In den letzten Jahren hatten es Formel-2-Champions schwer, den Aufstieg in die Königsklasse hinzulegen. Gabriel Bortoleto gelang es nach 2024 auf den letzten Drücker noch ein Sauber-Cockpit und damit einen Audi-Werksvertrag zu ergattern. Er ist aber auch der einzige Meister der letzten vier Jahre, dem dieser Sprung gelang. Felipe Drugovich, Theo Pourchaire und Leonardo Fornaroli wurde jeweils ein F1-Stammcockpit verwehrt. Letzterem sogar, obwohl er als Rookie den Titel errang.

2027 könnte diese Bilanz ein bisschen aufgefrischt werden. Fünf Rennwochenenden vor dem Ende der Saison wirft Motorsport-Magazin.com nämlich einen Blick auf die Ausgangslage in der Meisterschaft im Unterhaus der Formel 1 und sieht, dass gleich zwei der drei Titelanwärter Chancen auf einen Aufstieg haben.

Nikola Tsolov: Red-Bull-Shootingstar auf Titelkurs

Zunächst einmal ist da natürlich der aktuelle Tabellenführer Nikola Tsolov. Der Bulgare ist bislang die Entdeckung der Formel-2-Saison. In der Formel 3 hatte Tsolov nach einer bescheidenen Rookie-Saison 2023 und einem inkonstanten zweiten Jahr gleich drei Anläufe gebraucht, um vorne mitzufahren - Meister wurde er trotzdem nicht. In der Formel 2 liegt er schon in seinem ersten vollen Jahr auf Titelkurs.

Sechs Siege und zwei weitere Podien in bislang 18 Saisonrennen in der umkämpften Einheits-Formelserie sprechen eine eindeutige Sprache. Honoriert wird das mit einem Vorsprung von 20 Zählern im Titelkampf. Kein Wunder also, dass der Red-Bull-Junior , der noch von Dr. Helmut Marko für die Saison 2025 in den Nachwuchskader aufgenommen wurde, mit einem F1-Stammcockpit in Verbindung gebracht wird. Fix ist aber noch lange nichts, auch wenn einzelne Gerüchte in den vergangenen Monaten das Gegenteil behaupteten. Erst recht, da aktuell keine echte Schwachstelle im Kader der beiden Red-Bull-Teams auszumachen ist.

Zunächst einmal muss er überhaupt Erfahrung in Formel-1-Autos sammeln. Diese Woche ist Tsolov für einen TPC-Test mit den Racing Bulls in Imola eingeplant. Wenn alles glatt läuft und er mehr als 300 Kilometer absolvieren kann, sollte ihm dieser die FP1-Superlizenz einbringen und es den Bullen-Teams damit ermöglichen, mit ihm noch in diesem Jahr Trainingseinsätze zu absolvieren.

Formel 2 2026: Die Top-10 vor Monza

Position Fahrer Team Punkte
1 Nikola Tsolov Campos Racing 167
2 Gabriele Minì MP Motorsport 147
3 Rafael Câmara Invicta Racing 145
4 Alex Dunne Rodin Motorsport 108
5 Noel León Campos Racing 94
6 Kush Maini ART Grand Prix 88
7 Dino Beganovic DAMS 79
8 Laurens van Hoepen Trident Racing 65
9 Martinius Stenshorne Rodin Motorsport 59
10 Tasanapol Inthraphuvasak ART Grand Prix 59

Landet der nächste Ferrari-Junior bei Haas?

Gerüchte um einen Formel-1-Aufstieg gibt es aktuell auch rund um den Dritten der F2-Meisterschaft – und das ist aufgrund der Statistiken kaum überraschend. Rafael Camara befindet sich mit 22 Punkten Rückstand mit bislang zwei Siegen nach wie vor voll im Titelrennen. Genauso wie Tsolov ist es auch für ihn die Rookie-Saison in der Nachwuchsserie.

Doch die wirklich beeindruckende Statistik des amtierenden Formel-3-Champions findet sich in seinen Qualifying-Statistiken. In vier von neun Rennwochenenden sicherte er sich die Pole für das Hauptrennen, im Schnitt qualifizierte er sich auf Position 2,3. Ein beinahe wahnwitziger Wert, erst recht für einen Rookie. Nur die Umsetzung im Feature-Rennen gelang ihm nicht immer. Besonders bitter: Ein Verbremser auf dem Kurs zum Sieg in Monaco, der stattdessen Tsolov den Sieg einbrachte. Camara ging leer aus.

Formel 2 2026: Die Qualifying-Statistik

Ø Quali-PositionØ Quali-Position
Camara2,3Dunne4,4
Tsolov5,1Dürksen7,0
Maini7,1Beganovic9,1
Inthraphuvasak9,4Leon9,6
Mini9,6Stenshorne9,7
Goethe12,1Villagomez12,2
van Hoepen12,8Bilinski13
Bennett13,9Varrone14,2
Montoya14,6Herta15,4
Miyata16,3Fittipaldi16,8
Boya18,4Shields19,9

Trotzdem ist es nur logisch, dass der Ferrari-Junior schon mit einem Aufstieg in die Königsklasse in Verbindung gebracht wird. Er fuhr 2026 bereits mehrere TPC-Tests für die Scuderia und ist bei Haas im Gespräch, um den schwächelnden Esteban Ocon für 2027 zu ersetzen. Genauso wie bei Tsolov gilt aber: Eine finale Entscheidung steht noch aus.

Alpine-Junioren im Spitzenfeld – aber ohne F1-Aussichten

Gabriele Mini ist der Dritte im Bunde, der aktuell im Titelkampf der Formel 2 mitmischt. Der Italiener liegt zwischen Tsolov und Camara auf der zweiten Position mit 20 Punkten Rückstand. Sein Steckenpferd ist die Konstanz. Mit neun Top-3-Platzierungen stand niemand so oft auf dem Podium wie der Alpine-Junior. Gleichzeitig sind seine Qualifying-Statistiken eher mäßig, was dazu führt, dass er punktemäßig deutlich mehr von den Reverse-Grid-Rennen profitiert als Tsolov oder Camara - ohne diese Ergebnisse wäre er klar hinter seinen Titelrivalen. Dass er noch dazu bereits in seiner zweiten Saison ist, macht ihn für Formel-1-Teams wenig interessant. Bei Alpine sind seit letzter Woche sowieso die Cockpits belegt.

Auch Alex Dunne ist inzwischen Alpine-Nachwuchsfahrer. Rund um den Iren, der im Herbst der vergangenen Saison durch ein abruptes Aus als McLaren-Youngster für Aufsehen gesorgt hat, und mit Red Bull in Verbindung gebracht wurde, ist es inzwischen ruhig geworden. Obwohl er in diesem Jahr der zweitbeste Qualifier ist, wartet er nach wie vor auf seinen ersten Saisonsieg und liegt mit einem bereits gehörigen Rückstand von 59 Punkten nur auf der vierten Position.

Alpine-Nachwuchspilot ist auch Kush Maini. Für den Bruder von DTM-Fahrer Arjun Maini ist der F1-Zug realistischerweise aber schon lange abgefahren. P6 in seiner vierten Saison lässt niemanden in der Königsklasse mit der Zunge schnalzen, da helfen auch zwei Pole Positionen nichts.

Zwischen den Alpine-Junioren auf der fünften Position liegt Noel Leon. Der Mexikaner, der aktuell keinem Förderkader angehört, ist so etwas wie eine Kuriosität. Denn auf seine starken Leistungen (bisher drei Siege und eine Pole) im Debütjahr hatte nichts hingedeutet. Schon 2022 war er in der FRECA nach einer äußerst schwachen Saison (3 Punkte in 20 Rennen) aus dem Red-Bull-Förderkader geflogen. In den letzten beiden Jahren war er in der Formel 3 auch nur im Mittelfeld unterwegs.

Dino Beganovic liegt aktuell in der Formel-2-Meisterschaft auf dem siebten Platz. Er befindet sich auch bereits in der zweiten F2-Saison, ohne sich aber für höhere Aufgaben zu empfehlen, Beganovic ist zwar nach wie vor Teil der Ferrari Academy, aber dort hat ihm inzwischen eindeutig Camara den Rang abgelaufen. Der Niederländer Laurens van Hoepen, der Norweger Martinius Stenshorne und Tasanapol Inthraphuvasak aus Thailand komplettieren aktuell die Top-10.

Quereinsteiger und berühmte Namen nur unter ferner Liefen

Außerhalb der ersten Zehn bewegen sich noch ein paar interessante Namen. Allen voran Colton Herta. Der IndyCar-Star war dem Ruf von Cadillac in den europäischen Motorsport gefolgt. Sein Plan war es eigentlich, in der Formel 2 die Strecken, die Reifen und das Umfeld kennenzulernen, um irgendwann bei dem US-Team in der Königsklasse unterzukommen.

Hertas erste F2-Saison war aber kein Empfehlungsschreiben dafür, denn nach 18 von 28 Rennen belegt der Quereinsteiger nur Rang 16. Wie schwierig derartige Wechsel sein können, zeigt auch Ritomo Miyata. Der Toyota-Mann wagte 2024 als amtierender Super-Formula- und Super-GT-Champion den Gang in die Formel 2 und spielt auch in seinem dritten Jahr mit Meisterschaftsrang 13 keine Rolle.

Hier der komplette Punktestand inklusive aller Fahrer außerhalb der Top-10

Mit Sebastian Montoya und Emerson Fittipaldi Jr. sind gleich zwei Söhne von hochdekorierten ehemaligen Formel-1-Piloten in der F2 unterwegs. Allerdings konnten beide in ihren bisherigen Nachwuchskarrieren keinerlei Anzeichen dafür setzen, dass sie das Talent ihrer Väter vererbt bekommen haben. Montoya, der seit 2022 in den Juniorklassen auf einen Rennsieg wartet, fiel 2026 im Vergleich zu seiner ersten F2-Saison sogar noch zurück und liegt aktuell nur auf P15, Fittipaldi Jr. zählt in seinem Rookiejahr zu den Hinterbänklern und rangiert auf dem vorletzten Rang.