Gilles Villeneuve wurde niemals Weltmeister und holte insgesamt nur sechs Grand Prix-Siege. Dennoch gehört er zu den Verehrten, den "Halbgöttern" dieses Sports, dennoch bekommen alteingesessene Formel 1-Fans feuchte Augen, wenn sie seinen Namen hören. Warum? Ganz einfach: Gilles Villeneuve war ein wilder Löwe, der allein mit seinem gnadenlosen Fahrstil und seinem kämpferischen Einsatz weltweit Millionen von Motorsportfans faszinieren konnte. Dabei sah er gar nicht so wild aus, ganz im Gegenteil. Ein schmächtiges, recht feminines Bürschchen war er - jedoch eines von denen, die es faustdick hinter den Ohren hatten. Allein sein Aufstieg in die Formel 1 ist ein spannungsgeladener Krimi.

Gilles Villeneuve wurde am 18. Januar 1950 in Kanada als Sohn eines Klavierstimmers geboren und wuchs zusammen mit seinem Bruder Jacques, dem Onkel von Jacques Jr. (der es auch in die F1 geschafft hat, jedoch lediglich zwei Nicht-Qualifikationen 1981 vorweisen kann) in der Provinz Quebec auf. Nach ersten musikalischen Gehversuchen entwickelte Gilles eine Leidenschaft für Automobile, für schnelle Automobile wohlgemerkt. Damals war es noch nicht üblich, dass die lieben Kinder im Rennkart sitzen, bevor sie noch richtig gehen können. "Klein-Gilles" erhielt von seinem Vater im Alter von 15 Jahren einen Sportwagen - heute würde man sagen: Der Bursche ist viel zu alt für diesen Sport. Gilles beschäftigte sich intensiv mit dem Auto. Noch ehe er einen Führerschein erlangte, zerstörte er zahlreiche Autos, darunter auch den erwähnten Sportwagen.

Dragstar, Snowmobil, Autorennen

Nach seinem Schulabschluss nahm Gilles Villeneuve an Dragstar-Rennen teil. Nach einem Besuch an der Rennstrecke von Mont Tremblant beschloss er, Profi-Rennfahrer zu werden. Weil der Monoposto-Rennsport auch damals schon kostspielig war, fuhr Gilles zunächst Snowmobil-Rennen - er investierte sein Gehalt, das er in einem Konstruktionsbüro verdiente, in diesen Sport. Sein Talent sorgte bald für entsprechende Erfolge. Doch Gilles zog es weiter hin zu den schnellen Autos - nach einem Besuch der Jim Russel-Rennfahrerschule teilte er sich mit Freunden einen gebrauchten, zwei Jahre alten Formel Ford-Boliden. Er wurde damit umgehend Champion in der lokalen Meisterschaft.

Das Debüt im McLaren, später fuhr Gilles nur Ferrari., Foto: Sutton
Das Debüt im McLaren, später fuhr Gilles nur Ferrari., Foto: Sutton

Beim Ecurie Kanada-Team konnte Gilles in die Formel Atlantic aufsteigen, musste jedoch für sein Cockpit bezahlen. Söhnchen Jacques war bereits auf der Welt - Ehefrau Joanne musste sich fortan mit einem Campingbus als Hauptwohnsitz zufrieden geben - denn Gilles verkaufte das Haus der jungen Familie, um so sein Formel Atlantic-Cockpit zu finanzieren. Zunächst ging die waghalsige Rechnung gar nicht auf: Die ersten Rennen der Saison 1974 waren enttäuschend, zur Saisonmitte verunfallte Gilles in Mosport schwer, zog sich einen doppelten Beinbruch zu und verlor schließlich das Cockpit bei Ecurie. Nachdem die Brüche verheilt waren, musste Villeneuve abermals Geld zusammenkratzen, um ein Chassis auf die Räder zu stellen.

Auch die folgende Formel Atlantic-Saison absolvierte Gilles Villeneuve mit einem eigenen Team. Endlich stellten sich Erfolge ein. In Gimil feierte Gilles im strömenden Regen den ersten Sieg. Er wurde in der Jahreswertung Fünfter, erfreute sich eines guten Rufs und in Trois Rivieres konnte er arrivierte Stars wie Jean-Pierre Jarier oder Patrick Depailler aufmischen. Im Winter dominierte er zwischendurch im Snowmobil, für das Jahr 1976 gab es einige Angebote von verschiedenen Formel Atlantic-Teams. Er fuhr abermals bei Eucurie Kanada, die Familie erfreute sich eines schönes Motorhomes, reiste von Rennen zu Rennen.

James Hunt sorgte für den Durchbruch

Im Sommer 1976 fuhr er auf Einladung von Ron Dennis das Formel 2-Rennen in Pau - er schlug sich gut, doch der Wagen überhitzte. Als James Hunt, der nur wenige Wochen später Formel 1-Weltmeister wurde, in Trois Rivieres an dem Atantic-Rennen teilnahm, wurde er von Gilles Villeneuve, der Formel Atlantic-Champion wurde, geschlagen. Das sollte der Durchbruch von Gilles Villeneuve werden - denn Hunt erzählte dem McLaren-Management von dem wilden Franko-Kanadier.

Im Juli 1977 durfte Gilles Villeneuve in Silverstone sein erstes Formel 1-Rennen bestreiten - für McLaren-Ford, in einem dritten Auto neben James Hunt und dem Deutschen Jochen Mass. Dass Villeneuve seinen ersten Grand Prix ausgerechnet als Teamkollege von Mass bestritten hat, ist eine dieser seltsamen Schicksalsweisungen des Lebens. Hunt eroberte die Pole, während Villeneuve seinen Wagen auf Startplatz 9 stellen konnte, zwei Plätze vor Stammpilot Mass. Im Rennen wurde Villeneuve nach einem unfreiwilligen Boxenstopp nur Elfter, konnte jedoch die fünftschnellste Rennrunde fahren.

