Es gibt Tage, die brennen sich ins Gedächtnis ein. Unauslöschlich, für immer. Der 1. Mai 1994 war so einer. Ein schöner, warmer Spätfrühlingstag damals in Imola - und trotzdem ein Tag von eisiger innerer Kälte, einer der auch in der Erinnerung seine Schrecken nicht verliert.
Es war ja von Anfang an ein einziges Drama gewesen, dieses Imola-Wochenende, mit dem schweren Trainingsunfall von Rubens Barrichello am Freitag, der noch Glück hatte und mit leichten Verletzungen davonkam. Dann der erste Schock am Samstag, der tödliche Unfall von Roland Ratzenberger, dem jungen Österreicher. Einer der am tiefsten Getroffenen: Ayrton Senna - der dreimalige Weltmeister, Überfigur der Formel 1, Botschafter seines Sports - und vor allem eines: ein sehr tief empfindender, sehr emotionaler Mensch.

"In persönlichen, menschlichen Dingen war Ayrton sehr mitfühlend, sehr weich, er hatte da nie diese Härte, die vielen anderen Männern zu eigen ist", sagt Ron Dennis, der sechs Jahre lang bei McLaren sein Teamchef war, noch heute. Aber während viele sich verkriechen, sucht Senna die direkte Konfrontation mit der Härte der Realität. Er fährt zur Unfallstelle hinaus, um sich selbst ein Bild zu machen. Als er an die Box zurückkommt, ist er völlig erschüttert. Kein Gedanke mehr an Weiterfahren, er zieht sich völlig zurück. Seine Gefühle will er mit sich ganz allein ausmachen.
Aber am Sonntag steigt er wieder ein - im Auto hat er eine österreichische Flagge, für Roland Ratzenberger. Erinnerungen, auch heute noch, zwölf Jahre danach: An die Minuten vor dem Start, der Blick ins Leere an der Box, das kurze Lächeln inmitten sonst sichtbar aufgewühlter Gefühle im Auto, wo er - völlig ungewohnt, noch einmal den Helm abnimmt. Ein Lächeln, das einem Freund gilt: Gerhard Berger, der als Ferrari-Pilot bei der Fahrervorstellung den größten Applaus bekommt. Der Start, mit schon wieder einem Unfall, zwischen Lehto und Lamy, fliegenden Teilen, die Zuschauer auf der Haupttribüne verletzen, Safety-Car, dann, nach fünf Runden der Neustart. Und dann, um 14:17 Uhr, kurz nach Beginn der siebten Runde, der Unfall in der berüchtigten Tamburello-Kurve, der Aufprall, die Rote Flagge, die Stille...
Das unbewusste, sofortige Wissen um die Wahrheit - und die verzweifelte Hoffnung beim Warten, sich doch zu irren. Schon da Erinnerungen, die zurückwandern, an Gespräche, an spezielle Momente, an persönliche Bekenntnisse in privaten Gesprächen: Über das Wissen, nicht unverwundbar zu sein, seine eigene Angst, Gefühle während früherer, spektakulärer Unfälle, auch die Angst vor dem Sterben, damals, bei jenem Testunfall in Hockenheim, "als ich so hoch in der Luft war wie die Baumwipfel", und dieser Satz, dass es wohl etwas gebe, wovor er noch mehr Angst habe als vor dem Sterben, "davor, nach einem Unfall mit einer schweren Behinderung dahinvegetieren zu müssen, nicht mehr richtig leben zu können..."

