Moto2

MotoGP-Meinung: Kiefer-Rauswurf ist ein Schlag ins Gesicht

Die MotoGP-Offiziellen beteuern immer wieder, dass sie sich deutschen Nachwuchs wünschen. Warum wirft man dann den wichtigsten Förderer aus der WM?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die Schocknachricht vom WM-Aus des deutschen Traditionsteams Kiefer Racing traf am Samstagmittag alle heimischen Motorrad-Fans hart. Nach eineinhalb Jahrzehnten in der Weltmeisterschaft, zwei WM-Titeln sowie unzähligen Siegen und Podestplätzen soll mit Saisonende Schluss sein. Und viele fragen sich: Warum?

Gerechtfertigt haben Carmelo Ezpeleta und Mike Trimby den Rauswurf gegenüber Jochen Kiefer mit dem Bestreben, die Moto2-Grid verkleinern zu wollen und das große Reinemachen mit den Ein-Mann-Teams Tasca und eben Kiefer Racing zu beginnen. Dass Kiefer für 2020 eine saubere Zwei-Mann-Bewerbung zur Einreichung in Silverstone fertig hatte, war dem Selektionskomitee egal.

Mit Kiefer Racing wird aber nicht nur ein deutsches Traditionsteam eliminiert, sondern auch gleich die Karriere des Lukas Tulovic bombardiert. Im Übrigen der erste deutsche Stammfahrer-Rookie seit fünf Jahren. Dass das Schicksal von Kiefer Racing und Tulovic Hand in Hand geht, muss dem Selektionskomitee klar gewesen sein, denn stets war vom gemeinsamen Drei-Jahres-Plan die Rede. Dass Jochen Kiefer daher den von der Dorna angebotenen Wechsel in die Moto3 ausschlagen musste, liegt ob der Körpergröße von Tulovic auf der Hand. Aber das war dem Selektionskomitee egal.

Am Finanziellen ist es jedenfalls nicht gescheitert. Denn auch wenn Kiefer Racing nie das finanzkräftigste Team war, so war über unbezahlte Rechnungen, nicht entlohnte Mitarbeiter oder ausstehende Leasingraten nie ein Wörtchen im Paddock zu hören. Anders als bei einigen Moto2-Konkurrenten, die womöglich weitermachen dürfen. Die Kiefer-Brüder (Ruhe in Frieden, Stefan) haben lange Jahre sogar eigenes Geld in die Hand genommen, um ihren Rennstall am Laufen zu halten, während sich andere Teamchefs Bentleys zugelegt haben. Die Saison 2020 war für Tulovic laut dessen Manager bereits ausfinanziert. Aber das war dem Selektionskomitee egal.

Auch sportliche Erfolglosigkeit kann kein Argument sein, denn im Vorjahr war Kiefer Racing in der Teamwertung mit Domi Aegerter und dessen Kurzzeit-Ersatz Tulovic Elfter. Damit landete man etwa vor Tech3, vor dem Honda Team Asia, vor Forward oder vor Petronas Sprinta Racing. Dass man 2019 mit einem WM-Neuling und einem mäßig guten Motorrad (KTM ist in der Herstellerwertung nach zwei Podestplätzen in zehn Rennen nur Dritter) nicht um Top-10-Plätze kämpfen kann, war absehbar und darf keineswegs als Indiz für sportliche Erfolglosigkeit gewertet werden. Aber das war dem Selektionskomitee egal.

Kiefer Racing war nicht nur ein Traditionsteam in der WM, sondern förderte auch wie kein anderer deutscher Rennstall den Nachwuchs. In den wichtigsten Jugend-Klassen war das Team immer dabei - teilweise mit bis zu vier Motorrädern. Von diversen ADAC-Meisterschaften bis nach Spanien hatte Kiefer überall seine Mannschaften. Jedes Talent wusste, dass es mit den Kiefer-Brüdern bis in die Weltmeisterschaft kommen könnte. Luca Grünwald, Florian Alt, Toni Finsterbusch und zuletzt Tulovic hätten ohne Kiefer Racing vielleicht nie eine Chance auf einen WM-Einstieg bekommen. Aber das war dem Selektionskomitee egal.

Am Sachsenring trat Dorna-Boss Carmelo Ezpeleta im Zuge der Präsentation des neuen Northern Talent Cup vor die Presse und beteuerte, wie sehr ihm Deutschland als Kernland am Herzen liege. Er wolle eine deutsche Strecke im Kalender, deutsche Fans und deutsche Fahrer in der WM. Für letztere sorgte zuletzt vor allem Kiefer Racing. Aber das war dem Selektionskomitee egal.


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