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MotoGP-Analyse: Quartararo lässt Ducati blass aussehen

Fabio Quartararo lieferte in Mugello eine Glanzleistung und fügte Ducati damit eine bittere Niederlage zu. Was heißt das für den weiteren WM-Kampf?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Fabio Quartararo übernahm in Mugello das Kommando in der WM-Wertung. Während der Franzose seinen dritten Saisonsieg holte, patzte sein bis dahin schärfster Titelrivale Francesco Bagnaia mit einem frühen Sturz. Aus nur einem Punkt Vorsprung in der WM wurden in Italien für Quartararo 24 Zähler Abstand auf den neuen Verfolger Johann Zarco.

KTM feierte seinen ersten Podestplatz und brachte mit Miguel Oliveira und Brad Binder sogar zwei Fahrer in die Top-5, während Ducati zum ersten Mal seit 2014 in Mugello ohne Podestplatz blieb. Das turbulente Rennen in der GP-Analyse.

Fabio Quartararo vs. Francesco Bagnaia

Ein gutes Ergebnis für Fabio Quartararo war bereits am Samstag absehbar. Er zog nach den ersten drei Trainings als Zweitschnellster vorzeitig in Q2 ein, holte die Bestzeit im 4. Training und sicherte sich im Qualifying schließlich seine vierte Pole Position in Folge.

MotoGP-Rennen nach Tod von Jason Dupasquier: Fahrer verärgert: (12:05 Min.)

Ähnlich konstant war in Mugello an diesem Wochenende nur Francesco Bagnaia. Der italienische Ducati-Fahrer hatte am Freitag Tagesbestzeit geholt und das 3. Training ebenfalls als Schnellster abgeschlossen. In FP4 sowie im Qualifying wurde er Zweiter. Am Sonntag erwischte Bagnaia den besten Start und kam als Führender durch die erste Runde.

Doch bereits im zweiten Umlauf war sein Rennen beendet, als er ohne Fremdeinwirkung stürzte und die virtuelle WM-Führung wegwarf. Nach dem Rennen räumte der Italiener ein, dass er aufgrund des Todesfalls von Jason Dupasquier so mitgenommen war, dass er gar nicht starten wollte.

"Nach dieser Schweigeminute konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Es fiel mir schwer, meinen Tränen nicht freien Lauf zu lassen. Dass ich im Rennen gestürzt bin, spielt keine Rolle", sagte er später in einer Brandrede gegen die Verantwortlichen, die das Rennen trotz des Ablebens des jungen Schweizers gestartet hatten.

Diese Unkonzentriertheit dürfte Bagnaia letztlich auch in den Fehler getrieben haben. Quartararo sah den Sturz direkt vor sich: "Dort ist der Kerb etwas abgesenkt, ich habe gesehen wie er dorthin getragen wurde und sah diesen Sturz bereits kommen. Der Wind wehte auch noch stark in diese Richtung, was zusätzlichen Raum für Fehler schafft. Es ist schade."

Bahn frei für Quartararo

Nachdem sich sein schärfster Rivale selbst aus dem Rennen genommen hatte, war die Bahn frei für Quartararo. Zwar musste er sich noch bis zur dritten Kurve der vierten Runde mit Johann Zarco herumschlagen, doch die Pace des Franzosen sollte nicht reichen. Nach der schnellsten Runde des gesamten Rennens in Lap 2 ging es für Zarco nur noch bergab.

Die schnellsten 10 Rundenzeiten im Rennen:

P Fahrer Zeit Runde
1. Johann Zarco 1:46,810 Lap 2
2. Fabio Quartararo 1:46,836 Lap 8
3. Fabio Quartararo 1:46,881 Lap 5
4. Fabio Quartararo 1:46,911 Lap 6
5. Miguel Oliveira 1:46,917 Lap 3
6. Brad Binder 1:46,993 Lap 4
7. Fabio Quartararo 1:46,998 Lap 4
8. Fabio Quartararo 1:47,002 Lap 2
9. Fabio Quartararo 1:47,018 Lap 7
10. Miguel Oliveira 1:47,027 Lap 5

