Formel 1

Österreich-Analyse: Darum war Red Bull besser als Mercedes

Red Bull war in Österreich lange das Sorgenkind. Erst im Rennen wurden die Bullen zum Leben erweckt. Wie kann das sein? Die Rennanalyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mit dem Favoriten-Check lagen wir noch nie so weit daneben wie bei diesem jetzt schon legendären Österreich GP 2018. Red Bull hatten wir schlichtweg schon abgeschrieben. Zu unserer Ehrenrettung: Auch Red Bull selbst hatte sich eigentlich schon abgeschrieben. Und dann triumphierte Max Verstappen auf einmal.

Natürlich bedurfte es dazu des ein oder anderen glücklichen Umstandes. Mercedes verpatzte einmal mehr die Strategie phänomenal und nahm sich zusätzlich mit Defekten selbst aus dem Rennen. Aber selbst mit diesen glücklichen Umständen hätten wir wohl noch immer nicht an einen Red-Bull-Sieg geglaubt.

Zu weit waren die Bullen am Freitag und Samstag weg. Normalerweise ist Red Bull am Freitag aus zwei Gründen stark: Zum einen profitiert die Konkurrenz noch nicht vom Qualifikations-Modus, zum anderen stehen die Longruns an. Die Parade-Disziplin der Österreicher. Doch selbst da sah es am Freitag noch alles andere als gut aus.

Red Bull schreibt Sieg schon am Freitag ab

Red Bull hatte vor allem Probleme damit, die Reifen ins Temperaturfenster zu bekommen. Doch auch die gute Wetterprognose wollte Marko am Freitag noch nicht übermäßig optimistisch stimmen: "Dadurch kriegen wir hoffentlich die Reifen besser auf Temperatur, aber so heiß kann es nicht werden, dass alles passt."

Tatsächlich war es am Sonntag deutlich wärmer als am Freitag, vor allem die Asphalttemperatur stieg um bis zu 20 Grad. Und das hatte einen gravierenden Effekt auf das Verhalten der Pneus. Während Pirelli am Freitag noch Graining an den Ultrasoft-Reifen diagnostizierte, bei den beiden anderen Reifenmischungen aber keine Schwierigkeiten feststellen konnte, lief es am Sonntag ganz anders.

Heftiges Blistering am Red Bull von Daniel Ricciardo - Foto: Sutton

Der Ultrasoft war plötzlich der Reifen, der am wenigsten Probleme bereitete. Der Soft-Reifen hingegen hatte gravierende Probleme mit Blistering. Die Lauffläche platzte an vielen Hinterreifen auf. Eine Folge der Temperaturen: Der Ultrasoft-Pneu funktioniert im hohen Temperaturfenster besser, der Soft im etwas kühleren. Deshalb drehte sich das Verhalten um.

Auf den Super- und Ultrasoft-Reifen hatte kein Top-Team zu Rennbeginn Probleme. Als dann aber die Soft-Pneus aufgezogen wurden, trennte sich die Spreu vom Weizen. Weil der Asphalt auf dem Red Bull Ring auch noch nicht alt ist und auch er besonders viel Grip bei wenig Verschleiß liefert, wurde der Soft-Reifen zum Problemfall. Weil er wenig Gummi verlor, stieg bei ihm die Temperatur deutlich über das optimale Arbeitsfenster hinaus.

All diese Faktoren spielten Red Bull in die Karten. Wer am Freitag noch Probleme mit dem Aufwärmen hatte, hatte am Sonntag den Vorteil, die Reifen nicht zu überhitzen. "Dazu haben wir das Setup stark geändert", erklärt Dr. Helmut Marko. "Und wir konnten im Formel-2-Rennen schon sehen, dass einige mit ihren Hinterreifen Probleme hatten und es nicht das einfache Einstopp-Rennen würde, das wir alle erwartet hatten", ergänzt Teamchef Christian Horner.

Ricciardo verliert gegen Verstappen

Doch warum bekam es nur Max Verstappen bei Red Bull mit dem Reifenmanagement hin? Daniel Ricciardos Soft-Pneus gingen deutlich schneller ein, weshalb er einen zusätzlichen Stopp einlegen musste.

Im Gegensatz zur Ricciardo klagte Verstappen vor dem Rennen noch über eine nicht ganz perfekte Balance. Der Australier hingegen war mit der Balance überaus zufrieden, spürte in der Qualifikation nur die Grenzen der Physik. Durch die erhöhten Temperaturen haben sich die Vorzeichen offenbar gedreht.

Und dann gibt es noch einen zweiten Faktor: Nachdem Verstappen nach dem Stopp die virtuelle Führung übernommen hatte, konnte er in frischer Luft fahren. Lewis Hamilton war vorne weit genug weg und gleichzeitig nicht schnell genug, dass Verstappen gleich volle Attacke gehen musste, um die Lücke nicht aufreißen zu lassen.

Ricciardo hingegen befand ich nach dem Stopp im Zweikampf mit Kimi Räikkönen. "Dabei hat er seine Reifen verbraucht", glaubt Teamchef Christian Horner. Tatsächlich: Ricciardo legte mit den frischen Soft-Pneus los wie die Feuerwehr, zahlte aber später den Preis dafür.

"Max hat das fabelhaft gemacht, er hat das Rutschen und auch die Temperatur des linken Hinterreifen perfekt kontrolliert", lobt Horner. Hier ist auch der direkte Vergleich mit Lewis Hamilton interessant: Der Mercedes-Pilot konnte auf seinen frischeren Soft-Reifen erst einmal schneller fahren Verstappen. Allerdings schwankten seine Rundenzeiten extrem, auch weil er im Ferrari-Sandwich zwischen Räikkönen und Vettel lag.

Verstappens Rundenzeiten hingegen waren äußerst konstant, der Niederländer betrieb Reifenmanagement auf allerhöchstem Niveau. Natürlich profitierte Red Bull vom Strategie-Patzer bei Mercedes und konnte so überhaupt erst in Führung gehen, doch sobald alle mit Soft-Reifen unterwegs waren, war Red Bull tatsächlich auch stärker als Mercedes.

Ferrari im Rennen noch schneller als Red Bull

Doch das schnellste Auto im Feld war der Red Bull trotz allem nicht: Am wenigsten Probleme mit den Reifen hatte Ferrari. Das zeigt auch der direkte Vergleich zwischen Verstappen und Vettel auf den Soft-Reifen. Insgesamt nahm Vettel Verstappen zwischen Runde 17 und 71 rund sieben Sekunden ab. Dabei musste er sich aber noch an Lewis Hamilton vorbeizwängen. Und während auch Verstappen am Ende offensichtliche Probleme mit Blistering hatte, sah man am Ferrari keine Anzeichen davon.

Dieses Verhalten ist besonders in Hinblick auf die dünnen Reifen interessant. In Barcelona und Le Castellet kamen die Spezial-Reifen schon zum Einsatz, am kommenden Wochenende in Silverstone kommen sie zum vorerst letzten Mal. "Mit diesem Reifen hätte es die Probleme mit Blistering nicht gegeben", gestand Pirellis Formel-1-Einsatzleiter Mario Isola im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Damit bestätigt sich indirekt die These, die Vettel in Barcelona aufgestellt hatte, später aber doch wieder zrücknahm. Ferrari hat offenbar unter den Top-Teams am wenigsten zu kämpfen, wenn die Reifen zum Problemfall werden.


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