2027 beginnt in der MotoGP eine neue Ära: kleinere 850ccm-Motoren, ein neues technisches Reglement - und Pirelli als neuer Einheitsreifenlieferant. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten und erreichen mit dem ersten gemeinschaftlich organisierten Test am Montag in Brünn den ersten Höhepunkt. Motorsport-Magazin.com traf sich mit Pirelli-Motorradrenndirektor Giorgio Barbier beim Tschechien GP zum Interview. Er erklärt, wie weit die Entwicklung der neuen MotoGP-Reifen ist, warum Stammfahrer-Feedback nun entscheidend wird und weshalb die umstrittene Reifendruck-Regel zunächst bestehen bleiben dürfte.
Motorsport-Magazin.com: Giorgio, ihr habt inzwischen die ersten privaten Tests mit euren Reifen für 2027 absolviert. Wie liefen sie? Welches allgemeine Feedback habt ihr erhalten? Was sagen die Fahrer und Teams?
Giorgio Barbier: Nun, es ist ein Prozess. Wie du weißt, waren die verwendeten Motorräder zunächst die aktuellen 1000er-Maschinen, die für das neue Reglement etwas angepasst werden. Danach kam dann der erste Hersteller mit einem 850er-Prototypen, und inzwischen verfügen alle Hersteller darüber. In den vergangenen sechs, sieben, acht Monaten haben wir sehr gut mit allen Herstellern zusammengearbeitet. Sie haben uns sämtliche Informationen zur Verfügung gestellt. Es wurde viel Wissen ausgetauscht. Wir haben bereits mit verschiedenen Fahrern getestet, da sich die Testfahrer teilweise ändern. Vergangene Woche waren wir beispielsweise in Misano mit vier Herstellern. Dort wurde bereits sehr viel Material für die Motorräder getestet. Die Hersteller arbeiten inzwischen sehr präzise. Wahrscheinlich, weil ihnen bewusst geworden ist, dass bis Anfang nächsten Jahres nicht mehr viel Zeit bleibt. Dasselbe gilt für uns, denn in rund drei Monaten müssen wir unsere Entscheidungen für 2027 treffen. Deshalb sind insbesondere die Rückmeldungen der Fahrer enorm wichtig. Die Tests verlaufen gut - dank dieser Zusammenarbeit und weil wir allen Beteiligten einen klaren Plan vorgelegt haben.

Wie sieht dieser Plan aus?
Wir haben drei Entwicklungsphasen vorgesehen. Die erste lief von Dezember bis vor einigen Monaten. Die zweite läuft aktuell - also in der besten Testzeit des Jahres während des Sommers. Die dritte beginnt nach Aragon, also gegen Ende der Saison. In diesen drei Phasen müssen wir die Reifenpalette für den Saisonstart im kommenden Jahr vorbereiten. Natürlich wird das erst die erste Saison sein und nicht bereits die elfte (der aktuelle Reifenlieferant Michelin bestreitet 2026 seine elfte Saison, Anm.). Daher werden wir auch während der Saison 2027 und in den folgenden Jahren weiterentwickeln können.
Ihr habt Reifen für Motorräder entwickelt, von denen zunächst niemand genau wusste, wie sie aussehen würden. Habt ihr das Gefühl, dass ihr den richtigen Weg eingeschlagen habt? Gab es Überraschungen?
Bis jetzt nicht. Auch deshalb, weil ich sehe, dass die Hersteller mit dem Projektstart sehr zufrieden sind - sowohl hinsichtlich der Motoren als auch der Elektronik. Die Aerodynamik ist vielleicht noch der Bereich, der mehr Zeit benötigt, um vollständig bewertet zu werden. Für alle Beteiligten wird der entscheidende Moment kommen, wenn die Stammfahrer die Motorräder erstmals fahren. Aus meiner Sicht sind die neuen Motorräder wieder etwas mehr "Motorräder" als die aktuellen. Das bedeutet, dass einige Hilfsmittel reduziert wurden. Dadurch können wir an Dingen arbeiten, die uns deutlich vertrauter sind.
Der Montag in Brünn ist ein wichtiger Tag für euch. Wie sieht der Testplan aus?
Ein Tag ist natürlich sehr wenig. Aber er ist in der aktuellen Phase wichtig, weil wir genau darum gebeten haben. Während dieser Saison war es nicht einfach, das umzusetzen - aufgrund der Verträge von Fahrern, Teams und Herstellern. Aber wir wollten nun den Schritt von den Testfahrern zu den Stammfahrern machen. Dabei geht es nicht um den Wert der Kommentare eines Fahrers. Es geht darum, dass diese Fahrer die aktuellen Motorräder im Rennbetrieb kennen und nun ihren kompletten Ansatz umstellen müssen: neues Motorrad, neue Reifen.

