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Formel E / Hintergrund

Daniel Abt in der Formel E: Kein Portrait eines Betrügers

Der Fall Daniel Abt. Ein Eklat bei einem virtuellen Rennen kostet ihn den Formel-E-Job bei Audi. Der Spaßvogel aus Kempten im ausführlichen Portrait.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Drastische Umstände erfordern drastische Maßnahmen. Als Daniel Abt vor ziemlich genau vier Jahren nicht mehr weiterwusste, griff er radikalsten Mitteln. Um endlich auch einmal in den Genuss des Fanboost in der Formel E zu kommen, bot er im Austausch für Stimmen an, beim nächsten Rennen in der Startaufstellung Lieder von Popstar Taylor Swift zu singen. Nackt.

Dieses Erlebnis blieb den Umstehenden beim folgenden ePrix 2016 im US-amerikanischen Long Beach erspart. Statt mit dem ersten Karriere-Fanboost, reiste Abt mit seinem zweiten Podesterfolg im 17. Rennen der Formel-Geschichte ab. Die Staaten waren für den Sunnyboy aus Kempten ohnehin stets ein gutes Pflaster. Im auserkorenen Lieblingsland sammelte Abt immerhin vier seiner insgesamt zehn Podiumsplätze in der Elektro-Rennserie.

In der Folge musste Abt den Fans keine weiteren Auszieh-Exzesse androhen, die Sympathien wuchsen immer weiter an, ebenso die Anzahl der gesammelten Fanboosts, die einem Fahrer in der Formel E während der Rennen eine Extra-Portion Leistung für einen kurzen Zeitraum verschaffen.

Aufkleber-Attacke in Marrakesch

Um aber auf Nummer sicher zu gehen, ließ sich Spaßvogel Abt im November 2016 beim Marrakesch ePrix einen weiteren Coup einfallen. Per Video ließ er dokumentieren, wie er in der großen Medienrunde nach dem Rennen an seinen Fahrerkollegen vorbeihuschte und sie heimlich per Rückenklopfer mit Aufklebern tapezierte. '#DanielAbt #FanBoost' war auf den Stickern zu lesen, die das halbe Teilnehmerfeld unwissend in die TV-Kameras hielt.

Was heute ein viraler Hit in den sozialen Netzwerken wäre, ging damals größtenteils unter. Abts Karriere als YouTube-Star, die im selben Jahr mit dem Kauf einer Videokamera am Flughafen in Dubai vor dem 24-Stunden-Rennen begonnen hatte, steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Audi wirft Daniel Abt raus: gerecht oder zu hart?: (43:08 Min.)

Daniel Abt: Liebling der Fans

Mit jedem folgenden Video oder Twitter-Eintrag wuchs Abts Community in den sozialen Medien. In nackten Zahlen ausgedrückt: In 63 Rennen wählten ihn die Fans 31 Mal unter die drei beliebtesten Fahrer und verschafften dem Audi-Piloten einen Fanboost. Nur die beiden ehemaligen Champions Sebastien Buemi (41 Mal) und Abts langjähriger Teamkollege, Lucas di Grassi (34 Mal), standen in der Gunst der Zuschauer noch höher.

Zahlenbeispiele, die belegen, welche Rolle Abt seit der Gründung der Formel E im Jahr 2014 für die erste reinelektrische Rennserie der Welt gespielt hat. Der 27-Jährige gehörte zu den Aushängeschildern und hatte vor allem in Deutschland einen enormen Anteil daran, der Formel E zu größerer Bekanntheit in der jungen Zielgruppe zu verhelfen. Ab dem ersten Rennen im Pekinger Olympiastadion wehrte er sich vehement und laut gegen Kritiker, die der Formel E den Status 'echten Motorsports' absprachen.

