Die MotoGP-Saison 2006? Die ist vor allem für ihr dramatisches Saisonfinale in Estoril und Valencia bekannt. Tatsächlich lieferte sie aber noch einen weiteren legendären Moment, an den sich heutzutage aber nur noch wenige Fans erinnern können. Beim Katalonien-Grand-Prix in Barcelona kam es auf den ersten Metern des Rennens nämlich zum vielleicht schlimmsten Massencrash der MotoGP-Geschichte. Motorsport-Magazin.com blickt exakt 20 Jahre später zurück.

Offener MotoGP-WM-Kampf im Jahr 2006 - aber ohne Sete Gibernau

2006 erlebte die MotoGP einen verrückten Saisonstart. Hatte er das Vorjahr noch nach Belieben dominiert, strauchelte Topfavorit Valentino Rossi erstmals in seiner noch jungen Yamaha-Karriere. Zwar gelangen ihm zwei Siege in den ersten sechs Grand Prix, aber er verzeichnete eben auch zwei Totalausfälle oder einen 14. Platz nach Sturz beim Auftaktrennen in Jerez. Und so eröffneten sich Chancen für die Konkurrenz. Loris Capirossi gewann den Spanien-GP, Rookie Dani Pedrosa siegte in China und Marco Melandri feierte zwei Erfolge in Istanbul und Le Mans.

Die MotoGP war 2006 an der Spitze kunterbunt, Foto: Suzuki
Die MotoGP war 2006 an der Spitze kunterbunt, Foto: Suzuki

Einen klaren WM-Favoriten gab es vor dem siebten Saisonlauf in Barcelona also nicht, vielmehr war der Titelkampf noch weit offen. Capirossi und Hayden lagen mit 99 Zählern punktgleich an der Spitze, dann folgten Melandri (89), Pedrosa (86), Rossi und der ebenfalls aufzeigende Aufsteiger Casey Stoner (je 65), der in der Türkei starker Zweiter geworden war. Nur ein Name fehlte auf den vordersten Plätzen: Sete Gibernau.

Der Spanier war vor Saisonstart zu Ducati gewechselt und wollte bei den Roten eigentlich nochmal nach den Sternen greifen, nachdem er bei Gresini-Honda stets das Nachsehen gegen Rossi gehabt hatte. Doch das Abenteuer auf der Desmosedici verlief überhaupt nicht nach Plan. Beim Saisonstart in Jerez brachte ihn ein technisches Gebrechen um ein mögliches Debütpodium, in China geriet er nach Führung bis zur Rennhalbzeit in massive Reifenprobleme und in Le Mans wurde er gleich beim Start in eine Kollision mit Rossi und Randy De Puniet verwickelt. Vor dem Katalonien-GP standen somit nur 44 Punkte und WM-Rang neun zu Buche.

Das Rennen vor Heimpublikum in Barcelona konnte für Gibernau also schon etwas wie die letzte Ausfahrt darstellen, um doch noch in den MotoGP-Titelkampf 2006 einzugreifen. Ein Spitzenresultat musste her, doch das Wochenende begann auf schlimmste Art und Weise. Während Erznemesis Rossi auf die Pole Position stürmte und nach seinem Mugello-Sieg zwei Wochen zuvor nun Momentum aufzunehmen drohte, gelang Gibernau lediglich Startplatz 13. Nach dem Qualifying stieg der Druck auf die Nummer 15 also ins Unermessliche. Es brauchte nun einen der besten Starts seines Lebens, um die Siegchancen zu wahren. Eine folgenschwere Ausgangslage für den Katalonien-Grand-Prix 2006.

Bei Sete Gibernau lief 2006 wenig zusammen, Foto: Ducati
Bei Sete Gibernau lief 2006 wenig zusammen, Foto: Ducati

Sete Gibernau löst Massenkollision im Katalonien-GP 2006 aus

Womöglich etwas übermotiviert, bremste Gibernau in der Anfahrt zu Kurve eins deutlich später als der direkt vor ihm fahrende Dani Pedrosa. Um eine Kollision zu verhindern, wich er nach rechts aus. Das einzige Problem: Dort fuhr Capirossi direkt neben ihm. Die beiden Ducati-Piloten berührten sich und dabei kam es zum Worst-Case-Szenario. Capirossis Motorrad kam in Kontakt mit Gibernaus Vorderradbremse, woraufhin dessen Front ruckartig blockierte. Gibernau überschlug sich, wurde mit hoher Geschwindigkeit auf den Asphalt geschleudert.

Während der Spanier dabei noch großes Glück hatte, weder vom eigenen Motorrad noch von einem anderen Fahrer getroffen worden zu sein, setzte sich die Kettenreaktion direkt neben ihm fort. Capirossi geriet durch den Kontakt mit Gibernau ebenfalls außer Tritt und krachte in den rechts neben ihm fahrenden Melandri. Beide Piloten stürzten, Melandri donnerte auf seinem Weg ins Kiesbett zudem in Pedrosa und John Hopkins. Damit waren fünf der sechs Opfer des wohl heftigsten Massencrashes der MotoGP-Geschichte gefunden. Als letzten Fahrer erwischte es auf der linken Seite der Strecke dann noch De Puniet. Der Kawasaki-Pilot kam beim Versuch, Gibernau und seinem außer Kontrolle durch die Luft fliegenden Motorrad auszuweichen, ins Kiesbett, verlor dort die Kontrolle über seine Ninja ZX-RR und ging auch noch zu Boden.

