Als Jacques Villeneuve sich kurz vor dem Ende des Montreal-Grand Prix nahezu ungespitzt in die Mauer verabschiedete, da war das kollektive Seufzen von Millionen Quebecois bis auf die andere Seite des Atlantik zu hören. Der Mann motiviert die Massen in seiner Heimatprovinz, als sei Jerez 1997 erst ein paar Wochen her. Als hätte es die sieben dürren Jahre nie gegeben.

Der Kanadier wirkt tatsächlich so motiviert und angriffslustig wie nie. Sogar Nick Heidfeld hat mehr Mühe mit Villeneuve als ihm lieb ist. Und Mario Theissen ließ den Medien punktgenau vor dem Montreal-Rennen ausrichten, er sei hoch zufrieden mit der Leistung von Villeneuve. An den allerletzten Kanada-Grand Prix seiner Laufbahn wollte daher an diesem Wochenende keiner so recht glauben.

Mein Tipp: Jacques hat auch im kommenden Jahr ein Cockpit. Nicht unbedingt bei BMW, aber seine Aktien sind erstmals nach langem wieder im Steigen. Und nötigenfalls wird Mr E. halt wieder zum Telefon greifen und ein paar Argumente vorbringen. So wie damals...

Bravo, Jacques!

Die wirklich herausragende Neuigkeit ist aber Villeneuves Debüt-CD, die seit zwei Tagen auf dem Markt ist. Als Presse-Leute hatten wir das Privileg, das gute Stück schon am Samstagvormittag in Händen zu halten. Mein erster Eindruck: Hut ab, ich habe schon wesentlich schlechtere Erstlingswerke gehört. Der Tonträger ist absolut sauber produziert, ohne Schnörkel, ohne aufgeblasenen elektronischen Hilfsmitteleinsatz. Hoher Wiedererkennungswert eines Künstlers, der genau zu wissen scheint, was er kann und was nicht. Bravo!

Die CD ließ meine Gedanken über die engen Grenzen des Fahrerlagers schweifen: Man stelle sich also den Formel 1-Weltmeister von 1997 in seinem Motorhome vor. Seine Gitarre hat er oft mit zu den Rennen. Dann nimmt er sich ein Blatt Papier und kritzelt ein paar Zeilen Text drauf. Darüber die Gitarrenakkorde. A-Dur, Fis-Moll, D-Dur, A-Dur und so weiter. Irgendwann wird ein Album draus. Ist das nicht herrlich? Nebenan sitzen seine Kollegen und vertreiben sich die Zeit mit ... hmmmm ... der Playstation?

Ich denke, spätestens jetzt muss allen klar sein, warum Jacques Villeneuve in dieser engen, persönlichkeitsbetäubenden Welt wohl nie als Klassensprecher gewählt werden wird.

Comeback der "Beatles"

Ich bin schon oft gefragt worden, was in all den Jahren mein schönstes Erlebnis im Formel 1-Fahrerlager war. Ich muss nie lange überlegen: Es war der Auftritt meiner eigenen Band (in der ich wie Jacques Gitarre spiele und singe) in Spielberg beim Österreich-GP 2003.

Hans Geist, der Streckenmanager hatte uns in einem Anfall von Wahnwitz die Bühne im Festzelt vermittelt. Gekommen sind 2.000 Besucher und die bekamen unter anderem Eddie Jordan am Schlagzeug zu sehen. Meine CDs hat er mir bis heute noch nicht zurückgegeben. Und das Schlagzeug sah nachher aus wie das Formel 1-Auto seines Piloten Takuma Sato am Sonntag drauf, als ihn Heidfeld mittschiffs torpedierte. Aber Eddie kaschierte mit seinem Charisma die mangelnde Probenarbeit und die Fans bejubelten uns, als hätten sich die Beatles wiedervereinigt. Robert Lechner, einst deutscher Formel 3-Meister, glänzte als Drummer bei "Johnny B. Goode" und Ski-Weltcupsieger Rainer Schönfelder machte seine ersten Live-Erfahrungen als Leadsänger.

Ich werde den Abend nie vergessen, auch wenn ich mir tagelang eine Abfuhr eines weiteren Gastmusikers geholt hatte - eben von Jacques.

Täglich bettelte ich im B.A.R.-Motorhome. Ich versprach ihm alles Mögliche, aber er meinte: "Erstens geht das am Rennwochenende nicht. Da bin ich zu sehr aufs Rennfahren konzentriert. Und zweitens bin ich noch nicht so weit. Ich spiele nur für mich selbst." Nun, drei Jahre haben aus ihm einen passablen Singer/Songwriter gemacht. Seine Musik wie gemacht fürs Autoradio. Prädikat "langstreckentauglich" (copyright Werner Jessner, einer der begnadetsten jungen Formel 1-Schreiber mit starker Musik-Affinität. Er ist einst freiwillig auf ein Tori Amos-Konzert gegangen!!)

Sex, Hitler and the Hormons

Die Kombination Formel 1 und Musik ist keine alltägliche. Dennoch taucht sie alle Jahre wieder mal auf. Der berühmteste Vertreter ist wohl Slim Borgudd. Er war bei einigen wenigen Produktionen der Schlagzeuger von ABBA und fuhr auf einem ATS Formel 1. Mit Sicherheit ist er einer, der mit der Musik mehr Geld gemacht hat als mit dem Rennen fahren.

Bei Damon Hill war es umgekehrt. Der Mann hat als Gitarrist wirklich was drauf. Auf einem Def Leppard-Album durfte er sogar ein Gitarrensolo beisteuern. Laut seinen eigenen Angaben hieß seine erste Band "Sex, Hitler and the Hormons". Wenn das wirklich so war frage ich mich, wie er zum braven vierfachen Familienvater mutieren konnte. Elio de Angelis, der auf tragische Weise in einem Brabham zu Tode kam war ein gut ausgebildeter klassischer Pianist. Als er 1984 für Lotus fuhr stellte man ihm in einer deutschen Fernsehsendung einen Flügel auf die Ziellinie der Rennstrecke. Der italienische Millionärssohn brillierte mit Chopin, das allen der Mund offen blieb.

Sie alle und auch andere Multitalente haben bewiesen: Rennfahrer können auch Feingefühl haben. Ich habe diese vielseitig begabten Menschen immer bewundert: Robin Widows war 1968 Formel 1-Fahrer und hatte da bereits an zwei Olympischen Spielen als Bobfahrer teilgenommen. Jackie Stewart hatte allemal das Zeug für Olympia als Tontaubenschütze, entschied sich dann aber klugerweise fürs Rennfahren. Und was ein Niki Lauda als Flugunternehmer und TV-Unterhalter alles gezeigt hat, verdient sowieso meinen größten Respekt.

Übrigens: Über die alljährlichen Ausritte der anderen Formel 1-Fahrer in den berüchtigten Karaoke-Hütten von Suzuka möchte ich trotz der thematischen Verwandtheit zum Thema dieses Artikels ausdrücklich einen Mantel des Schweigens breiten.