Alonso oder Schumacher? - Schumacher oder Alonso? Vor der Sommerpause stellte motorsport-magazin.com allen 22 Formel 1-Stammfahrern die gleiche Frage: Wer wird Weltmeister? Die Antworten brachten bei vier Enthaltungen einen klaren Sieger hervor: Mit elf Piloten glaubt die Hälfte des Fahrerfeldes an den achten Titelgewinn von Michael Schumacher; nur sieben Fahrer rechnen mit einer Titelverteidigung von Fernando Alonso. Was spricht in den letzten fünf Rennen für Michael und Ferrari und was für Fernando und Renault?

Faktor 1: Die Fahrer

Fest steht: Michael Schumacher und Fernando Alonso wissen, wie man ein Rennauto fährt, und zwar schnell fährt. Demnach geht es nicht darum, wer der schnellere der beiden ist, vielmehr geht es darum, wer weniger Fehler macht und dem Druck besser standhält.

"Eigentlich sollte Michael mit sieben WM-Titeln das bessere Nervenkostüm haben", sagt Ex-GP-Pilot Christian Danner, "aber überraschenderweise hat er in Ungarn den entscheidenden Fehler gemacht." Aber auch Alonso blieb an jenem Wochenende der dicken WM-Patzer nicht fehlerfrei: Während Schumacher eine rote Flagge überfuhr und am Ende ausschied, wurde Alonso für seine Handzeichen und seine Gelbsünde bestraft. "Die Fehler aus Ungarn werden sich aber nicht wiederholen", ist sich Danner sicher. "Beide haben ihre Lektion gelernt."

Ferni gegen Schumi: Die Jagd hat begonnen., Foto: The Red Bulletin
Ferni gegen Schumi: Die Jagd hat begonnen., Foto: The Red Bulletin

Wirklich? Alonso gestand im Nachhinein zumindest ein, dass nach Hockenheim ein "ziemlicher Druck" auf ihm gelastet habe. Für seinen Chefingenieur Pat Symonds war dies aber nicht der Grund für das Nervenflattern. "Fernando ist ein bemerkenswert ruhiger Charakter und sehr entspannt. Ich denke, wenn er jemals einen Druck verspürt hätte, dann vergangenes Jahr", sagte Symonds in Ungarn - und das, obwohl dem Briten nicht unbedingt das beste Verhältnis zu seinem Starfahrer nachgesagt wird. Ganz Teamplayer lobt er aber die Coolness seines Weltmeisters: "Er ist sehr, sehr ruhig, sehr abwägend, er denkt über seinen Job nach und arbeitet so hart, wie der Rest von uns."

Für Marc Surer ist Alonso jedoch "nicht so ruhig, wie er sich immer gibt". Allerdings schätzt der Schweizer auch Michael Schumacher nicht als Mann ohne Nerven ein: "Er hat schon immer unter Druck Fehler gemacht", wertet er das Nervenduell als ein klares Unentschieden.

Für Hans-Joachim Stuck ist die Situation ebenfalls klar: "Schumacher ist psychologisch in der besseren Ausgangslage. Es ist doch immer besser, Fuchs als Hase zu sein", verriet er der Motorsport aktuell. "Schumacher kann angreifen. Alonso hingegen muss mit seinem Vorsprung haushalten und sich jede Aktion zwei Mal überlegen. Für mich hat Schumacher die besseren Karten."

Niki Lauda sieht Schumacher im kicker noch aus einem anderen Grund in Front: "Am meisten überlegen ist er durch seine irre Motivation", sagte der Österreicher. "Michael ist um einen Hauch mehr motiviert. Darum hat er die größeren Chancen."

Wie groß die Motivation des Deutschen ist, zeigte sich bereits kurz nach Rennende in Ungarn: "Am liebsten würde ich gleich weiterfahren - ohne Sommerpause", sagte der Ex-Champion, der auch nach dem Urlaub betonte: "Ich hätte auch darauf verzichten können. Mir wäre es am liebsten gewesen, wir hätten nach Ungarn gleich zum nächsten Grand Prix aufbrechen können. Der WM-Kampf macht so viel Spaß, dass ich extrem heiß bin auf das nächste Rennen."