Foto: IMAGO / Xinhua
Foto: IMAGO / Xinhua
Foto: IMAGO / Xinhua
Foto: IMAGO / Xinhua
Foto: IMAGO / Xinhua
Foto: IMAGO / Xinhua

Es dauerte nicht lange, ehe die Rennleitung das Rennen mittels Roter Flagge unterbrach. Die einzig logische Option, denn Capirossi und Melandri blieben sichtlich mitgenommen im Kiesbett liegen und mussten dort erstmal behandelt werden. Eine gefahrenlose Fortsetzung des Rennens war da unmöglich. Während die ärztliche Versorgung der beiden Italiener voranschritt, kam das restliche Feld zurück an die Box. Hopkins, De Puniet und Pedrosa folgten wenig später, denn sie hatten ihre Bikes neugestartet bekommen. Kurios: Letzterer stürzte beim Versuch, seine Repsol-Honda wieder anzuwerfen, sogar noch ein zweites Mal.

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Valentino Rossi gewinnt in Barcelona, drei Fahrer im Krankenhaus

Während die Rennleitung einen Restart für 14:30 Uhr ankündigte, wurde Melandri knapp zehn Minuten nach dem Massencrash per Trage und mit einer Halskrause stabilisiert abtransportiert. Capirossi und Gibernau hatten das Kiesbett zu diesem Zeitpunkt schon aus eigenen Kräften verlassen können, mussten sich aber auch zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus nach Barcelona begeben. Dort dann die Schockdiagnose für alle drei: Capirossi zog sich Prellungen und innere Blutungen zu, Melandri eine Schulter- und eine Nackenverletzung und Gibernau eine Gehirnerschütterung sowie eine ausgekugelte Schulter.

Beim Restart war das Trio natürlich nicht mehr dabei, doch das Drama endete damit noch nicht. Vielmehr hatte nun der auf Platz vier stehende Chris Vermeulen Probleme mit seiner Suzuki, weshalb ein weiteres Mal abgebrochen werden musste. Als wenige Minuten später ein weiterer Versuch unternommen wurde, fehlte dann plötzlich Shinya Nakano im Grid, nachdem seine Kawasaki Wasser verloren hatte und er auf das Ersatzbike in der Boxengasse wechseln musste.

Nachdem der Start im dritten Anlauf dann endlich klappte, entwickelte sich in Barcelona ein eher unspektakuläres Rennen. Rossi kam zwar schlecht weg und fiel zwischenzeitlich bis auf Platz sechs zurück, kämpfte sich aber schnell wieder durch das Feld. Zu Beginn von Runde neun holte er sich die Führung von Stoner zurück, welcher zehn Kurven später aus dem Rennen stürzte und dem 'Doktor' den Weg zum dritten Saisonsieg damit endgültig ebnete. Einziger Fahrer, der ihm vielleicht noch hätte gefährlich werden können, war zu diesem Zeitpunkt Pedrosa, der knapp drei Sekunden zurück auf Platz fünf lag und schnellster Mann auf der Strecke war. Doch auch er stürzte kurze Zeit später, womit Rossi souverän vor Hayden gewinnen konnte. Dahinter schlug Kenny Roberts Jr. seinen Ex-Suzuki-Teamkollegen John Hopkins und bescherte dem Team Roberts sowie KR als Konstrukteur das erste von insgesamt zwei Podien in der eigenen MotoGP-Geschichte. Mit Platz zehn gelang Alex Hofmann zudem sein bestes Saisonresultat.

Valentino Rossi gewann 2006 in Barcelona, Foto: Milagro
Valentino Rossi gewann 2006 in Barcelona, Foto: Milagro

Folgenschwerer Massencrash: Loris Capirossi um MotoGP-Titel gebracht?

Rein auf dem Papier war der heftigste Massencrash der MotoGP-Historie damit ad acta gelegt, seine Auswirkungen sollten aber noch lange spürbar bleiben. Denn in der Weltmeisterschaft entwickelte sich fortan ein Zweikampf zwischen Hayden und Rossi, da Pedrosa, Melandri und Capirossi in den nachfolgenden Rennen angeschlagen Punkte liegen ließen. Speziell Capirossi könnte durch Gibernaus Patzer um einen möglichen WM-Titel gebracht worden sein. Denn am Jahresende fehlten ihm nur 23 Zähler auf Champion Hayden. 23 Punkte, die er bei einem anderen Verlauf der Geschichte in Barcelona (DNF), Assen (P15) und Donington Park (P9) durchaus hätte einfahren können.

Doch nicht nur das: Für Gibernau selbst sollte der Katalonien-GP auch so etwas wie der Anfang vom Ende werden. Er verpasste die folgenden zwei Grands Prix verletzte, fehlte später in Brünn noch ein drittes Mal. Am Jahresende schaffte er nur WM-Rang 13 und verlor nicht nur seinen Platz bei Ducati an Stoner, sondern auch seinen Platz in der MotoGP im Allgemeinen. 2007 ging er nicht mehr an den Start, kehrte erst 2009 nochmal für einige Rennen mit dem Privatteam Onde 2000 zurück, ehe er seine MotoGP-Karriere endgültig beendete.

Der Massencrash in Barcelona? Definitiv nicht die einzige bemerkenswerte Geschichte, die sich 2006 ereignete. Im nachfolgenden Artikel erzählen wir euch, wie vor Saisonstart eines der bisherigen Topteams plötzlich aus der Königsklasse verschwand: