Wie würden Sie den bisherigen Verlauf der Formel 1-Saison zusammenfassen?
Frédéric Henry-Biabaud: Michelin und seine Partner haben von den ersten 13 Grand Prix acht gewonnen und das ist sehr befriedigend. Auf eine Art sind unsere Siege dieses Jahr noch beachtlicher als alle, die wir letztes Jahr erringen konnten, denn es gab dieses Jahr einen echten Kampf zwischen den Reifenherstellern und das war 2005 nicht der Fall. Was noch wichtiger ist, wir mussten auf das neue Reifenreglement, das Ende letzten Jahres bekannt wurde, sehr schnell reagieren - und das war eine Entwicklung, die wir nicht erwartet hatten.
Man sollte auch betonen, dass wir freiwillig die Verantwortung übernommen haben, dass die Versorgung der Teams mit Reifen dieses Jahr zwischen Michelin und seinem Konkurrenten gleichmäßiger aufgeteilt war. Wir sind uns bewusst, dass unsere Produkte es unseren Partnern ermöglicht haben, sehr konkurrenzfähig zu sein und ich bin natürlich mit dem Job, den jeder in hat, sehr zufrieden.
Wie wichtig wäre ein zweiter WM-Titel in Folge für Michelin?
Frédéric Henry-Biabaud: Der bevorstehende Rückzug von Michelin aus der Formel 1 bedeutet das Ende eines wahren Wettberwerbs zwischen Reifenherstellern auf diesem Level des Sports. In dieser Saison muss jedes Team vier Schlüsselfaktoren ausgleichen: Chassis, Motor, Fahrer und Reifen. Unter solchen Umständen wäre es sehr befriedigend, uns mit dem Wissen zu verabschieden, dass wir einem Team geholfen haben, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das würde die Qualität der Michelin Produkte unterstreichen.
Warum denken Sie, sind die Reifen in dieser Saison so ein wichtiger Faktor?
Frédéric Henry-Biabaud: Die meisten Autos sind, was die Leistung betrifft, sehr ähnlich und die Reifen können da einen großen Unterschied machen. Diese Tatsache unterstütz oft auch die Theorie, dass die Formel 1 etwas mehr ist als der Kampf zwischen Reifenherstellern - vielleicht ist das auch einer der Hauptgründe, dass die Regeln ab 2008 vorschreiben, dass es nur noch einen Reifenhersteller geben darf. Das ist sehr schade! Die Reifen sind die einzige direkte Verbindung zwischen dem Auto und der Strecke und es ist wahr, dass sie auf die eine oder andere Art einen Unterschied von ein paar Zehntel Sekunden pro Runde machen können. Michelin ist der führende Reifenhersteller der Welt und wir sind dankbar, dass die Menschen erkennen, dass unsere Produkte unseren Partnern einen Vorteil verschaffen können konkurrenzfähig zu sein. Egal, ob im Motorsport oder beim täglichen Gebrauch auf der Straße, Reifen sind keine unwichtige Kleinigkeit. Sie sind innovative, High-Tech-Produkte die Leistung und Sicherheit vereinen.

