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Formel-1-Analyse: Kosteten Ferrari-Fehler Vettel den Sieg?

Ferrari brachte Sebastian Vettel beim Ungarn GP mit zwei Fehlern in Bedrängnis. Hätte Vettel mit der richtigen Chance sogar Hamilton schlagen können?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Lange Zeit war der Ungarn GP 2018 für den durchschnittlichen Formel-1-Fan kein Leckerbissen. Doch das Rennen hatte bei genauerem Hinsehen schon früher etwas zu bieten. Sebastian Vettel legte nämlich fast unbemerkt eine ordentliche Aufholjagd hin. Unterschiedliche Strategien verschleierten das ein wenig. Doch dann verlor Vettel plötzlich alles wieder - diesmal machte aber nicht er, sondern das Team die Fehler. Erst bei der Strategie, dann beim Boxenstopp.

Hätte es ohne Fehler vielleicht sogar für den Sieg reichen können? Oder fuhr Lewis Hamilton in einer eigenen Liga? Die letzte Motorsport-Magazin.com-Rennanalyse vor der Sommerpause geht noch einmal ganz tief in den Ungarn GP 2018 hinein.

Eigentlich war das Rennen auf dem Hungaroring schon vor dem Start eine Strategieschlacht zwischen Mercedes und Ferrari. Es ging um die Startreifen. Mercedes wollte es nicht riskieren, am Start Positionen verlieren und setzte Lewis Hamilton und Valtteri Bottas auf Ultrasoft. Ferrari zog Kimi Räikkönen ebenfalls die weichsten Reifen auf, Sebastian Vettel durfte auf Soft losfahren.

Vettel-Plan geht auf: Mit Soft am Start auf Rang drei

Für Vettel ging der Plan voll auf: Trotz der härteren Reifenmischung ging er schon in Kurve zwei am Teamkollegen vorbei. Von da an konnte Vettel Mercedes in Bedrängnis bringen. Zwar nicht auf der Strecke, denn dort konnte er Bottas zwar folgen, aber keinen ernsthaften Angriff starten, aber zumindest auf dem Papier. Die Offset-Strategie setzte Mercedes unter Druck.

Allerdings half Bottas seinem Teamkollegen ganz gehörig. Hamilton konnte sich an der Spitze schnell in riesigen Schritten absetzen. Trotz kurzzeitiger VSC-Phase hatte der WM-Führende nach 14 Runden schon mehr als sechs Sekunden Vorsprung auf Bottas. Vettel war hinter Bottas gefangen.

Dieses Problem löste Ferrari mit einem geschickten Schachzug: Kimi Räikkönen kam in Runde 14 als erster Pilot zum regulären Reifenwechsel. Mercedes zog eine Runde später mit Valtteri Bottas nach, um den Iceman zu covern. Dadurch hatte Vettel erst einmal freie Fahrt.

Und tatsächlich konnte Vettel seinen Rückstand auf Hamilton erst einmal verkleinern. Von zwischenzeitlich knapp neun Sekunden konnte er den Rückstand bis zu Hamiltons Stopp auf unten sieben Sekunden verringern.

Erst in Runde 25 kam Hamilton zu seinem Stopp. Die Ultrasoft-Reifen hielten am Mercedes deutlich besser als erwartet, sonst hätte Vettel auf den Soft-Reifen den Vorsprung auch schneller abknabbern können.

Vettel führt Ungarn GP plötzlich an

Nun hatte Vettel nicht nur freie Fahrt, sondern führte den GP sogar noch an - natürlich noch ohne Boxenstopp. Doch die Soft-Reifen hielten noch eine ganze Weilte. Der viermalige Formel-1-Weltmeister konnte auch zu diesem Zeitpunkt noch schnelle Runden fahren. So schnell, dass Bottas auf seinen deutlich frischeren Soft-Reifen nicht mithalten konnte.

Vettel vergrößerte den Vorsprung auf Bottas Runde um Runde. Nach dem Boxenstopp des Finnen lag Vettel rund 17 Sekunden vor ihm. Ein Boxenstopp kostet rund 20 Sekunden. Nach fünf Runden in freier Fahrt hatte Vettel den Stopp schon herausgefahren. In Runde 34 hatte Vettel gar schon 25 Sekunden Vorsprung auf Bottas.

Der Overcut hat also wunderbar funktioniert, Vettel würde nach seinem Stopp locker wieder vor Bottas auf Rang zwei rauskommen. Doch dann machte Ferrari den ersten Fehler. Statt Vettel reinzuholen, ließ man den WM-Zweiten weiter draußen. Ein Fehler, weil Vettel auf Verkehr auflief.

