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24h Nürburgring: Großer Ärger um neue Regel - Änderung möglich

Dicke Luft während und nach dem 24-Stunden-Rennen Nürburgring 2021: Höchst komplexe Regeländerung sorgt für Diskussionen, Änderung wird diskutiert.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Auch mehr als eine Woche nach Beendigung der 49. Auflage des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring wird kontrovers über die angewendete Regeländerung bei einer Unterbrechung mit Roter Flagge diskutiert. Nicht alle Beteiligten sind der Meinung, das Regelwerk müsse an dieser Stelle zwingend geändert werden.

Was war passiert? Am vorletzten Samstagabend um exakt 21:29 Uhr und damit nach fast sechs Stunden Fahrzeit hatte Rennleiter Walter Hornung vor allem wegen schlechter Sicht und im Sinne vieler Teilnehmer, die Reißleine gezogen.

"Wir haben einzelne Nebelbänke und die Bereiche erst einmal unter Code 60 gestellt. Dabei handelte es sich um fast ein Drittel der Strecke. Das hat dazu geführt, dass gerade bei den schnellsten Fahrzeugen (SP9 und SPX-Klasse, d. Red.) die Reifen abkühlen", erklärte Hornung seine Entscheidung. Dabei handelte es sich vor allem um einen Sicherheitsfaktor, mit dem man vor allem auf der Nordschleife nicht leichtfertig umgehen darf.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurden sofort Stimmen laut, die ein neues Reglements-Detail seit seiner Veröffentlichung kritisiert hatten: Was geschieht eigentlich bei einer Unterbrechung?

Porsche: Reglement nicht falsch

"Für uns war klar, dass es zu solch einem Vorfall kommen könnte. Aus meiner Sicht war das Reglement in diesem Punkt nicht falsch. Denn es bestand eine klare Regelung für ein Rote-Flagge-Szenario", meinte Sebastian Golz, der verantwortliche Projektleiter für den Porsche 911 GT3 R.

Das Bulletin, das drei Tage vor dem Event veröffentlich wurde, sollte vor allem für mehr Gerechtigkeit und Transparenz sorgen. Dabei ist vorgesehen, die einzelnen Zeitabstände zwischen den Teams bei der Unterbrechung auf 'Null' zu stellen, so wie beispielsweise in einer Safety-Car-Phase, in der alle Teilnehmer die Lücke zum Vordermann schließen dürfen. Zudem sollten die Boxenstopp-Rhythmen erhalten bleiben. Im Parc fermé durfte an den Autos geschraubt sowie 20 Liter Kraftstoff nachgetankt werden. Der Re-Start sollte nach dem Stand der vorletzten Runde erfolgen.

Die Spitze hatte nach exakt 05:59 Stunden Fahrzeit 36 Umläufe absolviert, demzufolge wurde der Zwischenstand nach Runde 34 offiziell kommuniziert. Nachfolgend zum besseren Verständnis die Reihenfolge der Top-6 inklusive ihrer Abstande sowie der Hinweis, dass die späteren Sieger (#911) zu diesem Zeitpunkt am Ende des nachfolgenden Zwischenergebnisses lagen:

Position Team Rückstand
1 #1 ROWE-BMW -
2 #4 HRT-Mercedes-AMG + 1:17,888 Minuten
3 #20 Schubert-BMW + 1:48,974 Minuten
4 #11 Phoenix-Audi + 1:50,730 Minuten
5 #98 ROWE-BMW + 2:03,759 Minuten
6 #911 Manthey-Porsche + 2:20,744 Minuten

ROWE-Teamchef schreibt an Rennleitung

Das Team ROWE Racing hatte als Titelverteidiger also noch zwei heiße Eisen im Feuer. Der Vorsprung der #1 wurde durch das Regelwerk de facto weggenommen, was BMW und Hans-Peter Naundorf so aber nicht akzeptieren wollten.

In einem Schreiben an die Rennleitung machte der ROWE-Teamchef deutlich, was ihm missfiel. "Während unserer mitternächtlichen Diskussion zur Anwendung von Bulletin 1 Artikel 35.2 waren wir uns eigentlich alle einig, dass es bei der Wertung keine Definition für Autos in der Boxengasse gab und dass die Regel augenscheinlich sowohl unserem Auto, als auch dem Führenden in der SP10-Klasse (sowie laut Veranstalter zehn weiteren Teams; d. Red.) gegenüber unfair ist."