Der Rückzug von Michelin bedeutet, dass wir ab 2007 nur noch einen Reifenhersteller in der Formel 1 haben werden. Denken Sie, dass das den Wettbewerb künftig schwächen wird?
Frédéric Henry-Biabaud: Es wird sicher keinen echten Reifenkrieg mehr geben und die Leute werden andere Dinge finden müssen, worüber sie sich unterhalten... Aber ernsthaft, es wird weniger echten Wettbewerb geben weil ein Schlüsselteil des "Pakets" nicht mehr vorhanden sein wird um einen potentiellen Leistungsvorteil zu bringen. Man könnte sich dann wirklich fragen, warum man als Reifenhersteller unter diesen Umständen in einer Serie vertreten sein will. Abgesehen davon, dass man seine Marke bekannt macht, wo ist der Reiz?"
Wie Edouard Michelin zu sagen pflegte, 'In einer Arena, wo die Motorsportprodukte als Erster und als Letzter ins Ziel kommen gibt es für Michelin keinen Marketingwert.' Für die Öffentlichkeit ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit und, in der Tat, der Transparenz. Es ist möglich, dass die Leute auch in Zukunft noch über die Reifen reden, aber nur, wenn es ein Problem gibt - wenn die zur Verfügung stehenden Mischungen unpassend sind oder das eine oder andere Team durch die Qualität beeinträchtigt wird.
Pat Symonds (Renault F1 Team) and Ross Brawn (Ferrari), zwei der größten Technik-Gurus der Formel 1 sagen, dass ihre Autos und Motoren dieses Jahr von der Leistung her sehr ähnlich sind und die Reifen den Unterschied ausmachen. Sehen Sie das als Schmeichelei oder als Kritik?
Frédéric Henry-Biabaud: Solche Bemerkungen sind für Michelin schmeichelhaft und natürlich auch für Reifenhersteller im Allgemeinen. Es ist unser Job, eine bestmögliche Produktpalette anzubieten. Die Entwicklung neuer Mischungen und Konstruktionen, oder ein Amalgam der beiden, kann gleichbedeutend sein mit ein paar Dutzend extra PS. Diese zusätzliche Leistung kostet aber bedeutend weniger als eine neue Ausbaustufe des Motors. Diese Faccette des Sports verunsichert einige Leute und frustriert diejenigen, die sich für die falsche Mischung entscheiden... oder den falschen Partner. Die Teams haben heute die Möglichkeit, ihre Leistung zu verbessern indem sie aggressive oder weniger aggressive Reifen wählen. Wenn die Formel 1 zu einem einzigen Reifenhersteller zurückkehrt, wird es diese Option nicht mehr geben und ich glaube, dass die Teams mit einem schmäleren Budget darunter leider leiden werden.
Momentan kann jedes Team maßgeschneiderte Reifen aussuchen. Besteht mit nur einem Hersteller, nicht das Risiko, dass einige Teams benachteiligt werden weil alle die gleiche Marke benutzen?
Frédéric Henry-Biabaud: Das kommt darauf an, wie die FIA alles kontrollieren wird. Seit 2001 haben uns sehr viele Teams gebeten, sie mit Reifen zu beliefern und auch aus mehreren Gründen. Das war nicht nur, weil wir letztes Jahr 70 Prozent der Teams beliefert haben. Die Teams kommen zu uns, weil sie mit der Leistung der Michelin-Produkte zufrieden sind und auch, das haben sie gesagt, weil wir alle gleich behandeln - etwas wofür wir eine Reputation aufgebaut haben. Das ist einer der Kernwerte der Michelin-Gruppe und besteht in jeder Motorsportserie, in der wir präsent sind.
Was wird aus der Formel 1-Abteilung bei Michelin werden? Wird man eine technologische Überwachungsabteilung formen um die Lektionen, die man in den vergangenen sechs Jahren gelernt hat, nicht zu verschwenden? Auf diese Art könnten Sie in der Tat Ideen entwickeln…
Frédéric Henry-Biabaud: Die Investition, die wir für die Formel 1 geplant hatten, wird auf andere Gebiete umgelegt werden - Motorradrennen, Rallye, GT Veranstaltungen und besonders Langstreckenrennen, die zu einem echten Schaufenster für neue Technologien werden. Das Ziel wird immer sein, die Leistung unserer Partner - sowohl Werks- als auch Privatteams - zu verbessern.
Als Michelin 2001 in die Formel 1 zurückkehrte bauten wir auf alle Erfahrungswerte aus anderen Motorsportserien, die wir weltweit gesammelt hatten, wo wir sowohl sehr engagiert als auch sehr erfolgreich waren. Wir setzten unsere talentiertesten Ingenieure und besten Forschungsabteilungen ein um neue Mischungen zu entwickeln, neue Konstruktionen, Profile und Materialien. Das wird uns helfen, künftig in jeder Disziplin noch größere Schritte nach vorne zu machen, in der wir uns engagieren wollen. Sechs erfolgreiche Jahre in der Formel 1 werden ein Katalysator für den Fortschritt sein.
Der Motorsport ist seit mehr als 100 Jahren ein Teil der Michelin-Gruppe. Für Michelin ist es nie darum gegangen, Punkte auf dem Marketingsektor zu sammeln. Wir wissen, dass die Entwicklungsarbeit, die wir im Motorsport machen, besonders auf weltweiter Ebene, uns die Möglichkeit gibt, unsere Produkte und unseren Service in allen Bereichen zu verbessern. Wir haben ein Motto: 'Wahrer Wettbewerb, in dem Sinn, wie Michelin ihn versteht, ist das beste Forschungslabor.' Das können wir nicht oft genug wiederholen.

Wie sehen Ihre langfristigen Pläne im Motorsport aus?
Frédéric Henry-Biabaud: Motorsport ist eines der Kernelemente der Strategie der Michelin-Gruppe was technologische Neuentwicklungen betrifft. Er ist für die Zukunft eine wichtige Plattform. Darüber hinaus ist er ein wichtiger Motivationsfaktor für das Personal und kann wichtig sein, wenn es um Markenbewusstsein und manchmal auch um die Stärkung der Reputation des Unternehmens geht. Der Sinn des Wettbewerbs ist es, auf allen Gebieten Fortschritte zu machen, damit unsere Partnerhersteller, Distributionsnetzwerke und Kunden die Früchte ernten können. Michelins Philosophie ist es, Reifen für die Zukunft zu entwickeln, die, was die Sicherheit und allgemeine Leistung angeht, sogar noch besser sind, als das, was wir heute haben. Das trifft sowohl auf die Straßenreifen als auch auf die für den Wettbewerb.

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