Seht ihr meine Karre: Foto von Formel-E-Testfahrten oder Cover zum neuen Rap-Album? - Foto: Audi Communications Motorsport

Abt: Wollte den Sport pushen

"Ich habe immer versucht, den Sport über soziale Medien, in denen ich sehr aktiv bin und eine große Reichweite aufgebaut habe, näher zu bringen, ihm zu dienen und ihn zu pushen. Das haben wir von Beginn an gemacht und das zeigt schon, dass mir dieses Thema immer sehr wichtig war."

Aussagen aus seinem vorerst letzten Video über die Formel E. Daniel Abt wurde von Audi gefeuert, nach sechs gemeinsamen Jahren ist die Weltreise abrupt beendet worden. Ausgelöst durch einen Skandal bei einem virtuellen Rennen der Formel E, in dem er einen jungen Sim-Racer an seiner Stelle ans Steuer ließ. Was als eine weitere lustige Aktion zur Unterhaltung seiner Fans geplant war, endete in einem bösen Shitstorm mit anschließender Suspendierung nach einer Konzernentscheidung der Ingolstädter. "Das ist ein Schmerz, den ich in dieser Form noch nie in meinem Leben erfahren habe", sagte er. Man glaubte ihm gern.

Abt-gesägt nach einem Dummejungenstreich bei einem Computerspiel - Foto: Audi Communications Motorsport

Abt-gesägt vom Audi-Konzern

Abt-gesägt zu einer hochbrisanten Zeit, in der Volkwagen samt Konzerntochter Audi nicht nur wegen der Corona-Krise unter enormem Druck standen.

Der Bundesgerichtshof verdonnerte die Wolfsburger einen Tag nach dem Abt-Eklat im Zuge der Abgasmanipulation zu Schadensersatzzahlungen, zudem kaufte man Vorstandschef Herbert Diess und Aufsichtsratsboss Hans Dieter Pötsch aus den Ermittlungen rund um den Vorwurf der Marktmanipulation frei. Probleme beim Golf 8 und dem elektrischen ID.3 und nicht zuletzt ein Instagram-Vorfall, der VW Rassismus-Vorwürfe einbrachte, waren die wahren Brandherde zu dieser Zeit.

In diesem Gesamtbild wirkte Abt, der alleiniger Auslöser seiner unbedachten Aktion war, wie eine Lappalie. Die Suspendierung sei laut Audi alternativlos gewesen, obwohl man zu einer "offenen Fehlerkultur" stehe. Doch allein das Wort 'Betrug', ganz egal in welchem Ausmaß, ließ die Zündschnur des Großkonzerns äußerst kurz werden. Krisen verstehen keinen Spaß.

Miami 2015: Daniel Abts erster von zehn Podestplätzen in der Formel E - Foto: Sutton

Unter besonderer Beobachtung

Er hätte es besser wissen müssen, werfen Kritiker Abt den folgenschweren Dummejungenstreich vor. Seit 2017 in Folge der Übernahme der Kemptener Formel-E-Mannschaft durch den Audi-Konzern repräsentierte Abt die Marke mit den vier Ringen als Werksfahrer. Seit diesem Moment stand er, wie es bei einem solch privilegierten Status üblich ist, unter besonderer Beobachtung unterschiedlicher Konzernabteilungen.

Beifall erhielt Abt häufig aus dem einflussreichen Marketingbereich, der seine mediale Reichweite gepaart mit Authentizität und der familiären Verbundenheit zu Audi schätzte. "Bei einem Werksfahrer schauen wir in erster Linie auf die Performance, aber natürlich spielt auch das Gesamtbild eine Rolle", bestätigte Audi-Motorsportchef Dieter Gass 2019 indirekt, was in der Szene seit vielen Jahren bekannt ist: Die Arbeit eines Werkspiloten geht weit, weit über das reine Gas geben auf der Rennstrecke hinaus.