Für Alonso könnte noch ein Problem erschwerend hinzukommen: "Er hat damit zu kämpfen, dass er 2007 woanders hingeht", glaubt Lauda. "Bis jetzt hat das die Harmonie im Team nicht gestört, solange Alonso alles gewonnen hat. Aber wenn man verliert, kann irgendwann Sand ins Getriebe geraten. Das kann, wenn's gegen Ende knapp wird, unter Umständen die WM gegen Alonso entscheiden."

Solche Hilfe würde nicht gerne gesehen..., Foto: Sutton
Solche Hilfe würde nicht gerne gesehen..., Foto: Sutton

Faktor 2: Die Teamkollegen

Natürlich sind die WM-Anwärter selbst ein wichtiger Faktor im Titelkampf, aber auch ihre Teamkollegen könnten eine wichtige Rolle einnehmen. Bis vor einigen Wochen musste Schumacher sogar auf die Hilfe seines Teampartners Felipe Massa bauen, denn erst seit dem Punktgewinn von Ungarn kann er aus eigener Kraft Weltmeister werden. Vorher brauchte er Felipe Massa (oder einen anderen Fahrer), der sich zwischen ihn und Alonso schob.

"Fisichella und Massa halte ich für gleich stark", sagt Lauda. Hans-Joachim Stuck sieht hingegen Massa als den "Schnelleren" an. Christian Danner hat eine ganz andere Meinung: "Ich glaube nicht, dass Dritte einen Einfluss auf den Ausgang der WM haben. Alonso und Schumacher sind stark genug, den Titel alleine unter sich auszumachen."

Michael Schumacher glaubt derweil, dass Ferrari "vom Auto her so stark" ist, um Alonso mit "Felipe Druck zu machen" - das klingt allerdings so, als ob Felipe nur Druck machen könne, weil das Auto gut genug dazu ist. Andererseits glaubt bei Renault selbst Giancarlo Fisichella nicht so recht an seinen Teamkollegen. "Vor ein paar Rennen war ich absolut sicher, dass Fernando gewinnt", sagte Fisichella in Budapest. "Jetzt ist alles völlig offen. Die Chancen stehen 50:50. Fernando hat mehr Punkte. Aber der Ferrari ist etwas schneller im Moment. Hoffentlich schafft es Fernando noch."

Faktor 3: Die Autos

Aerodynamik, Motor, Getriebe - alle Komponenten eines Rennwagens sind wichtig, aber in diesem Jahr könnte die Titelvergabe über die Dämpfer gehen. Sollte die FIA die legendären Massedämpfer nicht verbieten, könnte Renault in den letzten Rennen eine kleine Wiederauferstehung feiern.

"Wenn die FIA den Massedämpfer wieder zulassen sollte, schlägt das Pendel eindeutig Richtung Alonso aus", glaubt Danner. "Es wird für Schumacher und Ferrari aber auch zäh, wenn die FIA die Massedämpfer für illegal erklärt." Marc Surer sagt nur so viel: "Ohne Schwingungsdämpfer wird der Renault sicher nicht besser." Aber "mit diesem Bauteil werden die Weltmeister zur alten Form zurückfinden".

Hans-Joachim Stuck sieht trotzdem einen "technischen Vorteil" für Ferrari und Bridgestone. "Alles hängt davon ab, wie weit Ferrari sein Auto noch aufpäppeln kann, damit es besser geht als der Renault", prophezeit Niki Lauda. Michael Schumacher sieht seinen 248 F1 übrigens schon seit einigen Rennen besser als den R26 - allerdings sei der Ferrari noch schwieriger abzustimmen als sein gelb-blaues Gegenüber.

Faktor 4: Die Reifen

Werden die Reifen der Gummi an der Waage?, Foto: Sutton
Werden die Reifen der Gummi an der Waage?, Foto: Sutton

Viel wichtiger als Dämpfer, Autos und vielleicht sogar die Fahrer könnte ein anderer Bestandteil der Boliden werden: "Die WM wird durch die Reifen entschieden", vertritt Lauda eine weit verbreitete Meinung. "Wenn ich davon ausgehe, dass Auto, Motor und Abstimmung ungefähr auf gleichem Niveau sind, werden die Reifen die größte Rolle spielen."

