Die 24 Stunden von Le Mans sind ohnehin nicht unbedingt bekannt dafür, den Teilnehmern ausreichend Schlaf zu bieten. In der Garage des Porsche-Kundenteams Jota gab es schon vor dem Rennstart (Samstag, 16:00 Uhr live im Free-TV bei Nitro und Eurosport) wortwörtlich schlaflose Nächte für die Crew.

Die Jota-Truppe um Teamchef Dieter Gass musste nach dem Unfall von Callum Ilott im Nacht-Training am Mittwoch praktisch ein komplett neues Rennauto aufbauen! Der Unfall des Briten im #12 Porsche 963, der zuletzt das WEC-Rennen in Spa-Francorchamps vorbehaltlich der Ferrari-Berufung gewonnen hatte, wirkte auf den ersten Blick nicht dramatisch, doch es sollte sich herausstellen: Das Monocoque erlitt einen Schaden und musste ausgetauscht werden.

24h Le Mans 2024: Aufbauarbeiten am #12 Jota-Porsche im Video (01:27 Min.)

"72 Stunden von Le Mans" für Jota-Mechaniker

"Leider habe ich die Leitplanken statt der Reifenstapel getroffen", erklärte Ilott, der sich öffentlich bei den Jota-Mechanikern für die zusätzliche Arbeit entschuldigte. Teamkollege Will Stevens sagte am Freitag während einer Porsche-Pressekonferenz: "Bisher war es eine gute Woche, aber das war ein Rückschlag. Für die Jungs in der Box sind es die 72 Stunden von Le Mans! Unser Team ist nicht so groß wie die Werksteams, aber wir erhalten guten Support."

"Wahrscheinlich sind es tatsächlich sogar noch mehr Stunden für einige Teammitglieder", meinte Porsches LMDh-Werksleiter Urs Kuratle zu Motorsport-Magazin.com. "Die machen einen Mega-Job, um das Auto aufzubauen. Es wird rechtzeitig fertig, und natürlich unterstützt man das vom Werk so sehr wie es geht. Es ist eine riesengroße Arbeit, solch ein Auto aufzubauen."

#12 JOTA-Porsche mit Stevens, Ilott, Nato
So sieht der Jota-Porsche zusammengeschraubt aus, Foto: LAT Images

Jota-Porsche darf Rollout auf Flugplatz in Le Mans fahren

Der enorme Aufwand, um den #12 Jota-Porsche fürs Rennen herzurichten, wurde belohnt: Am Freitagnachmittag stand der Prototyp wieder 'auf vier Rädern'. Das Team erhielt zudem eine Ausnahmegenehmigung, das Auto am Freitagabend für maximal 30 Minuten einem Funktionstest zu unterziehen - und zwar auf dem Rollfeld des kleinen Flughafens direkt hinter der Rennstrecke. Eine Fahrt auf dem Circuit de la Sarthe war nicht möglich, auch, weil die Strecke am Freitag für Zuschauer geöffnet ist.

In der Vergangenheit kam es häufiger vor, dass die Prototypen einen kleinen Rollout auf dem Flugfeld absolvierten. Jota-Teamchef Gass kennt dieses Prozedere sogar schon seit 1994, als er damals als Teamkoordinator für den 24h-Einsatz von Bugatti zuständig war (und beinahe sogar das Rennen gefahren wäre, wie er uns einst verriet...).

Im Stewards-Schreiben hieß es außerdem, dass der #12 Porsche am Samstagmittag "in der Warm-up Session teilnehmen muss". Zunächst war nicht ganz klar, ob das eine Anforderung ist, die Freigabe für den Rennstart wenige Stunden später zu erhalten. Jota dürfte aber jede Gelegenheit mit Kusshand annehmen, das neuaufgebaute Auto auf der Strecke checken zu können.

Neues Porsche-Monocoque nach Le Mans geliefert

Mit Unterstützung des Porsche-Werksteams konnte ein neues Monocoque aufgetrieben und an die Strecke geliefert werden. "Wir haben rund 24 Stunden Zeit, das Auto aufzubauen", sagte Gass am Donnerstag. "Solch eine Arbeit dauert normalerweise drei Wochen."

In der WEC ist es verboten, ein sogenanntes 'Spare Car' mitzubringen. Das Monocoque stammt aus einem theoretisch fahrbereiten 963, den Porsche-Motorsportchef Thomas Laudenbach in einer kleinen Medienrunde als "Parade Lap Car" beschrieb: "Es ist kein Show Car, aber dieses Auto sollte eigentlich keine Rennen fahren. Das wurde auseinandergebaut und die benötigten Teile entnommen, um damit ein neues Auto aufzubauen."

#12 JOTA-Porsche, Stevens mit Ilott, Nato
Der Jota-Porsche verunfallte am Mittwoch im Nacht-Training, Foto: DPPI/WEC

Porsche-Motorsportchef Laudenbach: "Toller Spirit" trotz Rivalität

Laudenbach weiter über die Thematik, dass das 'Paraderunden-Auto' theoretisch auch im Falle eines Crashes eines der Penske-Porsche-Werksautos genutzt hätte werden können: "Das (der Unfall am Mittwoch) ereignete sich zu einer Zeit, wo man gesagt hat: 'Was passiert, wenn es noch einen Unfall gibt?' Dann hätte es sein können, dass ein Penske-Auto nicht das Rennen fährt. Aber jeder hat das unterstützt, auch Penske. Es war ein toller Spirit, zu sagen, dass man andere nicht besiegen will, indem man ihnen nicht die Gelegenheit gibt, zu fahren."

Der Anbau von Bodywork-Teilen dürfte für die Jota-Mannschaft eine der geringeren Hürden gewesen sein. Spannender wird es bei der Integration des Motors und der Hybrideinheit sowie der aufwendigen Verkabelung unter der Haube. Gerade in diesen Bereichen können leicht Fehler bei der Reparatur entstehen. LMDh-Leiter Kuratle: "Das sieht von außen schnell wieder danach aus, als wenn es ein fertiges Auto wäre. Die kleinen Details, die dahinterstecken, machen die Arbeit jedoch schwieriger. Aber die Jungs sind Profis, die machen das nicht zum ersten Mal."