Fast scheint Österreich eine Wiederholung des Formel 1-Wochenendes in Barcelona zu sein. Nach einem enttäuschenden Freitagstraining sorgt Ferrari im Qualifying abermals für die große Überraschung. War es in Spanien noch Lewis Hamilton, der knapp an der Pole Position vorbeischrammte, ist es am Red Bull Ring Charles Leclerc.

Nach den Tiefschlägen der letzten Rennen wollte der Monegasse nur eines: eine saubere Runde fahren. "Wenn man in dieser Denkweise ist, dann lässt man vielleicht ein kleines bisschen Zeit auf der Strecke liegen", ist sich Leclerc bewusst. Trotzdem bereut er seine passive Herangehensweise in Österreich nicht: "Ich hätte George nicht schlagen können. Platz zwei war heute das Beste, das wir erreichen konnten."

Leclerc und das leidige Thema Bremsen

Vor allem, weil sein Qualifying bis zu Q3 alles andere als reibungslos war. In den ersten beiden Segmenten hatte er mit den Bremsen zu kämpfen, weshalb er in Q1 nicht über P9 (vier Zehntel Rückstand) und in Q2 nicht über P6 (zwei Zehntel Rückstand) hinauskam. Doch auf seinem letzten Run in Q3 gab er in 1:06,349 Minuten den ersten echten Richtwert vor. Er schlug Teamkollege Lewis Hamilton um hauchdünne 59 Tausendstelsekunden und ließ beide McLaren hinter sich.

Als Max Verstappen in Turn 9 von der Strecke abflog, sah es kurzzeitig so aus, als würden beide Ferraris aus der ersten Startreihe ins Rennen gehen. Doch Russell machte in letzter Sekunde der rein roten ersten Startreihe einen Strich durch die Rechnung. Trotzdem überwog bei der Scuderia das Positive, denn nach dem Freitag hatte man nicht erwartet, überhaupt um die Pole mitzukämpfen.

Hamilton setzt auf Taktik 2 gegen 1

"Es ist sehr seltsam, denn gestern war ein sehr schwieriger Tag. Wir hatten große Probleme. Ich habe nicht erwartet - und wir als Team haben nicht erwartet -, vor McLaren und so nah an den Mercedes dran zu sein. Das ist eine angenehme Überraschung", verriet Leclerc. Auch Lewis Hamilton bestätigte: "Wir waren nicht zuversichtlich, dass wir um die erste Reihe mitkämpfen können." Tatsächlich gelang es Ferrari über Nacht, den Rückstand von sechs Zehnteln auf etwas mehr als zwei Zehntelsekunden zu reduzieren.

Vor allem an Leclercs Auto wurde bis zum Qualifying fleißig geschraubt. "Wir haben tatsächlich viel geändert. Es waren keine großen Änderungen, aber überall ein bisschen. Am Ende hat es dann einen ziemlich großen Unterschied gemacht", meinte der Monegasse. Auch die Entscheidung, auf das gleiche Bremssystem wie Hamilton zu wechseln, erwies sich als richtig. Bereits in Barcelona sei das Gefühl im Auto dadurch viel besser gewesen. "Es ist aber immer noch nicht dort, wo ich es haben möchte - und zwar wie früher, als ich mich so sicher fühlte, dass ich einfach voll attackieren konnte und genau wusste, was das Auto macht. Dieses Gefühl habe ich im Moment nicht."

Ferrari-Rückschlag! Mercedes muss F1-Update zurückrüsten (09:40 Min.)

Ferraris Achillesferse sind lange Geraden

Während Leclerc skeptisch bleibt, ob Ferrari George Russell im Rennen gefährlich werden kann, schmiedete Hamilton in der Pressekonferenz nach dem Qualifying bereits Angriffspläne. "Es wird sehr schwierig, Mercedes morgen herauszufordern, aber mit der langen Geraden bis zur Kurve 3 können wir hoffentlich gemeinsam etwas erreichen", spielte Hamilton darauf an, dass sich Pole-Setter Russell gegen zwei Ferraris wehren muss. "Es ist großartig, Charles hier vorne zu haben. Hoffentlich können wir gemeinsam an einer Strategie arbeiten und versuchen, Druck auf Mercedes auszuüben."

Jedoch stellen ausgerechnet die Geraden die Achillesferse des SF-26 dar. Wie die Grafiken zeigen, muss Ferrari beim elektrischen Energiemanagement Abstriche machen. Die Einbußen beim Topspeed verteilen sich vor allem auf die Gerade nach Turn 3 und Start-Ziel:

Auch Hamilton ist sich dieser Schwachstelle bewusst. "Wir wussten schon vor diesem Wochenende, dass es wegen der langen Geraden für uns schwierig werden würde", erzählte der Brite. Besonders in den ersten Trainingssessions hatte der Rückstand noch größer als auf allen bisherigen Strecken gewirkt. "Vielleicht liegt es an der dünneren Höhenluft, ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nur, dass Strecken mit langen Geraden für uns auf absehbare Zeit unsere Achillesferse sein werden", so Hamilton.