Besser geht es praktisch nicht: Maximilian Günther (Maserati) erlebte beim Formel-E-Doppelrennen in Jakarta ein annähernd perfektes Rennwochenende. Bestzeit in allen drei Freien Trainings, Streckenrekord, zwei Pole Positions, Platz drei im Samstagsrennen, gefolgt vom ersten Sieg für Maserati am Sonntag.

Dass es Günther als erstem Pole-Setter in der laufenden Saison und jahresübergreifend seit 13 Rennen als erstem Fahrer gelang, den 1. Startplatz in einen Sieg umzumünzen, kratzt an einem historischen Erfolg. Aus Sicht des italienischen Herstellers und Formel-E-Neueinsteigers weitaus bedeutsamer: Günther bescherte Maserati den ersten Sieg in einem Formel-Rennen seit 1957, als Juan Manuel Fangio auf seinem Weg zum fünften WM-Titel das Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring gewann.

Dass sich Maserati wegen finanzieller Schwierigkeiten nach 1957 aus der F1 zurückzog und erst mehr als 50 Jahre später wieder in den Single-Seater-Sport - diesmal rein-elektrisch - zurückkehrte, sollte ebenso erwähnt werden. Mit dem Jakarta-Sieg hat sich Günther aber schon jetzt einen Platz in den Geschichtsbüchern der Marke mit dem Dreizack im Wappen gesichert.

Die Dominanz des 25-Jährigen darf als durchaus überraschend bezeichnet werden, hatte sich in den vergangenen Wochen der Saison 2023 aber zumindest angedeutet. Beim Heimspiel in Berlin Ende April sorgte Günther für den ersten Podestplatz von Maserati, das mit seinen von DS-Automobiles angetriebenen Autos effektiv als Kundenteam zählt. Dass der DS-Motor nicht der stärkste im Feld, aber durchaus siegfähig ist, hatte zuvor bereits Jean-Eric Vergne (DS Penske) in Hyderabad unter Beweis gestellt.

Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images
Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images

Maserati, dessen Einsatz das frühere Venturi-Team aus Monaco unter der neuen Führung von Teamchef James Rossiter leitet, zeigte nach einem katastrophalen Saisonstart die wohl steilste Lernkurve in der Formel E. Bei Günther spiegelte sich das anhand des Meisterschaftsverlaufs wider: Hatte der Allgäuer in den ersten sechs Rennen keinen einzigen Punkt erzielt, bedeutete das Berlin-Wochenende den schlagartgien Wendepunkt.

Im Verlauf der letzten fünf Rennen in Berlin, Monaco und Jakarta sammelte Günther ganze 70 Punkte! Damit avancierte er neben Mitch Evans (ebenfalls 70 Punkte) zum zweitbesten Piloten in diesem Zeitraum, nur Titelanwärter Jake Dennis (71 Punkte) war noch erfolgreicher. Zum Vergleich: WM-Spitzenreiter Pascal Wehrlein musste sich seit Berlin mit 'nur' 48 Zählern begnügen. Günther kletterte nach den Jakarta-Festspielen auf den siebten Platz in der Gesamtwertung, dürfte wegen des desaströsen Saisonstarts aber keine realistischen Chancen auf den Titelangriff haben.

"Ich schwebe gerade auf Wolke 7 und bin so stolz", jubelte Günther, der in Jakarta seinen vierten Formel-E-Sieg und den ersten seit dem 10. Juli 2021, als er für BMW in New York ganz oben auf dem Treppchen gestanden hatte, errang. In der folgenden Saison beim strauchelnden Nissan-Team sollten ihm weitere Erfolge verwehrt bleiben, bevor er die Japaner mit dem Beginn der Gen3-Ära nach nur einem Jahr verließ und bei Maserati anheuerte.

Günther: "Die bisherige Saison war nicht so leicht, vor allem der Auftakt. Wir haben aber weiter ans uns geglaubt und hart gearbeitet. Das Momentum hat sich vor ein paar Wochen geändert. Schon in Berlin lief es toll und wir haben gute Punkte geholt. Jetzt zweimal auf Pole zu stehen und das Rennen zu gewinnen, ist großartig. Ich bin extrem happy."

Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images
Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images

Im Samstagsrennen musste sich Günther mit seinem DS-Maserati noch der starken Konkurrenz von Werks-Porsche-Sieger Pascal Wehrlein und Jake Dennis im Kunden-Porsche von Andretti geschlagen geben. Am Sonntag drehte Günther den Spieß um im Rennen, das mit 38 Runden eine zwei Umläufe längere Distanz aufwies und wodurch das Energie-Management eine größere Rolle einnahm.

"Der zweite Platz geht in Ordnung", sagte Dennis, der zum vierten Mal in Folge auf das Podest fuhr und in der WM-Tabelle nur einen Punkt Rückstand auf Wehrlein hat. "Max war so schnell und zur Mitte des Rennens unerreichbar. Er war schnell, wenn er es sein musste und hatte auch auf einer Runde das beste Auto. Als es darauf ankam, pushte er und holte alles aus dem Maserati heraus."

Entwickelte sich das kürzere Samstagsrennen zu einer Vollgas-Fahrt, spielte am Sonntag das Energie-Management wieder die entscheidende Rolle. In der Spitzengruppe überließen sich die Fahrer mittels Attack-Mode-Aktivierung freiwillig gegenseitig die Führung, um im Windschatten fahren und Energie sparen zu können. Die Pace war zu diesem Zeitpunkt bis zu drei Sekunden langsamer als theoretisch möglich.

Die entscheidende Szene spielte sich in der 17. Runde ab, als Günther auf Platz zwei liegend seinen zweiten Attack-Mode aktivierte und bei der Rückkehr auf die Ideallinie vor Dennis' Andretti bleiben konnte. "Mit Blick auf die Energie war es ein sehr komplexes Rennen", bestätigte Günther. "Man musste den richtigen Zeitpunkt wählen, um zu attackieren. Ich habe einen Overcut gegen Jake gemacht, das ist perfekt aufgegangen. Dann war nur Mitch vor mir, was ideal war, weil er noch einen Attack-Mode aktivieren musste. Deshalb war es wichtig, vor Jake zu bleiben."

Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images
Maximilian Günther beim Jakarta ePrix der Formel E 2023, Foto: LAT Images

Evans aktivierte in Runde 21 seinen zweiten Attack-Mode und fiel hinter Günther und Dennis auf Platz 3 zurück. Günther fuhr an der Spitze in 1:09.615 Minuten eine zwischenzeitliche Bestzeit und erarbeitete sich in den folgenden zehn Runden einen Vorsprung von gut drei Sekunden auf Dennis. Evans, der den angezogenen Speed des Spitzenduos nicht annähernd mitgehen konnte: "Uns fehlte die Pace und am Ende war ich nur eine Straßenblockade."

Auch Dennis konnte Günther, der die Pace fast nach Belieben bestimmte, nicht wirklich gefährlich werden. Zwar ließ der Andretti-Fahrer mit zwei Bestzeiten aufhorchen, hatte beim Zieleinlauf aber deutliche 2,8 Sekunden Rückstand. Günther: "Das Rennen war von Beginn an ziemlich perfekt. Gestern war es schwieriger und wir hatten nicht genug im Köcher, um die Jungs vor uns zu schnappen. Aber heute war es unser Tag."

Formel-E-Tabelle 2023 nach 11/16 Rennen (Top-10)

Pos.FahrerTeamPunkte
1Pascal WehrleinPorsche134
2Jake DennisAndretti-Porsche133
3Nick CassidyEnvision-Jaguar128
4Mitch EvansJaguar109
5Jean-Eric VergneDS Penske97
6Antonio Felix da CostaPorsche78
7Maximilian GüntherMaserati70
8Sam BirdJaguar62
9Sebastien BuemiEnvision-Jaguar62
10Jake HughesMcLaren46