Am Bosporus betrat die Formel 1 Neuland. Sie bestritt ihr Debütrennen in Istanbul, der Stadt der zwei Kontinente. Manche sahen sie sogar den "Neo-Grand Prix" in der Türkei abspulen. Doch was haben wir dabei wirklich gelernt?
Die Lehre von baren Begebenheiten
Zeigten sich unsere britischen Kollegen der schreibenden Zunft schon in der Vergangenheit mit diversen Gate-Affären von Tyregate über Buttongate bis hin zu Indygate 'höchstkreativ', wurden angesichts des Wechsels von Rubens Barrichello zu B·A·R Honda wieder die guten alten Klassiker aus der Versenkung geholt: BARichello war da in den Schlagzeilen zu lesen. Uns graut es deshalb schon jetzt vor einem möglichen ersten GP-Erfolg der Weißen beim nächstjährigen Spanien GP. Dann würden die Schlagzeilen wohl so durch den Blätterwald rascheln: WunderBARer BARichello siegt in BARcelona!
Die Lehre von der Strecke

Von solcherlei wunderbaren Wortspielen belebt, verpackten auch wir den neuen Istanbul Speed Park in einige neue Wortschöpfungen. So handelte sich der Kurs dank der häufigen Vergleiche mit der Ardennen-Achterbahn von Spa-Francorchamps den Beinahmen Bosporus-Achterbahn ein. Und Minardi-Pilot Robert Doornbos inspirierte uns zur "türkischen Adrenalin-Pumpe". Schließlich spürte der Niederländer bei jeder Umrundung des ISP "das Adrenalin durch seinen Körper pumpen".
Die Lehre von den Verhältnissen
Wer in den vergangenen roten Jahren davon sprach, dass eine Rundenzeit "für Ferrari-Verhältnisse gut" wäre, der meinte damit eine Zeit, die für den jeweiligen roten Dienstwagen durchschnittlich, aber nicht überragend war. Um den Rest des Feldes damit um über eine Sekunde zu distanzieren reichte diese Zeit aber allemal aus.
Wer heute davon spricht, dass eine Rundenzeit "für Ferrari-Verhältnisse gut" ist, der meint damit eine Zeit, die für den F2005 beinahe schon das Optimum darstellt, gleichzeitig aber rund 1,6 Sekunden hinter der Konkurrenz herhinkt. So schnell ändern sich die Zeiten...
Die Lehre vom Neuland

Eine neue Strecke ist wie ein neues Leben. Doch besonders viel Leben hauchte der unbekannte Istanbul Speed Park den Freien Trainings nicht ein. Statt unzähliger Runden zum Lernen des Kurses und Abstimmen des Setups gab es kaum mehr als den altbekannten Rundengeiz zu bestaunen. Gepriesen seien die Computersimulationen und Zweiwochend-Motoren. Oder lieber doch nicht?
Die Lehre von der Recherche
Gut recherchiert ist halb geschrieben. So könnte ein von uns soeben erfundener journalistischer Leitspruch lauten. Zumindest Ralf Schumacher würde dem sicherlich sofort zustimmen. Einem mexikanischen Kollegen soll er jedenfalls auf die Frage, ob er sich mit seinen Leistungen in diesem Jahr seinen Toyota-Platz für 2006 'verdient' habe, geantwortet haben: "Wenn Sie Ihre Arbeit richtig gemacht hätten, würden Sie keine so dummen Fragen stellen." Und wir dachten, es würde keine dummen Fragen geben...
Die Lehre vom Verkehr

Es war eines der Unworte des alten Qualifying-Systems vor den vielen Format-Änderungen der letzten Jahre. "Ich hatte Verkehr", beschwerte sich jeder zweite Fahrer mindestens einmal pro Rennwochenende. Dies ist auch einer der Gründe, warum die Piloten in ihrem Qualifying-Vorschlag für 2006 weiter am Ein-Runden-Qualifying festhalten: Denn da gibt es keinen störenden Verkehr, der die Runde kaputt macht.
Jedenfalls sagen das die Fahrer. Das erste Qualifying auf türkischem Boden belehrte sie jedoch eines Besseren: Sowohl Fisichella als auch Webber blieben im Verkehr stecken. Und obwohl Sato dafür eine Strafe bekam, war der Verkehr bei weitem nicht so dicht wie jener aus Istanbul zur Rennstrecke. Also alles halb so wild...
Die Lehre von den Regeln
In schier unzähligen Meeting-Stunden wurden in den vergangenen Jahren beinahe ebenso viele Regeländerungen diskutiert, verworfen und beschlossen. Das Qualifying-Format wurde seit 2003 fünfmal geändert und steht für 2006 erneut vor einem Wechsel. Doch auf die offizielle Startaufstellung zum Großen Preis der Türkei musste die versammelte F1-Welt bis wenige Minuten vor dem Start warten.

Denn trotz all der Regeldiskussionen scheint keine Zeit gewesen zu sein eine einschlägige Regelung in das Reglement aufzunehmen, was passiert, wenn mehrere Fahrer keine Zeit erzielen konnten, ihre Zeit gestrichen wurde oder sie auch noch einen Motorwechsel vorgenommen haben. Das Reglement für 2008 festzulegen, war anscheinend die dringendere Aufgabe...
Die Lehre von der Unterwäsche
Vor dem Türkei-Debüt der Königsklasse herrschte in der Königsklasse zwar keine solche Goldgräberstimmung wie noch vor dem ersten Rennen in China vor einem knappen Jahr, aber der Wunsch den türkischen Markt zu erschließen packte nicht nur die Automobil- und Reifenhersteller. Auch Bernie Ecclestones Merchandising-Stände erfreuten sich großer Beliebtheit. Der absolute Renner war aus bislang noch ungeklärten Gründen die bereits vorzeitig vergriffene Unterwäsche.
Die Lehre von den Ausfällen
Früher war alles besser, heißt es. Zumindest war früher alles einfacher. Jedenfalls im Hinblick auf die Ausfälle in der Formel 1. Denn während bislang ausgeschiedene Autos auch tatsächlich ausgeschieden blieben, kehren sie heute nach vielen Reparaturminuten wieder ins Renngeschehen zurück, um sich eine bessere Startposition für das nächste Qualifying zu sichern.

Und wenn es schon nicht mit dem Siegen klappt, perfektionierten Michael Schumacher und Ferrari immerhin diesen Vorgang: Der Champion kehrte nur für genau so viele Runden auf die Strecke zurück, wie er sie benötigte, um die drei ausgefallenen Fahrer in der Ergebnisliste zu überholen. Danach stellte er seinen F2005 wieder in der Box ab und schonte sein Material für den Italien GP. Mission erfüllt.
Die Lehre von den Überrundungen
Gleich zwei Dinge lernte Juan Pablo Montoya drei Runden vor dem Ende des Türkei GP. Erstens: Manche Geschichten wiederholen sich immer wieder. Nachdem ihm vor einigen Jahren Jos Verstappen im Arrows bei einer Überrundung ins Heck gerauscht ist, war es diesmal Tiago Monteiro, der den Kolumbianer abschoss und ihn damit Platz zwei kostete. Die zweite Lehre die der Kolumbianer und sein Team ebenfalls zum wiederholten Male in diesem Jahr daraus zogen ist jene, dass ein Rennen tatsächlich niemals vor dem Fallen der schwarz-weiß karierten Flagge gelaufen ist.



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