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24 h Le Mans

BMW mit zwei LMDh-Werksautos: Kampf gegen Audi und Porsche 2023

BMW nimmt ab 2023 ein neues Werkssport-Projekt in Angriff: Motorsportchef verkündet Einstieg in neue LMdh-Kategorie 2023 per Instagram.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - BMW kehrt nach mehr als 20 Jahren zurück in die Top-Klasse des Prototypen-Sports. Der Autobauer aus Bayern startet ab 2023 in der neu geschaffenen LMDh-Kategorie. In der neuen Formel engagieren sich ab Jahresanfang 2023, beginnend mit den 24 Stunden von Daytona, auch die beiden deutschen Hersteller Audi und Porsche. Hondas US-Ableger Acura ist ebenso dabei, weitere Hersteller sollen in der LMDh-Klasse folgen.

Den Einstieg gab BMW auf ungewöhnliche Weise bekannt: durch einen Eintrag auf der Instagram-Seite von Markus Flasch am Donnerstagabend. Der 40-jährige Österreicher ist seit der im März 2021 erfolgten Zusammenführung von BMW-Motorsport und BMW M GmbH, die Flasch als Geschäftsführer leitet, gleichzeitig für die Geschicke im Motorsport zuständig.

"We are back! Daytona 2023", schrieb Flasch zu dem Instagram-Eintrag, der ein Bild eines BMW V12 LMR zeigt, mit dem BMW samt Schnitzer-Motorsport 1999 zum ersten und bis heute einzigen Mal die 24 Stunden von Le Mans gewinnen konnte. Konkret handelt es sich bei diesem Motiv um ein so genanntes BMW Art Car (ein Rennen gefahren, mit reflektierenden Chrombuchstaben und phosphoreszierenden Farben) auf Basis des Le-Mans-Boliden mit der bayerischen Staatsoper im Hintergrund.

BMW zurück auf der großen Bühne - mit DTM-Motor?

Eine eigentlich übliche Pressemitteilung zum Einstieg gab es bis Donnerstagabend nicht. Die offizielle Bestätigung soll nach Informationen von Motorsport-Magazin.com an diesem Freitag folgen, nachdem der BMW-Vorstand in einer Sitzung nun grünes Licht für das Projekt gegeben hat.

In dieser wurde Flasch zitiert: "BMW M Motorsport ist zurück auf der großen Bühne. Mit dem Einstieg in die LMDh-Klasse schaffen wir die Voraussetzungen, um ab 2023 bei den legendärsten Langstreckenrennen der Welt wieder um den Gesamtsieg zu fahren. Diese Herausforderung werden wir mit vollem Fokus angehen. Bei uns herrscht Aufbruchsstimmung."

BMW bestätigt den Einsatz als Werksengagement mit zwei Fahrzeugen ab der IMSA-Saison 2023. Das Einsatzteam sowie die Fahrerbesetzung für die beiden LMDh-Prototypen sollen zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben werden. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com könnte bei diesem Projekt der DTM-Turbomotor eine Rolle spielen, mit dem BMW 2019 und 2020 vor dem Werksausstieg in der Tourenwagenserie antrat.

BMW spricht noch nicht von Le Mans

Das von ACO und IMSA erarbeitete LMDh (Le Mans Daytona hybrid)-Reglement soll Herstellern ermöglichen, bei den wichtigsten Langstreckenrennen der Welt von Daytona über Sebring bis Le Mans um Gesamtsiege kämpfen zu können - bei überschaubarem Finanzaufwand und zu etwa einem Drittel der Kosten im Vergleich zu sündhaft teuren LMP1-Zeiten.

Die LMDh-Autos sollen in einer neu geschaffenen Topkategorie namens 'Hypercar' in der WEC und bei den 24 Stunden von Le Mans auch auf die Le-Mans-Hypercars von Toyota und Glickenhaus (seit 2021), Peugeot (2022) sowie Ferrari (2023) treffen. BMW selbst geht offenbar wegen noch ungeklärter Fragen zwischen den Veranstaltern nicht auf Le Mans ein, sondern spricht zunächst nur vom IMSA-Engagement.

Entwicklung, Testphase und Renneinsätze des BMW-Prototypen liegen in der Verantwortung von Mike Krack, Leiter BMW M Motorsport, der direkt an Flasch berichtet. Krack: "Jeder bei uns im Motorsport-Team hat denselben Antrieb: Wir möchten uns auf der Rennstrecke mit der stärksten Konkurrenz messen - und dabei für BMW Siege feiern. Deshalb ist das LMDh-Projekt für uns eine echte Herzensangelegenheit und genau jene neue Herausforderung, die wir uns gewünscht haben."

BMW: Neues Projekt nach Abschied aus DTM und Formel E

Mit dem LMDh-Einstieg hat BMW ein neues Werkssport-Engagement gefunden. Ende 2020 hatten sich die Bayern aus der DTM verabschiedet, nach der Saison 2021 zieht BMW auch den Stecker in der Formel E sowie mit dem BMW M8 GTE in der IMSA-Serie. Zuletzt fokussierte sich der Hersteller auf den Kundensport, namentlich den neuen BMW M4 GT3, der ab 2022 zum Einsatz kommt und schon vorher Testrennen bestreiten wird.