Quartararo verpasste zwar die schnellste Rennrunde, fuhr aber sechs der zehn besten Rundenzeiten des gesamten Rennens und war in den Laps 5 bis 8 jedes Mal der schnellste Mann im Feld. Am Ende des 8. Umlaufs lag er 1,595 Sekunden vor Zarco. Diesen Vorsprung sollte er in den darauffolgenden fünf Runden auf 3,338 Sekunden mehr als verdoppeln. Die Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen, sodass Quartararo in der zweiten Rennhälfte nur noch seinen Vorsprung verwalten musste. In der 13. Runde war er zum letzten Mal schnellster Mann im Feld, ehe die Fahrer aus den Verfolgergruppen in den Top-10 das Kommando übernahmen.

Yamahas Topspeed-Nachteil

Quartararos größte Leistung im Rennen war der Umstand, dass er Zarco rasch abhängen konnte, obwohl dieser einen massiven Topspeed-Vorteil gegenüber dem späteren Sieger hatte. Mit einer absoluten Spitze von 354,0 km/h und einem Top-5-Schnitt von 352,7 km/h war die Ducati der Yamaha deutlich überlegen. Denn das japanische Bike von Quartararo erzielte lediglich Werte von 343,9 km/h bzw. 342,1 km/h.

Beste und schwächste Topspeeds:

P Fahrer Motorrad Top-5-Schnitt
1. Jack Miller Ducati 354,1 km/h
2. Michele Pirro Ducati 353,6 km/h
3. Brad Binder KTM 352,9 km/h
4. Johann Zarco Ducati 352,7 km/h
...
16. Maverick Vinales Yamaha 345,6 km/h
17. Alex Marquez Honda 344,6 km/h
18. Fabio Quartararo Yamaha 342,1 km/h
19. Franco Morbidelli Yamaha 334,5 km/h

(Anmerkung: Nur 19 Fahrer absolvierten mind. 5 Runden)

Während sich in den Top-4 drei Ducati befanden, waren auf den hintersten vier Plätzen drei Yamaha. Der einzige Fahrer im gesamten Feld, der geringere Topspeed-Werte als Quartararo hatte, war Franco Morbidelli, der auf einer Yamaha fährt, die teilweise noch aus der Saison 2019 stammt.

Der Topspeed-Nachteil von Quartararo war am Sonntag sogar größer als beim letzten MotoGP-Rennen in Mugello im Jahr 2019. Damals fehlten auf Ducati rund sechs km/h, diesmal waren es zehn. Der Rückstand der Japaner wird tendenziell somit eher größer als kleiner.

Die entscheidende Phase

Dennoch konnte Quartararo die auf den Geraden deutlich überlegene Ducati von Zarco rasch abschütteln. Denn in den beiden flüssigen Sektoren zwei und drei, in die neun der 15 Kurven sowie drei schnelle Richtungswechsel fallen, war Quartararo Zarco haushoch überlegen.

Direkter Vergleich Lap 4-8:

Sektor 2/3 Sektor 1/4
Quartararo 4:47,096 Zarco 4:07,165
Zarco +1,900 Quartararo +0,383

In den Runden 4 bis 8 - jener Phase, in der Quartararo Zarcos finale Attacke abwehren und ihn abhängen konnte, nahm er seinem Gegner in den beiden Mittelsektoren über fünf Laps 1,9 Sekunden ab, während er im gleichen Zeitraum in den Sektoren 1 und 4 insgesamt 0,383 Sekunden auf Zarco verlor.

KTM mischt wieder mit

In starker Form präsentierte sich in Mugello auch KTM. Der österreichische Hersteller brachte mit Miguel Oliveira zum ersten Mal in der laufenden Saison einen Fahrer auf das Podest. Im Qualifying nur auf Rang 7, verbesserte er sich in der Startrunde um drei Ränge und konnte nach wenigen Runden die Jagd auf Johann Zarco eröffnen. Im 16. Umlauf schnappte sich der Portugiese den Franzosen und verteidigte seinen 2. Rang in den Schlussrunden erfolgreich gegen Joan Mir. Eine Farce bezüglich der Track Limits sorgte bei Oliveira und dem MotoGP-Weltmeister nach dem Rennen sogar noch für gemeinsame Häme.

