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Isle of Man Tourist Trophy: So schaurig, so schön

Die Tourist Trophy auf der Isle of Man ist das gefährlichste Motorradrennen der Welt. Sie ist aber auch das schönste, intensivste und magischste von allen.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Es ist 04:15 Uhr auf der Isle of Man, als der Wecker an meinem Handy läutet. Bewusst habe ich es am anderen Ende des Hotelzimmers positioniert, um zu verhindern, dass ich einfach die Schlummertaste betätige und wieder einnicke. Denn das Erlebnis, das mir bevorsteht, stand schon zu lange auf meiner Wunschliste, um es jetzt wegen ein paar Stunden Schlaf mehr zu versäumen.

Der Tag ist Freitag, der 8. Juni 2018. Heute geht die Senior TT über die Bühne, das traditionell letzte und prestigeträchtigste Rennen der seit 1907 ausgetragenen Tourist Trophy. Bevor um 12:45 Uhr die Stars der Szene wie Ian Hutchinson, Michael Dunlop, Dean Harrison oder Peter Hickman mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von weit über 200 Stundenkilometern über den mehr als 60 Kilometer langen Straßenkurs jagen, bin ich dran. Pünktlich um fünf Uhr werfe ich die Honda CB1000R an - mein Spielgefährte für diesen Tag.

Von den rund 215 Pferdestärken der hier im Rennen verwendeten Superbikes bin ich ein Stück entfernt, das Brodeln des 145 PS starken Reihenvierzylinders in der Tiefgarage des Manin Hotels in der Inselhauptstadt Douglas vermittelt mir aber, dass für mich hier definitiv genug Leistung zur Verfügung steht. Wenige Minuten später stehe ich zusammen mit elf Journalistenkollegen und zwei Guides in der Boxengasse des Mountain Course, der gefährlichsten Rennstrecke der Welt. Es geht los.

Die Isle of Man: Ein wunderschöner Flecken Erde

Die Szenerie auf der Isle of Man 2018: Fast kitschig. Wie in den gesamten zwei Wochen der diesjährigen Tourist Trophy zeigt sich das Wetter auf der Isle of Man - völlig ungewohnt - von seiner besten Seite. So schön war es hier während der TT nur ganz selten, bestätigt mir auch Wheely-Konni. Der Deutsche kommt seit 30 Jahren auf die Insel - seit jeher mit der gleichen, von Aufnähern und Autogrammen übersäten Lederkombi - und kann sich nur an zwei Ausgaben mit so tollem Wetter erinnern.

Konni, im Zivilberuf Bankangestellter, ist eine echte TT-Legende, ein Insel-Original. Er behauptet von sich, als Einziger von der Regierung der Isle of Man eine Genehmigung für Wheelies zu haben. Die sind seit 1997 hier nämlich verboten, zu viele Unglücke gab es dabei. Ob Konni tatsächlich über eine Ausnahmegenehmigung verfügt, ließ sich nicht überprüfen. Dass er einen ordentlichen Wheely beherrscht, beweist er uns aber, als er auf dem Hinterrad die malerische Hafenpromenade entlang rast.

Malerisch präsentiert sich die Isle of Man auch an diesem Freitagmorgen für meine ganz persönliche Runde auf dem Mountain Course. Die sanften Grashügel und die beschaulichen Ortschaften, in denen sich hartgesottene Fans bereits jetzt die besten Plätze gesichert haben, könnten in keinem größeren Kontrast zum schnellsten und tödlichsten Motorradrennen der Welt stehen, das hier über die Bühne geht. Die aufgehende Sonne taucht die Insel an diesem Frühsommermorgen in ein warmes Licht.

Auf der Isle of Man herrschte 2018 Traumwetter - Foto: iomtt.com

Warm ums Herz wird mir, als ich die Schlüsselstellen der Strecke passiere. Der steil abfallende Bray Hill kurz nach dem Start, der Sprung über die Ballaugh Bridge oder die Highspeedpassagen am höchsten Punkt des Kurses, dem Berg Snaefell - allesamt Abschnitte, die unglaublich Mut erfordern, um sie wie die besten Road Racer der Welt mit Renntempo zu durchfahren.

TT Isle of Man 2018: Ein Jahr der Rekorde

Knapp 40 Minuten dauert unsere Runde um den Snaefell Mountain Course, so heißt die Strecke auf der Isle of Man. Damit sind wir trotz zügigem Tempo rund 23 Minuten langsamer als die schnellsten Männer an diesem Tag. 16 Minuten und 42,778 Sekunden sollte Peter Hickman wenige Stunden später brauchen und damit einen neuen Rekord aufstellen. 217,989 Stundenkilometern Schnitt entspricht diese Zeit, mit der Hickman in der letzten der sechs Runden Dean Harrison noch abfangen konnte, sich so zum Sieger der Senior TT krönte und gleichzeitig die Isle of Man TT wieder zum schnellsten Motorradrennen der Welt machte. Dieses Prädikat durfte zwischenzeitlich der Ulster-Grand-Prix tragen.

Peter Hickman feiert seinen Sieg auf der Isle of Man 2018 - Foto: BMW Motorsport

Die Tourist Trophy auf der Isle of Man war 2018 ein Feuerwerk der Rekorde. Am laufenden Band wurden über alle Klassen hinweg bestehende Bestmarken unterboten. "Es hat während der gesamten TT nicht geregnet. Wir haben extrem viel Gummi auf dem Asphalt. Die Strecke ist in perfektem Zustand", verweist Honda-Mechaniker Carl auf das gute Wetter in den zwei TT-Wochen, während er das Superbike von Ian Hutchinson betankt. Diese Maschinen sind die stärksten in der TT und entsprechen dem Reglement der Superbike-Weltmeisterschaft. Nur auf Elektronik wird hier praktisch völlig verzichtet. Sprünge, Bodenwellen oder Schlaglöcher lassen jede Soft- und Hardware verrücktspielen. Da verzichtet man lieber gleich komplett darauf.

24 Liter füllt Carl in den Tank der Fireblade. Das reicht für zwei Runden am Mountain Course. Die Honda kommt im Normalfall mit gut zehn Litern durch, andere Bikes brauchen deutlich mehr und stehen somit bei den Boxenstopps länger. "Wir haben nicht das durstigste Motorrad, dafür aber die durstigsten Mechaniker", lacht Teammanager Neil Tuxworth, der 1973 selbst auf dem TT-Podium stand.

Ein Erfolg, der seinen Piloten Ian Hutchinson und Lee Johnston im Honda-Werksteam dieses Jahr nicht vergönnt war. "Wenn man bedenkt, dass wir mit einem Zwerg aus Nordirland und einem einbeinigen Engländer angetreten sind, war es aber ganz okay", kann Tuxworth beim Abendessen nach der Senior-TT schon wieder lachen. Auch der tatsächlich ziemlich kleingewachsene Johnston und der nach einer Verletzung am Stock gehende Hutchinson haben ihren Spaß an der Rede ihres Chefs.

Die Isle of Man und der Tod

Ein kurzes Gespräch mit Hutchinson gibt einen Einblick in die Gedankenwelt der Road Racer auf der Isle of Man. Nach mehreren komplizierten Brüchen ist die Bewegungsfreiheit seines linken Beins massiv eingeschränkt, der Knöchel praktisch steif. Hutchinson braucht den Gehstock, um sich per pedes fortbewegen zu können, die Gangschaltung an seiner Honda musste auf die rechte Seite verlegt werden. "Normal gehen werde ich wohl nie mehr in meinem Leben können, aber Motorradfahren kann ich", sagt der 39-Jährige ohne jegliche Wehmut, mit ruhiger Stimme. Und das aus gutem Grund. Denn jeder, der die Insel wieder lebend verlässt, ist in gewisser Weise ein Sieger.

Der Tod ist hier allgegenwärtig - nicht nur, weil man vom Kontrollturm auf der Start-Ziel-Geraden direkt auf den Friedhof der Hauptstadt Douglas blickt. 257 Fahrer ließen in der Geschichte der TT ihr Leben, mit Dan Kneen und Adam Lyon auch zwei in diesem Jahr. Die Tourist Trophy ist in unserer modernen Welt, in der für so viele Menschen das Sicherheitsdenken stets im Vordergrund steht, ein absoluter Anachronismus.

Für die meisten bleibt unverständlich, wie man mit mehr als 300 km/h an Steinmauern, Gartenzäunen und Bäumen vorbeirasen kann. Einige würden die TT am liebsten ganz verboten sehen. Und doch bin ich, und jeder der vielen hundert Menschen im frei zugänglichen Fahrerlager der Isle of Man, der Meinung, dass für die TT auch in der heutigen Zeit Platz ist - ja sogar Platz sein muss.

Es ist zweifelsohne schrecklich, wenn junge Menschen aus dem Leben gerissen werden. Ausgerechnet bei der Tätigkeit, die ihre Zeit hier so aufregend macht. Aber ist es nicht schlimmer, wenn Menschen ein Leben führen, in dem derartige Höhepunkte völlig fehlen? Brigid Dobbs findet die richtigen Worte, wenn es um das ambivalente Verhältnis aller Beteiligten zur Tourist Trophy geht. Ihr Ehemann, der Neuseeländer Paul Dobbs, verunglückte 2010 auf der Isle of Man und hinterließ sie mit zwei Töchtern: "Du kannst den Tod nicht lieben. Du kannst den Verlust nicht lieben. Du kannst aber auch die Aufregung und den Kick nicht lieben, ohne zu wissen, dass all das Teil davon ist."

Snaefell Mountain Course - IOM TT

Länge 60,725 km
Kurven 219
Höhenunterschied 400 m
Rekord 16:42.778 Minuten (Hickman, BMW, 2018)
Schnitt 217,989 km/h
Bisherige Rennen 622
Todesfälle 257

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