Bei Ferraris Straßenautos stöhnen die Fans schon auf, wenn der geliebte V12-Motor durch ein Exemplar mit weniger Zylinder ersetzt wird. Jetzt hat es Ferrari tatsächlich getan: Der neu präsentierte Luce verzichtet komplett auf Zylinder. Der Luce (Licht) ist das erste reine Elektro-Auto aus Maranello.

Lange wurde der Launch angekündigt, zunächst hatte Ferrari nur Bilder vom Cockpit gezeigt. Während die Mischung aus Klassik und Moderne im Interieur gut ankam, sind die Reaktionen nach der Präsentation des gesamten Fahrzeugs bestenfalls durchwachsen.

Das Design des Luce scheint den Nerv der Ferrari-Fans nicht wirklich zu treffen. Ferraris Formel-1-Piloten Lewis Hamilton und Charles Leclerc hatten die Ehre, den Luce in einem Clip zu enthüllen. Unter den Postings auf Social Media finden sich unzählige hämische Kommentare. Die Ferrari-Aktie sackte nach der Präsentation umgehend ab, zeitweise betrug der Kursverlust acht Prozent.

Hohn und Spott auch von Luca di Montezemolo

Auch Ex-Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo äußerte sich kritisch zum neuen Luce. "Wenn ich sagen würde, was ich wirklich denke, würde ich Ferrari schaden", sagte er der italienischen Presseagentur askanews. Und di Montezemolo, inzwischen Vorstandmitglied bei McLaren, legte nach: "Wir riskieren die Zerstörung eines Mythos - das tut mir sehr leid. Ich hoffe, sie entfernen wenigstens das Springende Pferd von diesem Auto."

Die meisten stören sich tatsächlich weniger an der Tatsache, dass Ferrari ein erstes Elektro-Auto auf den Markt bringt, als vielmehr am eigenwilligen Design mit der großen gläsernen Dachkanzel. Seit 2015 arbeitet Ferrari nicht mehr mit dem Designstudio Pininfarina zusammen, sondern entwickelt die Formen im hauseigenen Centro Stile. Beim Luce arbeiteten die Italiener mit dem Design-Kollektiv des ehemaligen Apple-Chefdesigner Sir Jony Ive 'LoveFrom' zusammen.

Elektro-Ferrari mit 4 Motoren und 1.050 PS

Angetrieben wird der Luce von vier Permanent Synchronmotoren, die in ähnlicher Form schon im Hybrid-Sportler F80 zum Einsatz kommen. Systemleistung im Luce: 1.050 PS. An der Vorderachse drehen die Motoren bis zu 30.000 Mal in der Minute, an der Hinterachse maximal 25.500 Mal.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Am Design der Heckleuchten lässt sich erahnen, dass es sich um einen Ferrari handelt, Foto: Ferrari

Der 122 kW/h große Akku basiert auf 800-Volt-Technik und erlaubt bis zu 350 kW Ladeleistung. Die Reichweite gibt Ferrari mit über 530 Kilometer an. Wie die Motoren wird auch die Batterie in Maranello Inhouse gebaut.

Der 2.260 Kilogramm schwere Luce soll in 2,5 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo beschleunigen, die 200-km/h-Marke wird nach 6,8 Sekunden erreicht. Der Topspeed liegt laut Datenblatt bei über 310 km/h. Die Werte werden einerseits durch die starken Elektromotoren, andererseits über einen extrem niedrigen Luftwiderstand erreicht. Laut Ferrari ist es das Auto mit dem niedrigsten cW-Wert, das die Werkshallen in Maranello je verlassen hat.

Intereuer mit Lenkrad von Ferraris erstem Elektro-Auto Luce
Das Interieur kommt bei den Ferrari-Fans gut an, Foto: Ferrari

Besonders stolz sind die Ingenieure aber weniger auf die Längs-, als vielmehr auf die Querdynamik. Torque Vectoring in Kombination mit einem aktiven Fahrwerk und einer unabhängig lenkenden Hinterachse sollen für reichlich Fahrvergnügen sorgen.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Manche bezeichnen den Luce als Ferraris Multipla, Foto: Ferrari

Technisch lehnen sich die Ingenieure weit aus dem Fenster. Mehr als 60 neue Patente wurden für den Luce erteilt. Eines davon bezieht sich auf die akustische Untermalung, denn auch ein Elektro-Ferrari soll gut klingen. Ähnlich wie ein E-Gitarre soll ein Beschleunigungssensor Schwingungen wahrnehmen und selektiv verstärken.

Über 500.000 Euro für Ferraris ersten 5-Sitzer

Neuland bestreitet Ferrari auch auf der Rückbank. Nachdem Ferrari bereits seit geraumer Zeit Viertürer und mit dem Purosangue auch einen SUV im Angebot hat, ist der Luce nun Ferraris erster Fünfsitzer. Durch die Transaxle-Bauweise der Verbrenner-Modelle mit Front-Mittelmotor war nie Platz für einen Mittelplatz auf der Rückbank.

Intereuer von Ferraris erstem Elektro-Auto Luce.
Auf der Rückbank gibt es nun einen Platz mehr, Foto: Ferrari

Wer trotz des umstrittenen Designs Gefallen am Elektro-Ferrari gefunden hat, dürfte zumindest nicht wie sonst üblich auf einer sehr langen Warteliste der Italiener verharren. Bezahlen lässt sich Ferrari das Auto aber wie üblich gut: Mit einem Kaufpreis von mehr als einer halben Millionen Euro klappt es trotz Anhebung der Bruttolistenpreisgrenze für Dienstwagen nicht mit dem Steuervorteil. Auch mit der staatlichen E-Auto-Förderung dürfte es für die meisten finanziell eher eng werden.