Einen möglichen Einstieg in die LMDh-Klasse hatte Flasch am vergangenen Wochenende während des 24-Stunden-Rennen Nürburgring angedeutet. Im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com sagte er, dass ein Einstieg ab 2023 "nicht zu spät" sei. Flasch weiter: "Was wir andenken, ist zumindest am Anfang Werkssport. Ob sich daraus ein Kundensportprogramm entwickelt, steht noch nicht fest."

Auch Audi erwägt nach unseren Informationen, sowohl Werks- als auch Kundenteams in der LMDh antreten zu lassen. Bewerber gibt es schon jetzt zur Genüge. Porsche hat für die IMSA bereits eine Kooperation mit Penske bekanntgegeben. Zudem wollen die beiden Marken aus dem VW-Konzern eng zusammenarbeiten. Mit Multimatic ist der Chassis-Lieferant gefunden, auch beim Motor (noch nicht offiziell) soll es bemerkenswerte Synergien geben.

Flasch: Gehen nicht leichtfertig mit dem Erbe um

Flasch zum Hinweis, dass es sicherlich vor allem BMW-Fans wichtig sei, dass sich 'ihr' Hersteller in den höchsten Kategorien des Motorsports mit der Konkurrenz misst: "Mit diesem Erbe, auf das BMW zurückblickt, gehen wir nicht leichtfertig um. In den vergangenen Jahren haben wir sicherlich nicht immer mit durchschlagendem Erfolg geglänzt, was die Werkssport-Engagements betrifft. Ich würde sogar sagen, dass wir uns stellenweise verzettelt haben und auf zu vielen Hochzeiten unterwegs waren. Meine mir selbst gestellte Aufgabe ist, uns zu konsolidieren und zu fokussieren. Das erste Resultat dieser Fokussierung ist der neue BMW M4 GT3."

Foto: Sutton

LMDh-Autos mit 680 PS

Die Kostenkontrolle ist ein riesengroßes Thema bei den LMDh-Prototypen, die per Reglement über eine Systemleistung von maximal 500 kW (680 PS) verfügen dürfen. Über die gleiche Power verfügen auch die reinen Hypercars von Toyota, Glickenhaus, Peugeot und Ferrari, um in der neu geschaffenen Hypercar-Kategorie der WEC einen Wettbewerb auf Augenhöhe zu schaffen.

Während die Hersteller bei der Entwicklung eigener Hypercars größere technologische Freiheiten genießen, werden die LMDh-Autos teilweise nach dem Baukastensystem zusammengestellt. Alle Hersteller nutzen einheitliche Hybridsysteme von Bosch, Williams sowie Xtrac. Die Entwicklung des Motors ist freigestellt und das einzige Unterscheidungsmerkmal.

Wie in Flaschs Instagram-Post: Das BMW Art Car der amerikanischen Wortkünstlerin Jenny Holzer - Foto: BMW Motorsport

Hypercar und LMDh: Was sind die Unterschiede?

Die sogenannte Hypercar-Klasse löst ab 2021 die LMP1 als Topkategorie in der WEC sowie bei den 24 Stunden von Le Mans ab. Ab 2023 sollen sie mit den DPi-Nachfolgern aus der US-amerikanischen IMSA - den LMDh-Boliden - bei den wichtigsten Sportwagenrennen der Welt um Gesamtsiege kämpfen. Hypercars und LMDh-Autos verfügen per Reglement über eine maximale Systemleistung von 500 kW respektive 680 PS.

Während bei den LMDh-Autos einheitliche Chassis diverser LMP2-Hersteller sowie Einheits-Hybridsysteme zum Einsatz kommen, haben die Autobauer bei den Hypercars größere technische Freiheiten. Sie können ein eigenes Hybridsystem entwickeln, das jedoch nur an der Vorderachse zum Einsatz kommen darf. Die maximale Gesamtleistung von 500 kW darf zu keinem Zeitpunkt überschritten werden. Außerdem genießen die Autohersteller bei der Gestaltung ihrer Hypercar-Chassis mehr Freiheiten.

Geschäftsführer der BMW M GmbH und BMW-Motorsportchef: Markus Flasch - Foto: BMW Group

Zur Person: Markus Flasch

Der Österreicher Markus Flasch übernahm am 01. Oktober 2018 den Vorsitz der Geschäftsführung der BMW M GmbH. Vor seinem Einstieg bei der Performance-Marke aus München leitete der 40-Jährige die Entwicklung der neuen BMW 8er-Reihe und war zuvor für das Qualitätsmanagement der Oberklassefahrzeuge der BMW Group verantwortlich. Nach dem Abschied von Jens Marquardt, der Ende Oktober 2020 nach knapp zehn Jahren als BMW Motorsport Direktor innerhalb des Konzerns eine neue Aufgabe antrat, übernahm Flasch zunächst kommissarisch die Leitung von BMW Motorsport, die im März 2021 mit der BMW M GmbH zusammengeführt worden ist.


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