"Das kann man nicht vorhersehen", verteidigt Vettel sein Team. Doch kaum etwas lässt sich in der Formel 1 besser und einfacher vorhersehen als Verkehr. In drei Runden verlor Vettel rund vier Sekunden im Verkehr. Der einst so komfortable Vorsprung auf Bottas sank auf weniger als 21 Sekunden.

Ferrari verbockt zwei Boxenstopps

Nun war Ferrari alarmiert. In Runde 39 kam Vettel, um von Soft auf Ultrasoft zu wechseln. Allerdings gab es wie schon beim ersten Reifenwechsel von Kimi Räikkönen auch bei Vettel Probleme. Statt etwas mehr als zwei Sekunden stand er 4,22 Sekunden auf seinem Parkplatz. Zusammen mit dem geschmolzenen Vorsprung reichte es für Vettel nicht mehr, vor Bottas rauszukommen.

Runde Fahrer Reifen Alt Reifen Neu Dauer
14 Räikkönen Ultrasoft Soft 5,18
15 Bottas Ultrasoft Soft 2,51
25 Hamilton Ultrasoft Soft 2,72
38 Räikkönen Soft Soft 2,52
39 Vettel Soft Ultrasoft 4,22

Nun muss man sich zwei Fragen stellen. Erstens: Hätte Ferrari Vettel früher reinholen müssen? Der Verkehr war schließlich absehbar. Die Sorge war, dass dann die Ultrasoft-Reifen nicht bis zum Rennende durchhalten würden. Im Nachhinein weiß man, dass sie es geschafft hätten.

Selbst hinter Bottas ruinierte sich Vettel seine Ultrasofts nicht. Der weichste Reifen hielt im Rennen bei extrem heißen Temperaturen deutlich besser als angenommen. Das zeigte Hamilton schon im ersten Stint. "Aber sie rufen uns ja nicht an und erzählen uns, dass der Reifen deutlich besser hält und wir früher kommen können", rechtfertigt Vettel die Ferrari-Strategie. "Und das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du mit frischen Reifen erst vorbeigehst und dann am Ende einbrichst", so Vettel weiter.

Jetzt weiß man: Es wäre wohl besser gewesen, früher zu stoppen. Die zweite Frage lautet: Hätte Ferrari vielleicht sogar noch länger warten sollen, um Vettel zu stoppen? Dann hätte er den Verkehr überwunden gehabt und die Konkurrenz hätte sich damit rumschlagen müssen.

Höchstwahrscheinlich wäre diese Strategie nicht aufgegangen. Als Bottas wieder im kritischen Fenster war, haute er eine persönlich schnellste Runde nach der anderen raus. Plötzlich war der Finne wieder voll bei der Musik. Selbst wenn Vettel wieder die gleichen Rundenzeiten gefahren wäre, die er vor dem Verkehr fuhr, hätte es nicht gereicht. Bottas fuhr in dieser Phase hohe 1:21er-Zeiten, Vettel fuhr zuvor mittlere bis hohe 1:22er-Zeiten.

Als Vettel anschließend nicht direkt wieder an Bottas vorbeikam, ließ er sich erst einmal zurückfallen und hob sich seine Reifen für das Rennende auf. Die Taktik ging auf, letztendlich setzte er sich durch und holte sich den einst schon sichergeglaubten zweiten Platz zurück. Also war der Fehler ohnehin egal?

Hätte Vettel Hamilton jagen können?

Das ist die große Frage. Hätte Vettel, wäre er nach seinem Stopp auf Rang zwei rausgekommen, auch Lewis Hamilton angreifen können? Tatsächlich machte Vettel vor seinem Stopp mit seinen abgefahrenen Soft-Reifen nicht nur auf Bottas Zeit gut, sondern auch auf Hamilton. Rechnet man mit 20 Sekunden für einen Stopp, sank der bereinigte Rückstand von Vettel auf Hamilton auf zeitweise fünf Sekunden.

Allerdings verlor Vettel dann auch schon ohne Verkehr wieder etwas auf Hamilton. Doch trotzdem wäre es noch spannend geworden: Auf den frischen Ultrasoft-Reifen hätte Vettel die Lücke auf Hamilton wohl zufahren können. Die Ferrari-Pace war gut genug dafür. Doch ob es dann am Ende auch noch für ein Überholmanöver gereicht hätte, darf mehr als bezweifelt werden. Am Ende seiner Aufholjagd wären seine Ultrasoft-Reifen schließlich auch nicht mehr in bestem Zustand gewesen.

Das sieht auch Vettel selbst so: "Wir hatten die Pace, das Rennen zu gewinnen - aber nicht von Startplatz vier aus. Mit dem Rückstand wäre es schwierig geworden, Lewis einzuholen. Und dann ist es noch einmal eine ganz andere Geschichte - vor allem hier - zu überholen. Ich glaube, wir hätten ihn ein- aber nicht überholen können."


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