Lange ist es her, dass George Russell beim Saisonauftakt in Australien ein Rennen gewonnen hat. Beim achten Lauf in Österreich muss der Sieg heute eigentlich sein. Doch wieder lauert vor allem Ferrari nach einem zugegeben etwas glücklichen Qualifying. Kann die Scuderia - in Spielberg sogar zu zweit vorn dabei - Mercedes erneut strategisch einheizen?
Russell selbst mag nicht glauben, dass er in Sachen eigener Pace es verlernt hat. Etwas, das mit jedem vergangenen Wochenende im Fahrerlager mehr und mehr diskutiert wird. An der Niederlage in Barcelona hatte Russells schwache Pace ab dem ersten Boxenstopp schließlich einen wesentlichen Anteil gehabt. Danach hatte er Kimi Antonelli im Zweikampf aufgehalten und Ferrari bei Aufgehen ihres Dreistopp-Gambles geholfen.
George Russell im Formtief: Ist Österreich die Erlösung?
Nach dem Rennen verwiesen Russell und Mercedes aber auch wieder darauf, dass die nach dem zweiten Stopp erst so richtig schlechte Pace einer falschen Frontflügel-Änderung beim letzten Stopp geschuldet war. Nach wie vor beschwört Russell gegenüber sich und allen anderen also, dass viel Pech bei seinem Formtief mitspielt.
"An einem Punkt müssen Ergebnisse kommen, ich kann nicht das ganze Jahr Pech haben", schwört Russell am Samstag, nachdem er den Mercedes mit einer der eigenen Einschätzung nach "magischen" Runde auf Pole stellte. Selbst ohne eine kontroverse Szene um eine gelbe Flagge in der vorletzten Kurve hätte Russells Runde für den ersten Startplatz gereicht.
Mit dieser Runde will Russell den Beweis angetreten haben, dass er es noch kann. Davor hatte er das ganze Wochenende unter dem Druck von Antonelli, der am Freitag beide Trainings deutlich angeführt hatte, versucht den Mercedes zu überfahren. Erst in Q3 kam nach Zuspruch von Teamchef Toto Wolff Ruhe rein, und plötzlich purzelten die Zeiten, ein Zehntel pro Kurve: "In Momenten wie diesen kehrt dein Selbstvertrauen zurück."
"Habe ich das Selbstvertrauen, um ihn zu schlagen? Ja", meint Russell so in Richtung Antonelli. Den nackten Zahlen nach ist er klarer Favorit. Denn im Renn-Trimm war er Antonelli schon am Freitag ebenbürtig gewesen, und beide waren sie dem Rest klar davongefahren. Jetzt, wo Russell von P1 und Antonelli erst hinter den Ferrari von P4 startet, zeichnet das für das Rennen eigentlich ein klares Bild.
Ist Spielberg für Ferrari wirklich wie Barcelona?
Mercedes und Russell wissen aber nur zu gut, erst recht seit Barcelona, wie groß die von Ferrari ausgehende Gefahr ist. Charles Leclerc auf dem zweiten und Lewis Hamilton auf dem dritten Platz ist diesmal sogar ein Doppel. "Hoffentlich können wir strategisch zusammenarbeiten und so Druck auf sie ausüben", meint Hamilton nach dem Qualifying.
Barcelona war Spielberg hier nicht unähnlich. Auch hier kündigt sich eine Hitzeschlacht mit hohem Reifenabbau und mehreren Stopps an. Pirellis Rechnungen spucken in der Theorie sogar einen Dreistopper als schnellste Wahl aus - aber nur, solange man nicht in den Verkehr kommt, überholen muss und dadurch eingebremst wird.
Verkehr ist 2026 aber für die Top-Teams gar kein so großes Problem. Weil das Mittelfeld verglichen mit dem Vorjahr weiter weg ist, gehen schon recht früh im Rennen oft Boxenstopp-Lücken für aggressive frühe Stopps auf. Genau das nutzte etwa Ferrari in Barcelona mit dem frühen Hamilton-Stopp auch aus.
In Österreich hat Ferrari nur ein augenscheinliches Problem: Die Pace scheint hier nicht so gut. In Barcelona hatte Leclerc am Freitag tatsächlich schon ähnliche Rundenzeiten wie Mercedes gezeigt. In Spielberg aber lag man am Freitag zusammen mit McLaren und Red Bull ungefähr eine halbe Sekunde zurück. Das Leistungs-Defizit ist auf den Geraden auch keine Hilfe, um sich gegen einen von hinten drückenden Mercedes wie den von Antonelli zu erwehren.
Auf der anderen Seite meinen die Fahrer in Sachen Pace von Freitag auf Samstag einen guten Schritt gemacht zu haben. "Als Team haben wir denke ich nicht erwartet, vor McLaren und nah an Mercedes dran zu sein", meint Leclerc. "Für das Rennen selbst haben wir denke ich auch mit dem Auto heute einen Schritt vorwärts gemacht."
Nächstes Antonelli-Comeback oder eine Verstappen-Überraschung?
Die Tatsache, dass beide Ferrari aber jetzt vor ihm stehen, macht auf jeden Fall auch bei schlechterer Pace der Scuderia Kimi Antonellis Leben nicht einfach. Abschreiben darf man ihn deswegen nur nicht. In Barcelona zeigte er, was er inzwischen im Renn-Trimm kann. Und dass seine pfeilschnelle Qualifying-Pace vom Freitag im tatsächlichen Qualifying am Samstag verpuffte, könnte mit einem Comeback im Rennen einhergehen.
"Wir sind mit dem Setup mehr in Richtung Rennen gegangen", stellt Antonelli nach dem Qualifying nämlich klar. "Als der Grip stieg, wurde es damit [im Qualifying] noch schwieriger als erwartet. Auf dem Papier sieht es für das Rennen besser aus, aber mal schauen." Österreich verlangt reifentechnisch nach einer schwierigen Balance. Die Traktionszonen belasten die Hinterreifen, die schnellen Kurven hintenraus die Vorderreifen.
Wer das nicht gut ausbalanciert, kann heute schnell in Schieflage geraten. Eine interessante Wildcard ist der nach Qualifying-Crash von P5 startende Max Verstappen. Er hat sich als einziger Fahrer der Spitzengruppe zwei Medium und zwei Hard für das Rennen aufbehalten und kann damit eine Reihe an kreativen Strategien riskieren. Zu verlieren hat er, abgeschlagen wie er in der WM ist, nichts.
Der hier mit einem großen Update antretende Red Bull zeigte dieses Wochenende auch bessere Pace als zuletzt. Verstappen traut dem Braten nur nicht: "Die Rennpace ist normalerweise unser Schwachpunkt."
Dann bleibt nur noch McLaren, die wie schon in Barcelona nach einem guten Freitag einen blassen Samstag erlebten. Das vorhin angesprochene Treffen der Balance ist für McLaren insofern schwierig, dass der MCL40 den Fahrern aktuell schlicht nicht genug Grip am Heck bietet. Lando Norris hatte zuletzt noch mithalten können, aber diesmal starten er und Oscar Piastri nur von P6 und P7. Hinter beiden Mercedes, beiden Ferrari und Verstappen.
Bei Rennpace, die an keinem Punkt um mehr als ein Zehntel besser aussah als die von Ferrari und Red Bull, und mehrere Zehntel weg war von Mercedes, wirkt es unwahrscheinlich, dass McLaren große Chancen hat. Russell im Vorteil, gegen Ferrari und Antonelli, heißt die große Story des Rennens.



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