Es sieht so aus, als würden am Montag etwa zehn Fahrer auf die Strecke gehen - drei Testfahrer und sieben Stammfahrer. Das ist nicht gerade viel...
Wir haben jeden Hersteller gebeten, mindestens einen Stammfahrer mitzubringen. Einige bringen zwei Fahrer, andere nur einen. Manche werden nur mit der 850er fahren, andere mit einer 1000er nach dem 2027-Reglement. Wir werden unseren Testplan entsprechend anpassen. Die Programme sind vorbereitet. Wir erwarten lediglich, dass die Teams uns die gewünschten Informationen liefern und die vorgesehenen Tests durchführen.

Ist das mit diesen zehn Fahrern ausreichend? Erhaltet ihr genug Daten und Feedback?
Das ist ein Teil des Puzzles, das wir zusammensetzen. Im September in Österreich werden alle Teams teilnehmen, nicht nur die Werksteams, sondern auch die Satellitenteams. Die Hersteller entscheiden dann, welche Motorräder ihnen zur Verfügung gestellt werden. Diese beiden Tests werden wichtige Meilensteine unseres Programms sein. Gleichzeitig laufen die individuellen Tests mit den Herstellern weiter. Wir werden viele Gelegenheiten haben, Daten zu sammeln, interessante Vergleiche anzustellen, verschiedene Bedingungen zu erleben und Kommentare auszuwerten.
Warum habt ihr Brünn und den Red Bull Ring ausgewählt? Wegen des Streckenlayouts oder des Wetters?
Ich könnte viele Gründe nennen, aber letztlich ließ uns der Kalender nicht allzu viele Optionen. Diese beiden Strecken sind wichtig, weil auch der aktuelle Reifenhersteller der MotoGP ihnen große Bedeutung beimisst. Sie unterscheiden sich deutlich vom Durchschnitt der übrigen Strecken. Layout und Belastungen weisen einige Besonderheiten auf. Wenn man etwas außerhalb des Standardbereichs testen möchte, dann sind diese Orte ideal.
Hattet ihr bereits Regen-Tests?
Ja, wir hatten bereits drei Tests im Nassen: in Sepang, Mugello und Jerez. Aber Regen ist immer unterschiedlich. Es gibt kaum einen Tag, an dem es den ganzen Tag über konstant gleich regnet. Deshalb ist es schwierig, eindeutige Schlüsse zu ziehen. Trotzdem ist jede gesammelte Information wertvoll.
Österreich könnte im September gute Chancen auf Regen bieten.
Ich hoffe nicht! Ich hoffe wirklich, dass wir dort die Slicks testen können. Aus Sicht der Karkasse und auch hinsichtlich der Mischungen wäre das für uns sehr wichtig.
Vor genau einem Jahr haben wir bereits ein Interview geführt. Damals sagtest du, dass die Entwicklung von MotoGP-Reifen etwas völlig anderes sei als alles andere. Gibt es nach den ersten Rückmeldungen der Fahrer weiterhin diese typische Pirelli-Charakteristik?
Absolut. Und darüber bin ich sehr froh. Die Fahrer, die unsere Reifen bereits aus anderen Serien kennen, erkennen das Produkt sofort wieder. Sie erkennen die DNA des Produkts. Dasselbe haben wir vor drei Jahren erlebt, als wir die Moto2-Reifen testeten. Ich hoffe sehr, dass diese Eigenschaften auch in der MotoGP wieder deutlich sichtbar sein werden. Denn das ist unser Terrain. Dort kennen wir die Richtung, die wir einschlagen müssen, und verstehen die Reaktionen des Reifens. Wenn man sich in einem völlig unbekannten Bereich bewegt, wird es nahezu unmöglich zu erkennen, welcher Entwicklungsschritt der richtige ist. Die Arbeit in einem Umfeld, das wir kennen, kann für uns ein Vorteil sein, um sinnvollere Entwicklungen zu bringen und nicht einfach irgendetwas auszuprobieren.