Start zum 24h-Rennen Nürburgring 2021 - Foto: 24h-Rennen

Regel-Wirrwarr beim 24h-Rennen Nürburgring

Trotzdem wurde den Teams offiziell mitgeteilt, dass nichts geändert wird. Naundorf ließ nicht locker und machte den Veranstalter darauf aufmerksam, dass der Rennleiter gemäß seiner Befugnis, die er durch Anlage 6, Artikel 1 der Ausschreibung hat, die Boxenzeit für die betroffenen Fahrzeuge individuell anpassen kann.

Wörtlich heißt es in diesem Passus: "Fahrzeuge aller Klassen müssen während des Rennens eine Mindestboxenzeit (folgend Boxenzeit) einhalten. Darüber hinaus behält sich der Veranstalter vor, einzelne Fahrzeuge oder Klassen von der Einhaltung der Boxenzeit zu entbinden oder sie wieder zu verpflichten."

Bezüglich des Artikels gab es also augenscheinlich die Möglichkeit, sicherzustellen, dass bei der Anwendung der fraglichen Regel keine Autos benachteiligt werden. Deshalb stellte Naundorf fest, "dass die Behandlung der Autos, die zum Zeitpunkt der Wertung (nicht zum Zeitpunkt der roten Flagge) in der Boxengasse standen und ihren Boxenstopp absolvierten, nicht definiert ist und damit als bereits hinter der Pit-In Linie und damit in Runde 0 betrachtet werden sollten".

Rennleiter Hornung: Lücken im Praxistest

All das und noch viel mehr haben selbst Experten nicht richtig verstanden bzw. es konnte ihnen nicht verständlich vermittelt werden. Wegen der Komplexität des Artikels gab es stundenlange Diskussionen, die letztendlich aber zu keiner Einigung unter den Beteiligten führten.

"Die Regeländerung sollte grundsätzlich mehr Fairness bei einem Abbruch schaffen. Das war das erklärte und völlig richtige Ziel", meinte Rennleiter Hornung zu Motorsport-Magazin.com. "Allerdings ist die Regelung so komplex, dass sich trotz aller Simulationen erst im Praxistest Lücken gezeigt haben. Daran werden wir sicher arbeiten."

Im Gegensatz zu Naundorf sah Golz dieses heikle Thema ganz anders, wie er im Gespräch mit Motorsport Magazin.com klarstellte: "Eine Regeländerung während des Rennens hätte es nicht geben dürfen, weil dafür kein Grund vorlag. Es gibt bei dieser Regelauslegung immer sowohl Gewinner als auch Verlierer, auf allen Seiten. Ein gerechtes Szenario bei Roter Flagge, das dies ausschließt, ist kaum möglich."

Foto: 24h-Rennen

Dicke Luft unter den Herstellern?

Zu einer Klarstellung hatte der Veranstalter die Vertreter der Technical Working Group von Audi, BMW, Mercedes-AMG und Porsche an einen Tisch gebeten. Nach Informationen von Motorsport Magazin.com soll es dabei zwischen den Parteien emotional hoch her und auch laut zugegangen sein, was von Hornung aber "nicht so empfunden" wurde.

Die vor allem an Golz geübte Kritik überraschte den Porsche-Vertreter: "Über den Vorwurf, die Diskussionen seien meinerseits laut geführt worden, bin ich sehr erstaunt. Für mich war es eine ganz normale Zusammenkunft im kleinen Kreis, in dem sehr sachlich diskutiert worden ist."

Fakt ist, dass insbesondere BMW und Porsche mit ihren Meinungen weit auseinanderlagen. Es wurde angeblich von beiden Seiten sogar mit einem Einspruch gedroht, um den jeweils möglichen Nachteil nicht in Kauf nehmen zu müssen. Dazu erklärte Golz: "Ich bin mir meiner Rolle (als Vertreter unserer Kundenteams; d. Red.) bewusst und kann ganz klar sagen, dass ich einen möglichen Protest nicht angekündigt habe."

