"Alonso, Alonso" oder "Fernando, Fernando" konnte man in unregelmäßigen Abständen das Kreischen von Mädchenstimmen wahrnehmen, auch am anderen Ende des Fahrerlagers, am Circuit de Catalunya. Dann wusste man, dass Fernando Alonso in diesem Augenblick von der Renault-Hospitality zur Box oder retour geschritten ist. Den "heiligen Pfad des Alonso" säumten Schulmädchen, die nicht in die Schule gingen. Damit der Weltmeister ungehindert die wenigen Meter zurücklegen konnte, wurden Eisengitter aufgestellt. "Alonso, Alonso" hört man aber auch aus erwachsenen Kehlen - nämlich dann, wenn es gilt, einen Favoriten für den WM-Titel 2006 zu nennen.
Eine dieser Kehlen gehört dem Australier Mark Webber. Gegenüber der Herald Sun erklärte der Williams-Pilot: "Ich denke, Fernando steht vor seiner besten Saison - zum Teil auch, weil Renault derartig dominieren wird, dass man am Beginn der Saison einige Doppelsiege erringen wird." Alonso sei "groß" und fuhr im letzten Jahr "superb", streute Webber dem jüngsten Formel 1-Champion aller Zeiten Rosen. Der Renault würde in diesem Jahr so stark sein, dass auch Teamkollege Giancarlo Fisichella deutlich bessere Resultate als im Vorjahr erzielen könne, fügte "Webbo" hinzu. Mit einem Wort: Mark Webber glaubt an die totale Renault-Dominanz und an einen Durchmarsch von Fernando Alonso, der diesem "noch leichter als im Vorjahr" fallen würde.

Wer nun glaubt, Briatore-Schützling Mark Webber wolle sich mit seiner Renault-Laudatio lediglich als Alonso-Nachfolger für die Saison 2007 empfehlen - bekanntlich wechselt der Spanier zu Erzkonkurrent McLaren-Mercedes - wird eines Besseren belehrt. Denn Webber ist nicht der einzige, der Alonso die Verteidigung seines Titels zutraut. Da gibt es Fahrer-Kollegen wie BMW Sauber-Fixstern Nick Heidfeld, der "momentan Renault vorne" sieht oder Honda-Neuzugang Rubens Barrichello, der seine Jetons auf Renault, und natürlich auch auf das eigene Team setzt. Oder Williams-Tester Alex Wurz, der im Gespräch mit dem österreichischen Sportmagazin die Wintertests analysierte: "Da waren Renault und Honda Spitze." McLaren hingegen hatte laut Wurz "Probleme mit dem Öl oder so".
Aber auch andere Formel 1-Experten sehen Alonso in der Favoritenrolle, mitunter sogar jene aus den Konkurrenzteams. Toyota-Technikchef Mike Gascoyne bezeichnete Renault als "meinen Favoriten". "Ihre Autos scheinen momentan am schnellsten zu sein - die werden absolut dabei sein, und das nicht nur bei den ersten Rennen", prophezeit der Designguru. Aber auch frühere Formel 1-Piloten, die dank ihrer Fachkenntnisse zu begehrten Experten und sogar zu Teammitbesitzern mutierten, setzen auf den 23jährigen Spanier. motorsport-magazin.com-Kolumnist Bas Leinders sieht die gelb-blauen Renner zumindest "in den ersten Rennen vorne". TV-Experte Christian Danner schwärmt: "Renault ist mein absoluter Top-Favorit." Und auch der Österreicher Gerhard Berger kann sich vorstellen, dass Alonso die begehrte Startnummer 1 zu McLaren bringen wird.

Stellt sich die Frage: Gibt es irgendjemanden in diesem Sonnensystem, der nicht auf Alonso setzt? Tatsächlich, auch diese Ansicht wird vertreten. Allen voran hat Formel 1-Zampagno Bernie Ecclestone den achten Titel von Ex-Weltmeister Michael Schumacher angekündigt. Das kann sich auch Ex-Weltmeister und Grand Prix Masters-Triumphator Nigel Mansell vorstellen: "Michael Schumacher kann in diesem Jahr zurückschlagen - und ich denke, dass Ferrari das auch tun wird. Man sollte Michael nicht abschreiben - wenn er Weltmeister werden will, dann wird er das auch tun." Der "Löwe", wie er gerne genannt wird, kann sich zwar auch einen erfolgreichen Fernando Alonso vorstellen, macht aber auf jenen Unsicherheitsfaktor aufmerksam, der sich aus dem McLaren-Transfer des Spaniers ergibt.
Mansell spricht zudem jene Sorge aus, die viele Experten ein weiteres mal auf Alonso setzen lassen, obwohl Kimi Räikkönen im letzten Jahr über weite Strecken der Saison im stärksten Auto saß. "Da ist die ständige Sorge, die sich einstellt, ob die Uhr noch tickt oder nicht", spricht Mansell die mangelhafte Standfestigkeit bei McLaren-Mercedes an, die dem "Iceman" im letzten Jahr zum Verhängnis wurde. Also doch "Alonso, Alonso"? Alonso selbst möchte sich keinesfalls festlegen - er kann nur eines erkennen: "Es wird in diesem Jahr viel enger werden als im Vorjahr." Er sieht zurzeit Ferrari, Honda und Renault an der Spitze, traut aber auch McLaren bereits in Bahrain ein Aufrücken zu. Vier Teams im Kampf um die WM-Krone? Aus Sicht der Fans wäre ein solcher Krimi einem Alonso-Durchmarsch allemal vorzuziehen.

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