1978 feierte Gilles den ersten Sieg - in Kanada., Foto: Sutton
1978 feierte Gilles den ersten Sieg - in Kanada., Foto: Sutton

Und so erhielt Gilles Villeneuve wenige Wochen später einen Anruf von Enzo Ferrari - vier Wochen später hatte er den Ferrari-Vertrag in der Tasche, sein Debüt bei den Roten gab er noch im gleichen Jahr in Mosport. Weil Niki Lauda bereits als Weltmeister feststand und er das Team in Richtung Brabham verließ, konnte Villeneuve die letzten beiden Saisonrennen bestreiten. In Mosport sah weder Ferrari-Stammpilot Carlos Reutemann noch Gilles Villeneuve die Zielflagge. Beim Saisonfinale, in seinem erst dritten GP, flog Villeneuves mit seinem Auto über den Tyrrell von Ronnie Peterson, der Ferrari wurde ins Publikum geschleudert, zwei Menschen wurden getötet, Villeneuves blieb unverletzt.

Das Jahr 1978, seine erstes volles F1-Jahr, quasi das Lehrjahr, schloss er als WM-Neunter ab - ausgerechnet bei seinem Heimrennen in Kanada, beim Streckendebüt in Montreal, feierte Gilles Villeneuve seinen ersten Sieg.

Eroberung der Herzen

Es folgte das für ihn erfolgreichste Jahr 1979. Zuvor wurde die Formel 1 von den Ground Effect-Autos von Lotus dominiert, doch 1979 wechselte man sich an der Spitze ab - am Ende jedoch waren die beiden Ferrari-Piloten ganz oben in der WM-Tabelle zu finden. Allerdings hieß der Weltmeister Jody Scheckter, der Südafrikaner wurde von Ferrari als Nr.1-Pilot engagiert, am Jahresende musste Villeneuve seinen Stallkollegen im Titelkampf unterstützen, wurde dennoch Vizemeister. 1979 hat sich Gilles Villeneuve seinen Ruf als Kämpfer verdient. Unvergessen ist der magische Rad-an-Rad-Kampf gegen René Arnoux in Dijon. Oder Zandvoort, wo Gilles auf drei Rädern weiterfuhr. In diesem Jahr feierte Gilles Villeneuve auch drei Siege: Kyalami, Long Beach und Watkins Glen.

Für Gilles Villeneuve sollten noch viele Gelegenheiten kommen, den ersehnten WM-Titel zu erobern, dachte man. Doch es kam anders. 1980 war für Ferrari ein wahres Desaster. Die Turbo-Ära hatte begonnen, der 1980er-Wagen der Roten, der 312 T5, war eine Katastrophe. Erst mit dem 126CK, dem Turbo-Boliden aus Maranello, sollte sich das Blatt 1981 wenden. Das Chassis war zwar nicht das Gelbe vom Ei, doch der bärenstarke Motor konnte das locker ausgleichen. Und so konnte Villeneuve in Monaco und Spanien triumphieren - da der Wagen erst in der laufenden Saison zum Ersteinsatz gelangte, hoffte man auf die Saison 1982.

Das Unglücksjahr 1982

Der Turbo-Bolide wurde über den Winter generalüberholt. Doch das Jahr begann für Gilles Villeneuve und seinen Teamkollegen Didier Pironi mit den Widerlichkeiten des Motorsports, also mit Zuverlässigkeitsproblemen. In Imola wurde Villeneuve mit einem Problem der etwas anderen Art konfrontiert. Die roten Raketen genossen unter dem tosenden Jubel der Tifosi eine Doppelführung, als Pironi einfach die Teamorder, Villeneuves nicht anzugreifen, missachtete, den verdutzten Kanadier überholte und so den Sieg eroberte. Villeneuve schäumte vor Wut.

Gilles und sein Stallkollege Didier Pironi - später gab es Zoff., Foto: Sutton
Gilles und sein Stallkollege Didier Pironi - später gab es Zoff., Foto: Sutton

Zwei Wochen später - in Zolder. Im Qualifying war Gilles Villeneuve kurz vor Ende der Session auf einer superschnellen Runde unterwegs, als er auf den langsam fahrenden March von Jochen Mass auflief. Was dann passierte, war ein typisches Missverständnis. Mass, der seine Auslaufrunde bestritt, wollte Villeneuve vorbeilassen, zu diesem Zwecke wechselte er die Spur - just in dem Moment, in dem Villeneuve ihn genau auf jener Seite überholen wollte. Der Ferrari wurde vom March-Hinterrad in die Luft katapultiert - der Aufprall war so hart, dass Villeneuve samt Schalensitz aus dem Auto gesprengt wurde. Die Bilder des reglos in seinem Sitz angeschnallt liegenden Piloten kann man, hat man sie einmal gesehen, nicht mehr vergessen, es sind schreckliche Bilder. Noch am selben Abend erlag Gilles Villeneuve in der Uniklinik Leuven seinen schweren Verletzungen. Im Alter von 32 Jahren.

Gilles Villeneuve hinterließ einen Sohn - Jacques. Ihm vererbte er seine Renn-Gene. Denn Jacques setzte das Lebenswerk seines Vaters fort und holte 1997 den ihm nicht vergönnten WM-Titel. Es müssen keine sieben WM-Titel sein - ein Gilles Villeneuve eroberte die Herzen der Fans auch ohne seitenlange Siegerstatistiken. Er eroberte sie am Steuer seines Boliden - mit seinem Charisma, seinem Fahrstil und seinem großen Motorsportherzen.