Vielleicht musste das sowieso irgendwann mal passieren. Jeder wird schließlich erwachsen. Jacques Villeneuve, der erfrischendste aller Formel-1-Fahrer und der letzte seiner Spezies, der seine Meinung ehrlich zu sagen wagte, hat gerade geheiratet. Im Herbst wird er auch noch Vater. Und in diesem Prozess spricht er Sätze, die man ihm früher nie zugetraut hätte.

"Wenn ich irgendwann aufhöre, Rennen zu fahren, möchte ich nie wieder arbeiten. Sondern nur noch eine Familie groß ziehen."

Wie bitte? Es ist schwer zu sagen, ob das nur Worte eines in die Ecke getriebenen Ex-Helden sind. Oder ob in ihnen das Glück des werdenden Vaters spricht, das alles andere im Leben relativiert. Auf jeden Fall haben die letzten Jahre die Ecken und Kanten weg geschliffen von dem Mann, dessen Lebensmotto immer der Geschwindigkeitsrausch war.

Es kann aber auch sein, dass sein Selbstbild irgendwann so sehr verblasst war, dass er sich selbst neu entdeckt hat. Und manche könnten meinen, dass es langsam auch schon Zeit wurde.

Die Formel-1-Karriere des 35-jährigen Kanadiers ist schließlich wie ein Kinofilm über einen Weltmeister, der falsch herum läuft. Schon in seiner ersten Saison 1996 war er Vizechampion, ein Jahr später dann Weltmeister. Danach ging es aber nur bergab, während die Alonsos und Räikkönens der Formel 1 den üblich Weg nach oben kletterten.

Erst dieses Jahr hat die Erfolgskurve Villeneuves wieder etwas nach oben gedreht. Er hat recht ordentlich mit Heidfeld gekämpft, während er noch letztes Jahr regelmäßig von Massa geschlagen wurde. Jetzt steht es im Qualifying-Duell mit Heidfeld 4:4, nach Punkten führt der Deutsche allerdings mit 7:4.

Jacques wünscht sich noch eine Chance., Foto: Sutton
Jacques wünscht sich noch eine Chance., Foto: Sutton

Was ist also passiert? "Das Auto fühlt sich viel natürlicher an", sagt Villeneuve. "Das bedeutet, dass ich viel besser alles aus ihm herausquetschen kann, besonders im Qualifying. Ich muss ja so reagieren, als ob das Auto ein Teil meines Körpers wäre."

"Das hat mein Leben auch viel einfacher gemacht, sowohl mit den Medien als auch intern im Team", sagt er. "Jetzt ist der zusätzliche Stress einfach weg, und ich kann mich auf meinen eigentlichen Job konzentrieren."

Villeneuve gibt zu, dass 2005 noch ein ziemlicher Albtraum war. "Es war schlimm, weil ich mich an das Auto anpassen konnte", sagt er. Einen weiteren Tiefpunkt hatte er, als BMW lange mit Heikki Kovalainen verhandelte und Villeneuve Arbeitslosigkeit drohte. "Das war frustrierend", sagt Villeneuve, "selbst wenn ich immer der Meinung war, dass ich einen gültigen Vertrag hatte. Aber als das Team mich im November nicht brauchte, bin ich in Paris ins Tonstudio gegangen und habe 13 Lieder aufgenommen. Manche davon habe ich selber geschrieben."

Am kommenden Montag veröffentlich er in Montreal die Single "Accepterais-tu?" von diesem Album. das Publikum dürfte aber immer noch mehr interessieren, wie er sich auf der Rennstrecke schlägt, die den Namen seines Vaters Gilles Villeneuve trägt.

Siegen konnte Villeneuve hier noch nie. Und auch diesmal ist es reichlich unwahrscheinlich, selbst wenn er weiß, dass gerade solche Großtaten nötig wären, damit es noch für einen Vertrag fürs nächste Jahr reicht.

"Ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht genug gewonnen habe", sagt Villeneuve, fast trotzig. "Ich habe mich im vergangenen Winter mehr gequält als je zuvor. Und das würde ich nie machen, wenn ich nicht einen solchen Siegeshunger hätte."

Zum Sieg braucht er aber auch noch ein Auto. Und das hat er in Montreal nicht. Zumindest nicht dieses Jahr...