Gedanken, die durch den Kopf schwirrten, damals - und der Versuch heute, vor allem die anderen, die schönen Bilder zu beschwören, die Erinnerungen, der nicht nur durch sein fahrerisches Können, sondern vor allem auch durch seine Persönlichkeit, sein ganz spezielles Charisma faszinierte... Senna, der so anders war als viele andere Spitzensportler, mit seinen manchmal philosophischen Gedanken zu vielen Dingen auf der Welt, nicht nur zur Formel 1, sondern auch zu Religion und Glauben, mit seinen starken Emotionen, die er nie verbarg, seinem Lächeln, das verzaubern konnte und manchmal auch seinen Tränen...
Tränen, damals, bei denen, die warten, auf Nachrichten, aus dem Helikopter, der Klinik in Bologna - und als sie kommen, die Nachrichten, da sprechen sie von schwersten Kopfverletzungen, sind so, dass sie auch die leisesten Hoffnungen brutal zerstören. Tränen damals, Bitterkeit, Verzweiflung - aber heute auch die Dankbarkeit, damals diese unvergleichlichen Senna-Jahre erlebt haben zu dürfen.
Die absolute Perfektion in dem, was er tat, "immer, in jeder Sekunde, sein Bestes zu geben, die Suche nach dem Limit, das Herausschieben von Grenzen", das war immer sein Ziel, der Aufstieg an die absolute Spitze, die Siege waren die beinahe logische Konsequenz davon. Absolute Geradlinigkeit und ein fanatischer Gerechtigkeitssinn, gepaart mit einer tiefen Sensibilität, das war eine Kombination an Charaktereigenschaften, die es ihm in der Formel 1 nicht leicht machten. Die Dauer-Auseinandersetzungen mit dem Erzrivalen Alain Prost, mit dem damaligen FIA-Präsidenten Jean-Marie Balestre, sie waren eine Folge dieser Mischung aus Verletzlichkeit und Härte. "Schlimmer als eine Niederlage ist es, betrogen zu werden. Eine sportliche Niederlage kann einen sogar besser machen, betrogen zu werden aber ist inakzeptabel", lautete sein unverrückbarer Standpunkt - und dafür kämpfte er zeit seines Lebens, wenn es sein musste, auch gegen Windmühlenflügel...

Genauso, wie er für seine Heimat, für sein Land, zu kämpfen begonnen hatte. Immer stolz darauf, Brasilianer zu sein, war es schon lange sein Traum gewesen, den Unterprivilegierten dort zu helfen - und er hatte angefangen, sich immer mehr zu engagieren, seine Möglichkeiten, seinen Einfluss zu nutzen, um vor allem Kindern und Jugendlichen aus den ärmsten Gesellschaftsschichten zu helfen. Die Grundzüge der Stiftung die seinen Namen trägt und die heute von seiner Schwester Viviane, einer Kinderpsychologin, geführt wird, hat er noch selbst gelegt. Heute wurden und werden durch sie inzwischen insgesamt über vier Millionen von ihnen auf die ein oder andere Weise gefördert und unterstützt.
"Die Reichen können nicht weiter wie auf einer Insel in einem Meer der Armut leben", kritisierte Senna einmal die Situation in seinem Heimatland. Kein Wunder, dass ihn die Menschen dort so liebten - und seinen Tod fast wie den eines nahen Verwandten, zumindest eines guten Freundes, empfanden. In Brasilien weiß heute noch fast jeder ganz genau, wo er an dem Tag war, was er gerade tat, an jenem 1. Mai, als er von Sennas Tod erfuhr, der um 18:40 im Maggiore-Krankenhaus in Bologna offiziell bestätigt wird.
Ein Verlust, der für die Brasilianer mehr war als nur der Verlust eines Sportidols, der der Verlust war einer Hoffnung - so viel hatte Senna ihnen immer geben können, so viel Freude, so viel Stolz auch auf ihr Land, trotz aller sonstigen Probleme und Miseren. Millionen säumten damals die Straßen von Sao Paulo, um einen Blick auf den Trauerzug zu werfen, die ganze Stadt war drei Tage lang wie gelähmt, selbst die Kriminalitätsrate sank auf deutlich weniger als die Hälfte des Normalen.

Der Abend in Imola, die Spuren an der Wand, erste Blumen, Kerzen, letzte Grüße - der Abschied von einem Freund, während langsam die Sonne untergeht. "Als wäre die Sonne vom Himmel gefallen", wird Gerhard Berger später über diese Tage sagen. Die Spuren dort sind lange verschwunden, die Tamburello ist umgebaut, vor der Mauer liegen heute zwei Reihen Reifenstapel. Aber die anderen Spuren sind geblieben. Wobei die Spuren, die der Mensch Ayrton Senna hinterließ, oft noch tiefer sind als die des Rennfahrers Senna in der Formel 1. Bei den Menschen in Brasilien, bei seinen unzähligen Fans weltweit genauso wie bei denen, die ihn näher kannten, mit ihm zusammenarbeiteten, sich bis heute von seinem Beispiel beeinflusst sehen.
Eine Wirkung, die geblieben ist - auch noch nach vielen Jahren. Jahren, in denen manche immer wieder einmal das Gefühl hatten, noch etwas von dieser besonderen Ausstrahlung, dieser Kraft, zu spüren - über die Grenzen von Raum und Zeit... Und die daraus Inspiration und Motivation für sich erhielten. Das ist viel mehr als die meisten Sportler oder sonstigen Stars erreichen. Und es wäre Ayrton Senna wahrscheinlich auch wichtiger als alle Rekorde, seine drei WM-Titel, 41 GP-Siege oder 65 Pole-Positions...

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