Tabelle nach 12 von 18 Rennen anführen. Auch Fakt: Müller hätte das Rennen in Brands Hatch aus eigener Kraft gewinnen können. Allerdings durfte der Schweizer in dieser konkreten Situation aufgrund des vorhandenen Risikos, dass es beim Überholversuch zu einer Kollision hätte kommen können, nicht angreifen.

Gass: Kein Kampf der Meisterschaftsführenden

"Die beiden Meisterschaftsführenden werden mit Sicherheit nicht gegeneinander kämpfen", sagt Audi-Motorsportchef Dieter Gass im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com, das an diesem Donnerstag erscheint. "Und ohne Kampf und Risiko wäre das nicht gegangen. Wir haben genug Hohn und Spott geerntet am Norisring. Das brauche ich kein zweites Mal. Es gibt eine Priorisierung."

Damit spielt Gass auf die Situation beim dritten Rennwochenende auf dem Nürnberger Stadtkurs an, als Müller und Rast im direkten Duell kollidierten. Müller kassierte eine Durchfahrtsstrafe, Rast wurde gedreht und fiel zurück. Bei der anschließenden Besprechung fielen deutliche Worte. "Eine halbe Stunde später war die Sache abgehakt", versicherte Rast.

DTM-Fahrerwertung 2019 nach 12/18 Rennen

Position Fahrer Hersteller Punkte
1 Rene Rast Audi 206
2 Nico Müller Audi 169
3 Marco Wittmann BMW 147
4 Philipp Eng BMW 129
5 Mike Rockenfeller Audi 108

In Brands Hatch erhielten Rast, der wegen durchdrehender Räder hinter Loic Duval auf den zweiten Platz zurückgefallen war, von der Pole Position und Müller vom sechsten Startplatz keine Gegenwehr von ihren Markenkollegen. Ab der 16. bis zur 42. Runde (Zieleinlauf) betrug Müllers Rückstand auf Rast nie mehr als drei Sekunden. In den letzten drei Umläufen waren es höchstens 0,656 Sekunden Unterschied, bis Rast die Ziellinie mit 0,240 Sekunden Vorsprung überquerte.

Eine mögliche Siegchance wurde Müller beim Boxenstopp genommen, als er in der 11. Runde direkt hinter Rast zum Pflicht-Reifenwechsel folgte. Im Vergleich zu Rast dauerte Müllers Boxenstopp 4,463 Sekunden länger, weil Mechaniker seines Audi Sport Team Abt Sportsline ein Hinterrad nicht korrekt montiert hatten. Müller im Anschluss: "Die fünf, sechs Sekunden musste ich erst mal zufahren. Und dabei musste ich die Reifen rannehmen. Da habe ich dieses kleine Extra, was es hier braucht, verschossen."

Gass: Dann hätte Rene schneller sein müssen...

Gass erklärt anhand dieser konkreten Situation, dass Müller das Rennen durchaus hätte gewinnen dürfen: "Wenn Nico nach dem Boxenstopp vorne gewesen wäre, hätte Rene schneller sein müssen, damit er wieder vorbeikommt."

Auch Scheider sprach von einer schwierigen Situation und räumte ein, dass ohne den schiefgegangenen Boxenstopp die Möglichkeit bestanden hätte, zu überholen. Zudem fügte der frühere Audi- und heutige BMW-Werksfahrer an: "Meine Meinung: Er (Müller; d. Red.) war schneller und hätte es probieren können. Hat er aber nicht, weil er nicht durfte."

Müller argumentierte bei Sat.1 auf die Frage, ob es als Rennfahrer weh tue, wenn man nicht überholen soll, dass er die Chance ergriffen hätte, wenn er deutlich schneller gewesen wäre.

Gass zu Scheiders Meinung: "Wir sind jetzt in einem Stadium der Meisterschaft, in dem es wirklich um die Wurst geht und wir einen sehr starken und nicht zu unterschätzenden Wettbewerber haben. Da dürfen wir natürlich keine Punkte verschenken. Das heißt letztendlich, dass wir uns nicht gegenseitig das Leben schwer machen werden und Rene und Nico mit Sicherheit schon gar nicht."

Exklusiv: Technisches Problem bei Rast

Was zunächst nicht bekannt war: Rast litt im Sonntagsrennen an technischen Schwierigkeiten, wie exklusive Recherchen von Motorsport-Magazin.com ergeben haben. Gass bestätigt dies und spricht von einem kleinen technischen Problem, das sich während des Rennens entwickelt habe.

