"Ich hatte Verkehr." Dieser Standard-Satz kam den F1-Piloten bis zum Jahr 2002 nach beinahe jedem Qualifying mindestens einmal über die Lippen. Wenn 22 Autos gleichzeitig auf der Strecke waren, um in den Schlusssekunden der Qualifikation die Bestzeit zu erzielen, kam es schnell einmal vor, dass ein Fahrer im dichten Verkehr aufgehalten wurde und so eine bessere Startposition verpasste.

Nach den Irrungen und Wirrungen des Einzel-Qualifyings sind seit dieser Saison wieder alle 22 Fahrer gleichzeitig unterwegs - und das unter zusätzlichem Zeitdruck: Die ersten beiden Qualifying-Abschnitte dauern jeweils nur 15 Minuten; wer darin nicht schnell genug ist, scheidet aus.

Besonders in den engen und winkligen Gassen zwischen den Leitplanken von Monaco könnte dies zu einem großen Chaos führen. "In diesem Jahr wird das Qualifying mehr denn je zu einem Glücksspiel: Durch das neue Ausscheidungs-Format, kann es durch gelbe oder rote Flaggen schnell zu chaotischen Situationen kommen", prophezeite MF1-Testpilot Markus Winkelhock gegenüber motorsport-magazin.com. "In Monaco dürfte das zwei oder dreimal so stark sein als auf den bisherigen Strecken."

Chaosfaktor Unfall

In Monaco ist der Weg schnell einmal versperrt..., Foto: Sutton
In Monaco ist der Weg schnell einmal versperrt..., Foto: Sutton

"Hier muss man mit allem rechnen", weiß BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen um die Gefahren des KO-Qualifyings in den Straßen von Monaco. "Die erste Session wird sehr hart", schloss sich Mark Webber dieser Meinung an. "Besonders den Rookies wurde erklärt, dass sie nicht zu langsam fahren dürfen um keinen Unfall zu verursachen. Und, dass sie, wenn sie auf einer langsameren Runde sind, immer in den Rückspiegel schauen müssen."

"Wenn wir schon in den letzten Rennen Behinderungen gesehen haben", so Theissen, "wird das hier erst recht nicht zu vermeiden sein." Demnach müsse man sich darauf einstellen, im Qualifying "keine komplett freie Runde" zu erhalten. "Auf einer anderen Strecke würde man dann sofort vom Gas gehen, aber hier muss man es durchziehen - denn die nächste könnte noch schlechter sein."

Deshalb kann sich nicht nur Nick Heidfeld vorstellen, dass die Ingenieure für die Piloten einige neue Qualifying-Strategien ausgetüftelt haben. "Unsere Ingenieure haben sich sicherlich etwas überlegt", verriet der Mönchengladbacher. "Es ist schon möglich, dass man etwas anders herangeht. Beispielsweise in dem man früher oder länger auf die Strecke geht, um so eine freie Runde zu bekommen."

Chaosfaktor Verkehr

Einfach wird das aber auch mit einer ausgeklügelten Taktik nicht. "Bei so vielen Autos auf einer so engen und kurzen Strecke, kann es etwas problematisch werden", weiß Quick Nick. "Es gibt zu wenig Platz für alle Autos und wird somit schwieriger einen freien Platz zu finden. Selbst wenn man den kleinen Spiegel beobachtet, sieht man das Auto hinter sich kaum - und nach vorne ist es das gleiche, weil da überall die Leitplanken die Sicht versperren. Obendrein hat man hier genug damit zu tun, selbst keinen Fehler zu machen."

Verschärft wird diese Situation durch die Streckenverhältnisse: "Gerade hier wird die Strecke zum Ende des Trainings am schnellsten sein", weiß Ralf Schumacher um den zunehmenden Grip von Runde zu Runde. "Es wird ein Lotteriespiel: Je nachdem ob man das richtige Los zieht und dem Verkehr ausweichen kann oder eben nicht."

Für viele steht somit schon jetzt fest: Nach dem Qualifying werden sich einige Fahrer darüber beschweren, dass sie aufgehalten wurden. Die einzige Strafe dafür hat bislang Jacques Villeneuve kassiert - als er Giancarlo Fisichella am Nürburgring 'blockiert' haben soll.