Nach den starken Vorstellungen von Ferrari und Bridgestone in Magny Cours und Hockenheim räumt Lauda den Japanern im Trockenen Vorteile ein. "Im Regen hingegen, das hat sich in Budapest gezeigt, sind die Vorteile von Michelin heuer sicher nicht mehr aufzuholen, denn es gibt keine Regentests mehr. Und wir wissen, dass es in Japan und Brasilien immer regnen kann."

Diese Einschätzung zieht sich wie ein roter Faden durch die Aussagen der Experten. "Wenn es richtig heiß ist, funktioniert der Bridgestone besser", bestätigt Danner. "Die Frage ist nur, wie heiß wird es denn in der Türkei?" Danner geht nicht davon aus, dass wir in der Endphase noch einmal 50 Grad oder mehr erleben werden, somit wertet er den Kampf zwischen Michelin und Bridgestone als Unentschieden. Trotzdem muss Michelin laut Surer auf "kühleres Wetter" hoffen, denn für den Schweizer baut Bridgestone "momentan den besseren Heißwetterreifen". "Michelin muss zwei Schritte machen", ergänzt Stuck. "Sie müssen nicht nur aufholen, sie müssen auch überholen. Das ist in der Kürze der Zeit und durch das Testverbot schwierig."

Faktor 5: Die Strecken

Die Einflussfaktoren auf den Titelkampf sind also vielfältig: Vom Druck über die Teamkollegen und Arbeitsgeräte bis hin zu den Reifen und den Wetterbedingungen. Aber es gibt noch einen äußeren Einflussfaktor: die Strecken. "Das ist überall ausgeglichen", sagt Danner über die Chancen der beiden Titelanwärter in Istanbul, Monza, Suzuka, Shanghai und Interlagos. "Ich sehe bei keiner Strecke Vor- oder Nachteile für einen der beiden."

Mit dieser Meinung steht er allerdings allein da. "Ich wittere einen Vorteil für Ferrari in Monza, wegen ihrer besseren Höchstgeschwindigkeit", sagt Surer voraus. "Der Ausgang der anderen Grand Prix läuft für mich auf die Reifenfrage hinaus, oder genauer: auf eine Temperaturfrage, wessen Reifen an einem bestimmten Tag besser sind."

Mark Webber fügt noch eine andere Sichtweise hinzu: "Michael hatte immer Probleme in Shanghai, die Strecke mag er nicht", sagte er in Ungarn. "In Suzuka und Brasilien war Ferrari auch zuletzt nicht so stark." Allerdings galt das in der Saison 2005 für fast alle Strecken. Dennoch hat Schumacher bei den bisherigen Rennen in der Türkei und in China noch nie gepunktet.

Wer jubelt am Ende: Der Jäger oder der Gejagte?, Foto: Sutton
Wer jubelt am Ende: Der Jäger oder der Gejagte?, Foto: Sutton

Aber auch Fernando Alonso erwartet, dass die "nächsten zwei Rennen sehr schwierig" für sein Team werden. In der Türkei werde es schwer, weil man vorher nicht testen durfte. "Danach wird vielleicht noch Monza schwer, weil es als Hochgeschwindigkeitsstrecke gut für Ferrari ist. Aber für die letzten drei Rennen bin ich sehr zuversichtlich. Wir haben Zeit zu reagieren, und Kapazitäten. Ich würde mein Geld auf mich setzen."

And the winner is...

Aber wer bekommt am Ende der Saison den Gewinn in Form eines WM-Pokals ausgezahlt? "Bleiben die äußeren Umstände normal, bin ich optimistisch, was meine Titelchancen betrifft", sagt der Jäger. Für ihn sind zehn Punkte Rückstand keine Welt. "Wir wollen und können dies in den nächsten fünf Rennen aufholen."

Der Gejagte gibt sich deshalb aber noch lange nicht geschlagen. "Gerade Ungarn hat gezeigt, dass wir in der Lage sind, immer wieder zurückzukehren", schöpft er neuen Mut. "Deshalb bin ich mir meiner Sache sicher. Ich befinde mich in jener Position, nach der jeder strebt - an der Spitze der WM-Tabelle." Der Endspurt hat begonnen...