Daniel Abt mit Model Emily Ratajkowski 2018 in Berlin - Foto: LAT Images

Entschuldigung beim Chef

Dass öffentliche Präsenz ihre Schattenseiten mit sich bringt, musste Abt nicht erst seit dem Rauswurf erfahren. Schon Anfang 2018 setzte sich der Allgäuer in die Nesseln, als er in einem seiner Videos unzensiert einen möglichen Betrug beim Fanboost-Voting anprangerte. "Ich reiße mir den Arsch auf, um euch zu aktivieren", sagte Abt frustriert in die Kamera. "Und dann gibt es leider Fahrer, die dort ein bisschen bescheißen. Und das sage ich nicht, weil ich ein schlechter Verlierer bin, sondern weil ich das weiß."

Die Aktion kam bei Audi intern überhaupt nicht gut an - Stichwort: Betrug - und wurde hinter den Kulissen heftiger diskutiert als es zu diesem Zeitpunkt öffentlich den Anschein machte. Mit einer Entschuldigung bei Formel-E-Boss Alejandro Agag höchstpersönlich konnte Abt damals schlimmere Folgen verhindern.

Daniel Abt mit Formel-E-Chef Alejandro Agag und Nico Rosberg - Foto: Audi Communications Motorsport

Revanche für Hongkong

Seine Revanche folgte wenig später auf der Rennstrecke. Am 03. März 2018 trug sich Abt in Mexiko-City als erster deutscher Sieger in die Geschichtsbücher der Formel E ein. Ein Triumph mit besonderer Genugtuung, nachdem er drei Monate zuvor beim Saisonauftakt in Hongkong nur kurzzeitig jubeln durfte. In der Millionen-Metropole wurde ihm der Sieg wegen einer falschen Eintragung im Wagenpass wenige Stunden nach dem Zieleinlauf aberkannt - obendrein an seinem 25. Geburtstag.

Nach Mexiko gewann Abt im selben Jahr sein Heimrennen in Berlin. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden inklusive eines Frühstücks-Döners, mit dem Abt beim Betreten des Hotels ausgerechnet von Teamchef Allan McNish fotografiert und auf Twitter verewigt wurde. Typisch Abt: Wer siegen kann, der kann auch feiern. Auch deshalb fühlte er sich wohl in der jungen Welt der Formel E, in der vieles etwas lockerer gesehen wird als in Haifischbecken wie der Formel 1, in deren Umfeld Abt 2012 die GP3-Vizemeisterschaft gewann und ein Jahr später in die GP2-Serie aufstieg.

Größter Triumph: Daniel Abt gewinnt in Berlin 2018 sein Heimrennen - Foto: LAT Images

Audi-Abschied längst beschlossen

Mit seiner erfrischenden und nicht selten unangepassten Art fügte sich Abt seit den Anfängen perfekt ein in das Bild der Formel E, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein junges und urbanes Publikum zu begeistern. Nicht umsonst waren die Chefs der Serie die Ersten, die ihm nach dem Audi-Rauswurf den Rücken stärkten. Ihm, der schon vor dem virtuellen E-klat geplant hatte, sich zum Saisonende von Audi zu verabschieden - nicht zuletzt in dem Wissen, dass sein Cockpit nach dem angekündigten DTM-Ausstieg der Ingolstädter intern äußerst begehrt war.

Mit Abt verliert Audi einen Fahrer, der nicht nur mit YouTube-Videos auf sich aufmerksam machte. Zwar war er Dauer-Teamkollege Lucas di Grassi - einem der drei besten Fahrer der Formel E - über weite Strecken unterlegen, doch mit Konstanz rechtfertigte er seine Weiterbeschäftigung im Audi-Team. So eroberte Abt im vergangenen Jahr saisonübergreifend in 13 aus 15 Rennen einen Platz in den Punkterängen, mit 390 Zählern belegt er die fünfte Position in der ewigen Statistik.

Staffelübergabe: Rene Rast folgt bei Audi auf Daniel Abt - Foto: Audi Communications Motorsport

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