Absichtlich würde das aber niemand machen, sagt Nick Heidfeld. "Wenn man vor sich Verkehr hat und versucht eine freie Runde zu bekommen, kann es passieren, dass man selbst Abstand halten möchte und gerade in diesem Moment hinter dir jemand anderes auf seiner schnellen Runde ankommt", beschreibt er eine solch unglückliche Szene. "Das ist das Problem - weniger, dass jemand probiert einen anderen absichtlich zu behindern."

Webber befürchtet Chaos zwischen den Leitplanken., Foto: Sutton
Webber befürchtet Chaos zwischen den Leitplanken., Foto: Sutton

Ralf Schumacher teilt diese Sicht nur bedingt: "Bei einem jungen, unerfahrenen Piloten ist es keine Absicht", sagt er. "Bei einem Erfahrenen hingegen schon." Jacques Villeneuve hofft deswegen, dass "da keine Spielchen gespielt" werden. "Wenn da etwas passieren sollte, könnte das massive Folgen haben." Aus diesem Grund erwartet der Kanadier in Monaco "die Hölle".

Chaosfaktor Reifen

Zum Problem mit dem Verkehr, kommen dann noch diverse blaue, gelbe und womöglich rote Flaggen hinzu, die das ohnehin schon kurz bemessene Qualifying unterbrechen könnten. "Wenn es einen Abflug gibt, kann die Strecke schnell einmal komplett blockiert sein", weiß Heidfeld. Christian Klien erwartet deswegen "ein Durcheinander" mit vielen Flaggen.

Umso wichtiger wird es sein, einige neue Reifensätze für mehrere Anläufe zur Verfügung zu haben. Aber die Reifen können noch aus einem anderen Grund wichtig werden: Nämlich dann, wenn sie auf der kurzen Strecke in Monaco durch den vielen Verkehr nicht rechtzeitig für die schnelle Runde auf Temperatur gelangen.

"Das könnte ein großes Problem werden", gesteht Heidfeld ein. "Bei anderen Rennen oder Tests gab es da teilweise Probleme. Dann musste man auf der Out-Lap richtig Druck machen, um die Reifen auf Temperatur zu bringen. Wenn man da nur einen vorbei lässt und etwas Temperatur verliert, ist die erste Runde schon im Eimer oder man verliert zumindest ein paar Zehntel."

Die Strategie wichtiger als das Qualifying?

Das Qualifying von Monaco ist also wahrlich ein Chaos hoch drei: Der Verkehr, Unfälle und die Reifen könnten den Fahrern die Runde zerstören. Als Lösung für all diese Probleme wurde ein eigens in Monaco eingesetztes anderes Qualifying-Format ohne den stressigen KO-Modus gehandelt. Mario Theissen lehnt dies jedoch ab.

"Früher sind wir auch alle auf einmal gefahren", erinnert er an das alte Qualifying von 2002 - auch wenn es damals nicht den Zeitdruck der drei Ausscheidungs-Sessions gegeben hat.

Nicht nur in der Box kann es zu Staumeldungen kommen., Foto: Sutton
Nicht nur in der Box kann es zu Staumeldungen kommen., Foto: Sutton

Die Wichtigkeit des Qualifikationstrainings hat sich seit jenen Tagen aber nicht verändert: "In Monaco hängt viel vom Qualifying ab", sagt Heidfeld gleich geltend für die Vergangenheit und Gegenwart. "Ein guter Startplatz ist in Monaco entscheidend."

Nur Michael Schumacher hält weiterhin an seiner Ansicht fest, dass die Strategie "wichtiger" als das Qualifying sei. "Viele denken in der Tat, dass das Rennen bereits mit dem Qualifying entschieden sein könnte", sagt der Ex-Champion. "Aber so ist es in meinen Augen nicht."

Natürlich dürfe man nicht zu weit hinten stehen, und natürlich dürfe man den Kontakt zur Spitze nicht verlieren. "Aber wenn man das schafft, dann kann man über die Strategie auch ohne Pole Position noch viel erreichen. Dann gibt es durchaus Möglichkeiten, auch von Platz drei, vier oder fünf gewinnen zu können."