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IMSA / Hintergrund

Daytona-Sieger 2021: Vom DTM-Nobody zum Langstrecken-Superstar

Wer erinnert sich noch an Filipe Albuquerque? Wie der Portugiese nach dem DTM-Rauswurf zu einem der erfolgreichsten Rennfahrer und Daytona-Sieger aufstieg.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - "Er ist ein Superstar. Auf ihm lastete all der Druck und er hat es wie ein Champion gemeistert." Nur wenigen Motorsport-Fans dürfte auf Anhieb eingefallen sein, welchen Fahrer der US-Profi Ricky Taylor nach dem Ende des 24-Stunden-Rennens in Daytona mit Lobeshymnen förmlich überschüttete.

DTM-Anhänger in Deutschland könnten sich dunkel an den Namen erinnern: Filipe Albuquerque, der 2010 auf seinem Weg zum Sieg beim Race of Champions unter anderem Sebastian Vettel bezwang und von 2011 bis 2013 bei 30 Rennen für Audi nur einen einzigen Podestplatz erzielte.

In den Geschichtsbüchern der deutschen Tourenwagenserie muss man lange blättern, um den nicht ganz einfach zu buchstabierenden Namen des Portugiesen aufzufinden. In der großen Welt des Langstreckensports steht Albuquerque hingegen ganz weit oben auf der Liste. Nicht erst seit seinem zweiten Gesamtsieg - daher das Lob von Teamkollege Taylor - beim prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen in Daytona hat sich Albuquerque zu einem der erfolgreichsten Prototypen-Fahrer gemausert.

Seine vergangenen vier Monate in der Kurzabhandlung: Klassensieger bei den 24 Stunden von Le Mans, LMP2-Champion in der WEC-Langstreckenmeisterschaft, LMP2-Meister in der European Le Mans Series und am vergangenen Wochenende der Daytona-Triumph in der DPi-Topklasse nach einer dramatischen Schlussphase. Acht seiner 17 Rennen im vergangenen Jahr in der IMSA, WEC und ELMS schloss er als Sieger seiner Klasse ab - in Daytona begann für Albuquerque auch das neue Jahr mit einem Paukenschlag.

Sieger der 24 Stunden von Daytona 2021: Wayne Taylor Racing mit Acura - Foto: Rolex

4,7 Sekunden Vorsprung nach 4.600 Kilometern

Zusammen mit seinen Teamkollegen Taylor, Kurzzeit-Formel-1-Fahrer Alexander Rossi und dem 45-jährigen Motorsport-Haudegen Helio Castroneves, gewann Albuquerque die 59. Auflage des Rolex 24 At Daytona. Ihm gebührte dabei die wichtige Aufgabe, nach dem Start auch den Schlussstint bis zum Zieleinlauf am Sonntagnachmittag um 15:40 Uhr Ortszeit zu übernehmen.

Nach 807 Runden, was rund 4.600 Kilometern entspricht, betrug Albuquerques Vorsprung auf den Zweitplatzierten Kamui Kobayashi im Action-Express-Cadillac gerade einmal 4,7 Sekunden. Wenige Minuten zuvor hatte es stark danach ausgesehen, als ob Renger van der Zande im #01 Ganassi-Cadillac seinen dritten Daytona-Sieg in Folge einfahren würde. Doch der Niederländer im zu diesem Zeitpunkt schnellsten Auto musste sich wegen eines Reifenschadens aus dem Kampf um den Gesamtsieg verabschieden.

In der DTM hinten - in Daytona ganz vorne

"Ich habe ständig in die Spiegel geschaut", blickte Albuquerque auf die Schlussphase zurück, in der sich van der Zande - selbst zweifacher Daytona-Sieger mit kurzzeitiger DTM-Vergangenheit - bis auf eine halbe Sekunde an seinen Acura herangekämpft hatte.

"Er war schnell, auch schneller als ich. Ich ging aber davon aus, dass er Probleme mit seinen Reifen bekommen würde. Das sagt dir die Physik. Wenn du zu sehr Gas gibst, passiert etwas - etwas Schlechtes, wenn du von der Strecke abfährst. Den Reifenschaden hatte ich natürlich nicht erwartet, aber, dass van der Zande mit seiner Performance in Schwierigkeiten geraten würde."

Die Siegermannschaft von Wayne Taylor Racing - Foto: LAT Images

Wayne Taylor Racing: Daytona-Dominator

Das Malheur des Gegners verschaffte Albuquerque ausreichend Luft, um den #10 Konica Minolta Acura ARX-05 ins Ziel zu bringen und damit dem US-Ableger von Honda den ersten Daytona-Gesamtsieg zu bescheren. Und um unter Beweis zu stellen, dass Wayne Taylor Racing die dominante Macht im selbsternannten 'World Center of Motorsports' bleibt: Für die 2007 gegründete Truppe mit Sitz in Indianapolis war es der dritte Gesamtsieg in Folge und der vierte innerhalb der letzten fünf Jahre.

Die vier vorangegangenen Siege erzielte WTR jeweils mit Prototypen aus dem Hause Cadillac. Nach der Trennung von Acura und Traditions-Team Penske zum Saisonende 2020, begann nach langen Jahren der Zusammenarbeit auch für Wayne Taylor ein neues Kapitel. Eines, das nicht erfolgreicher hätte beginnen können und dem Team einen weiteren Eintrag in den Geschichtsbüchern brachte: In der langen Historie von Daytona war es bis dato nur Chip Ganassi Racing gelungen, von 2006 bis 2008 drei Siege hintereinander zu erzielen.

Als Albuquerque die WTR-Serie verhinderte

Ausgerechnet Albuquerque war mitverantwortlich, dass WTR nicht sogar fünfmal in Folge triumphierte. 2018 durchbrach er die Taylor-Dominanz in Daytona, als er zusammen mit Christian Fittipaldi und Joao Barbosa den Mustang Sampling Racing-Cadillac zum Sieg führte und die erste seiner nun zwei Rolex-Daytona-Uhren ums Handgelenk schnallen konnte.

"Wir wussten immer, dass wir ihn in unserem Acura haben wollten, zusammen mit Alex und Helio", sagte Teamchef-Sohn Ricky Taylor, der nach 2017 ebenfalls zum zweiten Mal auf dem Daytona International Speedway triumphieren konnte und das Auto für die finalen beiden Stints an Albuquerque übergab.

Filipe Albuquerque gewinnt zum zweiten Mal die 24 Stunden von Daytona - Foto: Rolex

Das verrückteste Rennen meines Lebens

"Was für ein Start mit Wayne Taylor Racing und Acura", fand Albuquerque, der zuletzt in Europa für Zak Browns Team United Autosports und in den USA für Action Express am Lenkrad drehte. "Das war das verrückteste Rennen meines Lebens. Vor allem mental war es anstrengend, weil wir ständig hart kämpfen mussten und uns ein wenig Pace fehlte. Aber wir hatten einen Vorteil mit dem Sprit und ich tat alles dafür, meine Position auf der Strecke zu halten."

Und so hat Albuquerque seinen Status als einer der besten Prototypen-Fahrer auf der Welt einmal mehr rechtfertigt. Was in der DTM nie so recht gelingen wollte und nach zwei weiteren WEC-Jahren mit dem Audi Sport Team Joest Ende 2015 beim Autobauer aus Ingolstadt endete, holt der Mann aus Coimbra im Herbst seiner Rennfahrerkarriere eindrucksvoll nach.


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