Teams haben Recht auf Protest

Aus Sicht von Hornung wäre ein Einspruch kein Problem gewesen. "Teams haben das Recht zu protestieren. Wenn eine Rennleitung von einer Maßnahme überzeugt ist, kann eine Drohung mit einem Protest kein Maßstab für ihr Handeln sein", erklärte der erfahrene Rennleiter.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Sportkommissare einer möglichen Regeländerung zugestimmt hätten, obwohl das eigentlich während einer laufenden Veranstaltung laut Internationalem Automobilsportgesetz (IASG) des Automobil-Weltverbandes FIA nicht möglich ist. Um das umzusetzen, muss die Rennleitung einen triftigen Grund nennen - und der lag laut Hornung nicht vor.

"Die Sportkommissare haben in ihrer beratenden Funktion die theoretische Möglichkeit erläutert, auf welchem Weg eine Regeländerung während des Rennens möglich sein könnte. Da die Hauptprotagonisten des Rennens sich nicht einig waren, wurde diese Möglichkeit nicht weiter verfolgt", erklärte Hornung. Damit lag die Entscheidung über das weitere Vorgehen nach dem Abbruch "von vornherein bei der Rennleitung".

Die konnte oder wollte sich aber offensichtlich nicht auf die Seite von BMW schlagen, was weitere Fragen aufwarf. Immerhin versuchte Hornung die Wogen zu glätten, als er betonte: "Grundsätzlich sollte man bei der Diskussion um die Wertung bei einem Abbruch nicht vergessen: Dieses Problem gibt es bei jedem Autorennen auf der Welt. Wenn ein Safetycar den Vorsprung des Führenden zunichtemacht, ist das aus sportlicher Sicht ebenfalls unglücklich. Das Gleiche gilt für eine rote Flagge."

Erster Grello-Sieg beim 24h-Rennen Nürburgring - Foto: Gruppe C Photography

Fair? Unfair? Diskussion unterm Strich müßig

Der 'Renngott' hatte schließlich ein Einsehen und nahm den bis zur Unterbrechung in Führung liegenden ROWE-BMW (#1) wegen eines Elektrikdefekts vorzeitig aus dem Rennen. Darum ist es im Nachhinein auch müßig zu diskutieren, wer letztendlich wie viel von der umstrittenen Regeländerung profitierte und wer dadurch einen Nachteil hatte.

Für einige Ring-Fans in den sozialen Netzwerken war der heimliche Sieger am Ende das Schwesterauto der Titelverteidiger von ROWE Racing, nämlich die #98. Die lag zum Zeitpunkt der Unterbrechung knapp 17 Sekunden vor dem Manthey-Porsche #911. Das Trio des nun siebenmaligen Gesamtsiegers drehte den Spieß zum Schluss aber um und hatte beim zweitknappsten Zieleinlauf in der Geschichte des Langstreckenklassikers seit 1970 lediglich 8,817 Sekunden Vorsprung.

24h Nürburgring 2021: Top-6 beim Zieleinlauf

Position Team Rückstand
1 #911 Manthey-Porsche 59 Runden
2 #98 ROWE-BMW + 8,817 Sekunden
3 #7 GetSpeed-Mercedes-AMG + 49,608 Sekunden
4 #44 Falken-Porsche +53,100 Sekunden
5 #2 Car Collection-Audi + 53,266 Sekunden
6 #20 Schubert-BMW + 54,301 Sekunden

Rennabbruch: Alternativen für Zukunft gesucht

Eine weitere, vor allem öffentlich geführte Diskussion, nämlich das mögliche Zusammenführen beider Rennhälften am Samstag und Sonntag ist wohl vor allem TV-Zuschauern nicht zumutbar, weil das Geschehen auf der Strecke laut Hornung in der zweiten Rennhälfte nicht den tatsächlichen Stand der Gesamtwertung beider Hälften widerspiegelt. "Deswegen werden wir die Zeit bis zum nächsten Winter nutzen, um Alternativen für die Wertung bei Rennabbruch zu diskutieren."

Nach Informationen von Motorsport Magazin.com wird sich der veranstaltende ADAC Nordrhein bereits in der kommenden Woche mit diesem und weiteren Themen beschäftigen.


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