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MotoGP - KTM-Teamchef Leitner: Corona wird Arbeit beeinflussen

In Jerez herrschen völlig neue Bedingungen für alle MotoGP-Teams. Wie sehr beeinflusst das neue Corona-Protokoll die Arbeit der Teams?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP startet in Jerez in die verkürzte Saison 2020. Bereits am Mittwoch geht es für die Teams der vier Klassen los. KTM startet dabei in ein neues Zeitalter, denn aufgrund der Corona-Regeländerungen unterliegt man zum ersten Mal Einschränkungen der technischen Entwicklung.

MotoGP im Corona-Modus: So läuft die Saison 2020: (14:30 Min.)

Was das für den österreichischen Hersteller bedeutet, erklärt TKM-Teamchef Mike Leitner im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com:

Mike, bereits am Mittwoch geht es mit zwei Test-Sessions für die MotoGP los. Wie wichtig ist dieser Test für euch?
Mike Leitner: Der ist für alle sehr wichtig, vor allem aber für die Fahrer, die seit Monaten nicht mehr gemeinsam auf der Strecke waren. Hinzu kommt, dass wir noch nie im Sommer in Jerez bei solch enormen Temperaturen (Prognose: bis zu 37 Grad) gefahren sind. Da hilft uns dieser Test schon sehr.

Aufgrund der neuen Corona-Regelungen unterliegt KTM zum ersten Mal seit dem MotoGP-Einstieg auch dem Engine-Freeze, zudem gibt es ein Aero-Update-Verbot für alle Hersteller. Wie sehr beeinflusst das eure Entwicklungsarbeit?
Die Umstände waren entsprechend, um so einen radikalen Schritt zu setzen und wir akzeptieren diese Entscheidung voll und ganz. Für unsere Entwicklung ist das freilich nicht förderlich. Zum Glück gibt es auf einer Rennmaschine aber noch genügend Bereiche, an denen man arbeiten kann und in den kommenden Monaten müssen wir unser Hauptaugenmerk eben auf diese Bereiche legen.

Immerhin musstet ihr euren Motor erst mit Ende Juni homologieren und konntet in Spielberg und Misano davor noch testen. Hat euch das geholfen oder kamen diese Tests schon zu spät für ein großes Update?
Im Grunde haben wir nichts mehr verändert zu jener Homologation, die wir für Katar einsatzbereit hatten. Wir mussten uns in den vergangenen Monaten komplett neu orientieren, denn im März ging plötzlich gar nichts mehr und bis Anfang Mai musste man sogar befürchten, dass es 2020 überhaupt keine Rennen mehr geben könnte. Du weißt in diesen Momenten nicht, wofür du überhaupt planen musst: Gibt es gar keinen Rennsport, gibt es sechs Rennen oder gibt es am Ende sogar 14 Grands Prix? Diese Unsicherheit hat leider einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung. Denn man kann nicht irgendetwas mit Vollgsas vorantreiben, wenn man nicht einmal weiß, ob man das 2020 noch einsetzen kann. Als klar war, dass die Saison Mitte Juli startet, ging es wieder in vollem Tempo los. Aber da diese Entscheidung erst sehr spät kam, wurde die Zeit dann sehr knapp. Im Bereich der Motor-Entwicklung kannst du in so wenigen Wochen nicht mehr viel machen.

Wie sehr entspricht die KTM RC16, die in Jerez steht, jener, die in Katar an den Start gegangen wäre?
Wir konnten nur ganz kleine Änderungen vornehmen. Eine Saisonvorbereitung nimmt Monate in Anspruch und es ist alles für Katar fertig gewesen. Durch den Lockdown war dann wochenlang ohnehin alles komplett heruntergefahren: Das Werk war geschlossen und Lieferketten waren unterbrochen. Daher konnten wir nicht mehr viel verändern an der RC16.

13 Rennen binnen 18 Wochen bedeuten neuen Rekord und somit eine noch nie dagewesene Belastung für alle Teams. Wie zufrieden seid ihr mit diesem Kalender?
Es wird eine ganz eigenartige Saison, aber wir müssen froh sein, überhaupt wieder auf die Strecke zu dürfen. Zwischendurch hat es schon sehr düster für die MotoGP ausgesehen. Der Kalender ist sicherlich sehr intensiv, aber daran müssen wir uns anpassen und das einfach hinnehmen.

