Formel E

Interview: Nissan-Sportdirektor Carcamo zum Formel-E-Einstieg

Als erster japanischer Hersteller ist Nissan in die Formel E eingestiegen. Im Interview spricht Motorsport-Direktor Michael Carcamo über die Gründe.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Nissan steigt zur Saison 5 als erster japanischer Hersteller in die Formel E ein. Der Autobauer übernimmt den Platz von Renault beim e.dams-Team, das drei Mal die Team-Meisterschaft gewonnen hat. Nissan ist neben BMW und HWA der dritte Neueinsteiger zur Saison 2018/19, die im Dezember in Saudi Arabien beginnt. Nissan Global Motorsport Direktor Michael Carcamo spricht im Interview mit Motorsport-Magazin.com über die Gründe für den Einstieg, Herstellerziele und das brandneue Generation-2-Rennauto.

MSM: Herr Carcamo, aus welchem Grund hat sich Nissan für den Einstieg in die Formel E entschieden?
Michael Carcamo: Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen die Geschichte von Nissan und elektrischen Fahrzeugen, die schon 1947 mit dem Nissan Tarma begann. 70 Jahre später haben wir die zweite Generation des Nissan Leaf auf den Markt gebracht. Wenn man das mit der großen Motosportgeschichte von Nissan kombiniert, macht der Einstieg in die Formel E durchaus Sinn - vor allem nach der Einführung des neuen Generation-2-Rennautos. Für uns macht die Formel E jetzt Sinn. Es ging uns ja auch nie nur um den reinen Motorsport, sondern auch um damit einhergehende Innovation.

Hätte sich Nissan auch ein Engagement in der Formel E ohne die Einführung des neuen Rennwagens vorstellen können?
Der wichtigste Punkt des GEN2-Autos sind die viel größere Reichweite und Leistung. Das passt sehr gut zu unseren neuen Straßenfahrzeugen. Es ging darum, die Technologie voranzutreiben. Und das Generation-2-Auto ist jetzt genau der Schritt, von dem wir ein Teil sein wollen.

Was genau versprechen Sie sich vom Einstieg in die Formel E?
Das ist sehr interessant, denn: Die Formel E ist kein traditioneller Motorsport. Die Formel E spricht ein anderes und wesentlich jüngeres Publikum an. Ein Publikum, das vielleicht noch etwas mehr über Elektromobilität und damit auch Nissans Angebote in diesem Bereich lernen muss. Da passt die Formel E super, weil sie in großen Metropolen fährt - und damit auch vor unserem Zielpublikum.

Als großer Hersteller steht Nissan direkt unter Erfolgsdruck. Welche Ziele haben Sie sich für Ihre erste Saison in der Formel E gesteckt?
Das muss man ganz klar sagen, es gibt nur einen Grund, warum irgendjemand Motorsport betreiben sollte: Man will gewinnen! Wir bereiten uns so gut wie möglich vor, um so erfolgreich wie möglich in unsere erste Saison in der Formel E zu starten. Aber natürlich haben wir auch andere Ziele. Nissan hat viele Fans auf der ganzen Welt und wir wollen ihnen unsere Marke möglichst zugänglich machen. Mit der Formel E wollen wir unsere Geschichte nun einem noch viel größeren Publikum nahebringen.

Sie waren vor einigen Jahren in das LMP1-Programm von Nissan involviert, das letztendlich gescheitert ist. War es schwierig, den Vorstand von einem neuen Motorsport-Engagement auf diesem Level zu überzeugen?
Natürlich war das schwierig. Wir benötigten die richtigen Ziele und Strategien. Es war aber auch sehr offensichtlich, dass dies genau der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in die Formel E war. Als wir unsere Vorstellungen präsentiert haben, stand eigentlich nur noch die Frage im Raum, warum wir es nicht tun sollten. Das war ein sehr positiver Schritt für uns.