Ihr seid bei der Entwicklung natürlich auf das Feedback der Fahrer angewiesen. Es werden aber nur wenige Stammfahrer testen, während ihr bereits im September Entscheidungen für 2027 treffen müsst. Wie geht ihr damit um?
Es gibt Dinge, die wir beeinflussen können, und Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Die Entscheidung über das Reglement, den Zeitpunkt der Motorradentwicklung, die Testtermine oder die Auswahl der Fahrer liegt nicht bei uns. Darüber kann ich mir also keine Sorgen machen. Wir versuchen einfach, mit den Möglichkeiten, die wir haben, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Deshalb sind die zehn Fahrer am Montag so wichtig. Die meisten von ihnen sind unsere Reifen und diese Art von Motorrad noch nie gefahren. Das wird ein weiterer wichtiger Baustein sein.
Seit mehreren Jahren gibt es in der MotoGP die umstrittene Reifendruckregel. Habt ihr bereits einen Plan, wie ihr damit umgehen wollt?
Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen. In der Superbike-WM hatten wir ebenfalls Probleme mit zu niedrigen Reifendrücken, vor allem am Hinterreifen. Wir haben aber eine Lösung gefunden. Zugegeben: Es war keine brillante Ingenieurslösung, sondern eher eine Erfahrung aus der Formel 1. Dort wurden Regeln eingeführt, und die Teams fanden immer Wege, sie zu umgehen. Irgendwann bin ich einfach ins Grid gegangen und habe gesagt: "Du, du und du - gebt mir euren Reifendruck." Alle waren geschockt. Das Problem heute ist: Teams können die Reifen vor dem Start stärker vorheizen. Dadurch kommen die Motorräder mit sehr hohem Druck ins Grid. Sobald die Maschinen losfahren und die Temperatur sinkt, fällt der Druck wieder. Man kann kontrollieren, was während des Rennens passiert. Aber man kann den Teams hinterher nicht wirklich sagen: "Das hättet ihr nicht machen dürfen." In der MotoGP haben der aktuelle Reifenlieferant, die Hersteller, Dorna, IRTA und FIM sehr viel Arbeit in diese Regel investiert. Sie wurde sehr sorgfältig entwickelt und lässt sich praktisch nicht umgehen. Wenn diese Regel eingeführt wurde, dann deshalb, weil die Hersteller große Sicherheitsbedenken bezüglich zu niedriger Reifendrücke hatten. Das müssen wir respektieren. Das Ergebnis ist allerdings - unter uns gesagt - alles andere als schön. Wir können jedenfalls nicht einfach behaupten, wir würden das Problem lösen. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn 22 Fahrer hintereinander auf der Strecke fahren - mit der heutigen Aerodynamik und den heutigen Bremsen. Wir haben keine Erfahrung mit Karbonbremsen in der Superbike-WM oder anderen Meisterschaften. Die gesamte Energie und Wärme, die dabei entsteht, trifft auf den Vorderreifen des Fahrers dahinter. Das könnte Probleme verursachen. Wer bin ich, zu behaupten, dass das mit Pirelli nicht passieren wird? Deshalb werden wir die Regel zunächst für ein Jahr übernehmen. Dann werden wir sehen, ob wir sie überhaupt brauchen. Anschließend können wir entscheiden, ob Anpassungen notwendig sind. So lautet die aktuelle Vereinbarung.
Was ist dein aktuelles Gefühl diesbezüglich?
Unsere Reifen funktionieren aufgrund ihrer Konstruktion völlig anders als die aktuellen Reifen. Die Reifendrücke, die heute vorne gefahren werden, wären bei unseren Reifen unmöglich. Mit zu wenig Druck würde der Reifen nicht einmal sicher auf der Felge bleiben. Unsere Reifen müssen stärker über den Luftdruck arbeiten. Deshalb benötigen sie einen höheren Druckbereich. Es gibt also keinen wirklichen Vorteil darin, den Druck abzusenken. Die Teams machen das heute, weil sie sich davon Vorteile versprechen oder weil sie Nachteile spüren, wenn der Druck ansteigt. Möglicherweise verfügen wir also über ein Druckfenster, das dieses Problem entschärft. Aber momentan ist das nur eine Theorie.
Du sagtest, du weißt noch nicht, wie sich die Reifen verhalten, wenn viele Fahrer dicht hintereinander fahren. Kann man das im Test simulieren?
Das ist sehr schwierig. Beim Test in Misano vor drei Wochen waren alle fünf Hersteller mit uns dort. Aber niemand fährt absichtlich hinter einem anderen her. Im Gegenteil - alle versuchen, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Ich glaube nicht, dass sich das in den restlichen Tests ändern wird. Und ein Rennen unterscheidet sich ohnehin komplett von einem Test. Im Rennen müssen die Fahrer viele Runden hintereinander in konstantem Tempo fahren. Deshalb werden wir wohl bis zum ersten Rennen der Saison 2027 warten müssen, um wirklich zu verstehen, was passiert.
Beim Test in Brünn herrscht Geheimhaltung, aber Aprilia hat uns zumindest einige Dinge über die neuen 850er-Motorräder verraten:



diese MotoGP Interview