Dass die beiden Podestplätze hinter Quartararo am Ende nur in einem Zweikampf ausgefochten wurden, hatten die Fans zwei Stürzen zu verdanken: Jenem von Alex Rins, der fünf Runden vor dem Ende wegwarf, und jenem von Marc Marquez. Der sechsfache MotoGP-Champion hatte selbst zwar keine Chance auf die vorderen Plätze, legte Brad Binder durch sein Manöver aber gewaltige Steine in den Weg.

Denn als Marquez in der zweiten Runde mit einem unnötig aggressiven Manöver in die Flanke des KTM-Fahrers krachte, öffnete sich dessen Airbag und es dauerte fast eine gesamte Runde, bis die Luft wieder entwich. "Ihr könnt euch vorstellen, wie wendig man mit diesem Ding noch ist. Eigentlich kannst du mit explodiertem Airbag kaum atmen", scherzte Binder nach dem Rennen.

Tatsächlich wirkte sich der Marquez-Zwischenfall massiv auf Binders Rennen aus. In der Runde des Zwischenfalls fuhr Binder nur eine Zeit von 1:48,657 Minuten. Es war seine mit Abstand schlechteste Rundenzeit des gesamten Rennens und lag um sechseinhalb Zehntel hinter seiner zweitschwächsten Zeit, die erst in der Schlussphase kam.

Lag Binder nach der ersten Runde noch quasi gleichauf mit den beiden Suzuki-Fahrern und nur sieben Zehntel hinter dem späteren Zweitplatzierten Oliveira, so betrug sein Rückstand am Ende der zweiten Runde etwas mehr als eine Sekunde auf Mir und fast zwei auf Oliveira. Bis ins Ziel sollte er nur noch eine weitere halbe Sekunde auf seinen KTM-Teamkollegen verlieren. Diese starke Pace von Binder legt den Schluss nahe, dass er ohne die Attacke von Marquez im Kampf um die Podestplätze mitmischen hätte können.

Fazit: Quartararos Meisterstück

Fabio Quartararo sind in Mugello gleich mehrere Dinge geglückt: Zunächst hat er bewiesen, dass er auch trotz des miserablen Topspeeds gegen die Ducati-Armada bestehen kann. Ein Kunststück, das an diesem MotoGP-Sonntag aus der Yamaha-Fraktion nur ihm gelang, da seine Markenkollegen erneut weit hinter der Spitze lagen (Vinales als Bester mit einem Rückstand von 17 Sekunden).

In der WM-Wertung ist nach den ersten sechs Rennen endgültig glasklar, auf welches Pferd der japanische Hersteller 2021 setzen muss. Zusätzlich zu diesem eindeutigen Nummer-1-Status konnte sich Quartararo einen Puffer von 24 Punkten auf seinen ersten Verfolger herausfahren. Damit hat er quasi eine Gutschrift für eine Nullnummer erobert, obwohl ihm selbst bereits eines der ersten sechs Saisonrennen misslang (P13 in Jerez).

Ducati muss sich nun Sorgen machen, denn ein Sieg in Mugello war auf dem Weg zur Titeleroberung fix eingeplant. Stattdessen gab es eine fast schon historische Niederlage ohne einen einzigen Fahrer auf dem Podest. In Barcelona ist man bereits in der Defensive, denn der Circuit de Catalunya liegt Quartararo. Dort hat er 2018 mit seinem ersten Sieg in der WM den Grundstein für seinen MotoGP-Aufstieg gelegt. Zudem holte er in Barcelona 2019 sein erstes Podest in der Königsklasse und siegte dort im Vorjahr.

Dass nach Verbesserungen am Rahmen und einem neuen Sprit nun auch KTM wieder um die Podestplätze mitmischt, schmerzt Ducati wohl ebenfalls mehr als Quartararo, da vor allem Bagnaia und Zarco (beide stehen bei 0 MotoGP-Siegen) von ihrer Konstanz leben und dadurch mehr Konkurrenz im direkten Duell um die vorderen Plätze bekommen.


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