Nissan übernimmt den Part von Renault beim e.dams-Team. Wie genau läuft das ab?
Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass Renault und Nissan zwei unabhängige Marken mit eigenen Zielen sind, die sie erreichen wollen. Der Ausstieg von Renault ist unabhängig von Nissans Einstieg. Da e.dams jedoch ein sehr kompetentes Team ist, macht es Sinn für uns, die Ressourcen mit ihnen zu verbinden. Während sich Renault und e.dams noch auf die laufende Saison konzentriert haben, haben wir uns auf die Entwicklung des neuen Rennautos konzentriert.

Und Sie waren bei den Rennen der Saison 4 selbst vor Ort.
Ja, ich habe alle Rennen in der vergangenen Saison vor Ort besucht. Das war eine großartige Gelegenheit, um mehr über die Formel E und alle Abläufe zu lernen. Wir wollten uns ab dem ersten Tag so gut wie möglich vorbereiten, denn die Saison 5 wird kein Spaziergang. Das wird auf jeden Fall eine sehr schwierige Aufgabe.

Was genau konnten Sie lernen?
Aus technischer Sicht sind die Rennstrecken sehr interessant. Man darf ja nicht vergessen, dass wir in Städten statt auf traditionellen Rundkursen fahren. Wir fahren also Rennen auf Strecken, auf denen normalerweise Straßenautos unterwegs sind. Bei unseren Rennwagen achten wir auf das Energie-Management und die Performance, aber genauso lernen wir für die Zukunft unserer Straßenfahrzeuge.

Wie gefällt Ihnen persönlich der Look des neuen Formel-E-Autos?
Ich finde das Aussehen des GEN2-Fahrzeugs ist fantastisch - es ist wirklich die nächste Generation. Auf den ersten Blick sah das Auto für unser Design-Team aus wie ein EV-angetriebener Überschallvogel im Flug! Davon inspiriert ist auch die Lackierung unseres Autos für die kommende Saison, samt Schallwellenbildung und Doppler-Effekt. Man könnte sagen, dass das Auto ein Eigenleben hat, das halte ich auch für ein wichtiges Merkmal.

Ist es eher ein Formel- oder ein GT-Auto?
Es ist ein Formel E! Das ist der Schlüssel: Wir sind nicht GT und wir sind nicht Formel - wir sind Formel E. Dabei geht es doch auch, wenn man sich elektrische Straßenfahrzeuge anschaut: Es geht darum, Grenzen immer weiter auszuloten.

Die Formel E wird immer wieder gern mit der Formel 1 verglichen. Beides sind Formel-Rennserien. Wie stehen Sie dazu?
Klar, aber wir vergleichen ja auch nicht Rallyeautos mit Tourenwagen. Die Formel E und die Formel 1 verfolgen unterschiedliche Ziele. In der Formel E geht es um Nachhaltigkeit, Mobilität und Elektro-Fahrzeuge. In der Formel 1 ist es ja ganz anders. Ich bin der Meinung, dass beide Serien nebeneinander existieren können und alle happy damit sind.

Welche Städte würden Sie persönlich gerne künftig im Rennkalender sehen?
Ich würde natürlich gern ein Rennen in Yokohama sehen, wo wir Rennen um unser Firmengelände herumfahren. Es wäre wunderbar, vor den Mitarbeitern und Fans zu fahren. Wir arbeiten auch mit anderen Herstellern der Formel E an solchen Ideen. Ich denke auch, dass es tolle Möglichkeiten für Rennen an der US-amerikanischen Westküste gibt. Ein Rennen in San Francisco wäre super! Ich muss dazu aber sagen, dass der Rennkalender jetzt schon klasse ist mit Rennen in New York, Mexiko und den Rennen in Europa. Wir sind glücklich damit und ich habe keine Zweifel daran, dass die Formel E weiterwachsen wird.

Lust auf mehr? Diese Geschichte erschien 2018 in unserer Print-Ausgabe. Die wird es auch in der Saison 2019 wieder geben. Natürlich in jedem gut sortierten Zeitschriftenhandel, im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel, und selbstverständlich auch online - einfach dem Link folgen!


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