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Abläufe in den Boxen und im Fahrerlager. Wie sehr wird sich das neue "Corona-Protokoll" auf eure Arbeit auswirken?
Wir müssen unzählige Sicherheitsmaßnahmen einhalten und diese werden unsere Arbeit auf jeden Fall beeinflussen. Jeder Mechaniker und jedes einzelne Mitglied muss mit diesen neuen Umständen zurechtkommen. Das beginnt mit den Covid-Tests im Vorfeld und geht soweit, dass wir uns vor Ort nur an der Rennstrecke und im Hotel aufhalten dürfen. In diesem kleinen Mikrokosmos gilt es die Motivation aufrecht zu halten. Vor allem die Fahrer müssen topfit und hochkonzentriert bleiben, denn bei 13 Rennen binnen 18 Wochen darf man sich keinen einzigen Fehler erlauben.

Ihr dürft euch in den rennfreien Wochen aber schon im häuslichen Umfeld normal bewegen und leben, oder?
Ja, das dürfen wir dann schon. Aber vor jeder Anreise zu einem neuen Rennort müssen wir wieder das volle Programm an Covid-Tests durchlaufen. Wir machen nicht nur PCR-Tests, sondern auch Bluttests und man kann sich vorstellen, dass diese Prozedur nicht immer sehr lustig ist.

Wie wirkt sich die Personenbegrenzung pro Team auf eure Arbeit an der Strecke aus? Könnt ihr Arbeit, zum Beispiel von Dateningenieuren, ins Stammwerk auslagern, so wie das etwa Kalex tun wird?
Wir dürfen als Werksteam 45 Personen an die Strecke bringen. In dieses Kontingent fallen aber bereits die beiden Piloten, unsere LKW-Fahrer, Leute für die Verpflegung und so weiter. Das wird ganz schön eng und man muss sich im Vorfeld genau überlegen, wie man Arbeitsschritte optimieren kann. Wir sollten aber grundsätzlich mit unserem normalen Team vor Ort auskommen.

Ihr habt Ende Juni bereits euer neues Fahrer-Lineup für 2021 präsentiert - ohne Pol Espargaro, dafür aber mit Danilo Petrucci. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Das Ganze hat sich Ende April bzw. Anfang Mai entwickelt, als klar wurde, was möglich ist und was nicht. Wir haben unsere Fahrer-Strategie daraufhin angepasst, sodass wir die Jungen zum Zug kommen lassen wollen. Daher haben wir ein Werks-Duo zusammengestellt, das sich sehr gut aus der Vergangenheit kennt: Brad Binder und Miguel Oliveira. Danilo Petrucci hat sich rasch als gute Alternative zu Pol Espargaro herauskristallisiert, denn er ist ein Topfahrer, hat schon ein Rennen gewonnen und im Vorjahr vier Podestplätze eingefahren. Es wurden bei vielen Herstellern die Weichen für 2021 gestellt, ohne dass ein Rennen stattgefunden hat. Das war für alle Beteiligten eine sehr schwierige Situation.

Mit Brad Binder und Iker Lecuona habt ihr mit zwei Rookies verlängert, die noch nicht einmal ihren ersten Grand Prix als Stammfahrer hinter sich haben. Fiel euch diese Entscheidung schwer?
Man kann nicht einen Fahrer unter Vertrag nehmen und ihn dann vor die Tür setzen, ehe er sein erstes Rennen gefahren ist. Das geht schon von der menschlichen Seite her nicht. Daher haben wir uns für diese Variante entschieden.

Mit welchen Erwartungen geht KTM nun in diese verkürzte und seltsame Corona-Saison 2020?
Wie erwarten, wieder einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Wir hatten gute Wintertests und nun auch zwei saubere Testfahrten in Spielberg und Misano. Wir sind froh, dass wir nach Jerez fahren und endlich wieder Rennen fahren können. Alles andere ist momentan nebensächlich.


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