Ein Hinweis darauf, dass Rast (persönliche Bestzeit in Runde 2, 1:19.347) an der Spitze möglicherweise nicht so schnell fahren konnte wie er es gewollt hätte: Am Rennende nach 42 Runden lagen er und der Zehntplatzierte Marco Wittmann nur 7,837 Sekunden auseinander. Und das, obwohl es keine Safety-Car-Phase gab, die das Feld automatisch zusammengeführt hätte. Einen solch geringen Zeitabstand hat es in der DTM bei freiem Fahren, also ohne Safety-Car-Einsatz, schon lange nicht mehr gegeben.

DTM: Brands Hatch, Rennen 2 (Top-10)

Position Fahrer Hersteller Rückstand
1 Rene Rast Audi
2 Nico Müller Audi +0,240
3 Robin Frijns Audi +0,598
4 Loic Duval Audi +2,362
5 Philipp Eng BMW +2,889
6 Mike Rockenfeller Audi +3,523
7 Sheldon van der Linde BMW +4,789
8 Daniel Juncadella Aston Martin +5,229
9 Jake Dennis Aston Martin +6,193
10 Marco Wittmann BMW +7,837

Hätte Müller in Kenntnis von Rasts Problemen profitieren und einen dadurch sichereren Angriff wagen können? Gass: "Das weiß Nico ja nicht. Und wenn Sie sich die Rundenzeiten anschauen, sieht man, dass Rene zum Ende wieder schneller gefahren ist. Wahrscheinlich auch ein bisschen dadurch bedingt, dass Nico DRS benutzt hat. Und das merkt auch Nico dahinter und er sieht: 'Rene fährt jetzt wieder schneller. Ich habe DRS, er nicht'. Da kann er natürlich annehmen, dass Rene deutlich schneller fahren könnte. Und Nico sieht auch, dass er nicht risikofrei überholen kann."

Ein Vergleich der theoretischen Bestzeiten im gesamten Rennen zeigt: Rast (1:19.170) kam auf die zweitlangsamste theoretische Bestzeit aller Fahrer, während Müller (1:18.775) bestplatzierter Audi-Werksfahrer war. In der Topspeed-Tabelle belegte Müller (263 km/h) hinter Spitzenreiter Pietro Fittipaldi (267 km/h) den zwölften Rang. Vorletzter auch hier: Rast mit einer Höchstgeschwindigkeit von 257 km/h.

DTM: Brands Hatch, Rennen 2 - Theoretische Bestzeiten

Position Fahrer Hersteller Theoretische Bestzeit
1 Pietro Fittipaldi WRT-Audi 1:18.169
2 Timo Glock BMW 1:18.186
3 Marco Wittmann BMW 1:18.275
4 Joel Eriksson BMW 1:18.461
5 Philipp Eng BMW 1:18.515
6 Jake Dennis Aston Martin 1:18.550
7 Nico Müller Audi 1:18.775
8 Ferdinand Habsburg Aston Martin 1:18.841
9 Jonathan Aberdein WRT-Audi 1:18.864
10 Jamie Green Audi 1:18.872
... ... ... ...
17 Rene Rast Audi 1:19.170

Berger fordert im Bewusstsein um diese durchaus heikle Thematik, dass Müller, der erstmals seit seinem DTM-Einstieg 2014 aussichtsreiche Chancen auf die Meisterschaft besitzt und sich in den vergangenen Jahren mehrfach in den Dienst des Teams stellen musste, in den kommenden Rennen Biss zeigt.

Der Österreicher über Müller, dessen Rückstand auf Rast 37 Punkte beträgt: "Wenn er weiter als Titelkandidat leichtfertig zurücksteckt und sich mit einem zweiten Platz zufrieden gibt, dann nimmt sein Ruf als Rennfahrer Schaden. Dann zeigt er nicht den Killerinstinkt, der bei den letzten Rennen bei ihm aufgeblitzt ist und der mir zeigt, dass er diesen Instinkt hat."

Berger mahnt, dass anhand der Vorkommnisse in Brands Hatch keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sollten, und weiter: "In Brands Hatch wurde niemand vorbeigewunken, niemand hat angehalten, um einen Sieg an den Kollegen herzuschenken. Ich habe schon mehrfach gesagt, dass mir als ehemaligem Rennfahrer Stallorder sehr zuwider ist. Wir werden sicher bei den nächsten Rennen genau hinschauen - und die Fans sowieso."


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