Märchenstunde am Sonntagmorgen: Es waren einmal vier junge Männer. Ihr Beruf war Autorennfahrer. Zwei von ihnen galten als die künftigen Weltmeister. Ein anderer war heilfroh, noch einmal eine Chance zu erhalten. Und dann gab es noch einen, der war sogar schon einmal Weltmeister - doch weil er sich mit jenem Team, das er mitgegründet hatte, zerstritten hat, musste er ein Jahr Pause machen und war heilfroh, bei den Schweizer Zwergen unterzukommen.

Doch als die Saison sieben Rennen alt war, mussten alle Vier mit Entsetzen feststellen, dass sie zu Schattenmännern wurden. Sie wurden Schattenmänner, weil sie im Schatten ihrer Teamkollegen standen. Und nichts fürchteten sie mehr, als das Dunkel dieses Schattens - denn dort hört man auf zu glänzen, wird bleich und matt. Der selektierende Laserblick der mächtigen zehn Entscheidungsträger droht über sie hinweg zu gleiten, denn schon warten wie immer neue Männer auf ihre Chance...

Ende der Märchenstunde - Schwank. Hinüber - in die beinharte Realität: Wer also könnten die vier Schattenmänner sein? Richtig - es handelt sich um Ralf Schumacher, Juan Pablo Montoya, Giancarlo Fisichella und Jacques Villeneuve.

Schattenmann Ralf - bei Toyota alles andere als ein Nr.1-Pilot., Foto: Sutton
Schattenmann Ralf - bei Toyota alles andere als ein Nr.1-Pilot., Foto: Sutton

Schattenmann Ralf Schumacher

Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya ist in den letzten Jahren bei Williams ein Kunststück gelungen: Sie konnten nebeneinander bestehen, ohne den Glanz des Anderen allzu sehr zu beschädigen. Beide erzielten Siege, beide hatten einen hohen Stellenwert im Fahrerlager der Königsklasse. Denn nur wenige betrachteten den Wechsel von Ralf Schumacher zu Toyota als Abstieg. Und wenn man die aktuelle Performance der in Köln stationierten Japaner betrachtet, weiß man auch, warum es kein Abstieg war. Im Gegenteil: Manager Willi Weber wollte oder will mit Ralf Schumacher ein Konstrukt weben, ähnlich jenem in Maranello. Eine siegreiche Verbindung zwischen Team und Fahrer...

Jarno Trulli hat man, so scheint es, eher als Motivations-Karotte für Ralf betrachtet, um diesen anzutreiben. Doch Herr Trulli ist nicht Herr Barrichello. Ganz im Gegenteil. Jarno Trulli ist in dieser Saison so richtig aufgeblüht - Ralf kommt nicht an die Leistungen des Italieners ran. Wer aber etwas Ähnliches wie die Achse Michael Schumacher - Ferrari auf die Beine stellen will, muss seinen Teamkollegen im Griff haben. Die Situation belastet das Nervenkostüm. Und so beschwert sich "Schumi 2" schon mal öffentlich über seinen großen Bruder, weil dieser doch glatt in der letzten Runde versucht hat, ihn zu überholen - und das im gefährlichen Monaco. Und muss sich dann jene Worte aus dem Munde des siebenfachen Weltmeisters anhören, die wirklich weh tun, weil sie alles auf den Punkt bringen: "Ich bin halt ein Vollblutrennfahrer", verteidigte sich Michael - wohl wissend, dass er damit den Umkehrschluss implementiert.

Ralf Schumacher ist der erste unserer Schattenmänner. Er muss sich schleunigst etwas einfallen lassen. Seine Siege sind bald vergessen - es zählt immer nur die aktuelle Performance. Und auch wenn Jarno Trulli stets unterschätzt wurde und unter Experten schon immer ein heißer Tipp war - von Trulli dominiert und derart in den Schatten gestellt zu werden, könnte das Karriere-Ende für Ralf Schumacher zur Folge haben...

Schattenmann Juan Pablo Montoya

Unser zweiter Schattenmann ist Juan Pablo Montoya. Manch einer bezeichnete den Kolumbianer gar als zukünftigen Senna. Sprich: Montoya galt bislang als kommender Superstar. Als er das McLaren-Angebot erhielt, wollte er es scheinbar genau wissen. Dass er aber derart erblassen könnte neben Kimi Räikkönen - das hat Juan Pablo sicher nicht gedacht. Montoya steht jetzt mächtig unter Zugzwang. Denn mittlerweile wissen alle, wie stark der McLaren MP4-20 ist - also sollten zumindest Doppelsiege möglich sein. Doch auch davon ist Montoya meilenweit entfernt. In der Fahrer-WM rangiert er auf Rang 9 - er hat es in diesem Jahr noch kein einziges Mal auf das Siegerpodest geschafft. Wenn es in dieser Art und Weise weitergeht, wird das eine Image-Demontage für Montoya sein, die ihresgleichen sucht. Montoya muss aufschließen, mindestens. Am besten wäre wohl ein Sieg - doch dafür könnte es längst schon zu spät sein. Denn auch wenn die Stallorder verboten ist - McLaren muss auf Räikkönen setzen, will man Alonso einholen. Kein Wunder also, dass auch Montoya gereizt im Fahrerlager anzutreffen ist. Er weiß genau: Die Karriere steht auf des Messers Schneide...

Schattenmann Giancarlo - lässt ihn Briatore bald ohne Räder antreten?, Foto: Sutton
Schattenmann Giancarlo - lässt ihn Briatore bald ohne Räder antreten?, Foto: Sutton

Schattenmann Giancarlo Fisichella

Der dritte Schattenmann heißt Giancarlo Fisichella. Sein Schicksal scheint besonders tragisch zu sein. Die Saison hat so gut für ihn begonnen - er holte den Auftakt-Sieg in Melbourne. Doch dann setzte es Ausfälle und zugleich Seriensiege seines spanischen Teamkollegen. Fisichella saß schon, wie Nick Heidfeld, in einem Jordan - so schlecht stand es bereits um seine Karriere. Er musste froh sein, dass ihn Flavio Briatore gerettet hat. Doch jetzt steht "Fisico" im Schatten von Fernando Alonso - und so, wie man Briatore kennt, wird Fisichella kein leichtes Leben bei Renault haben. Es wäre jammerschade, würde Giancarlo Fisichella nun demontiert werden. Wie sich das anfühlt, können Alex Wurz oder Jarno Trulli ihm erzählen, wenn er es nicht bereits am eigenen Laibe spürt. Die Formel 1 ist knochenhart. Fisichella müsste ebenfalls Siege holen, doch die Umstände sind höchst erschwert. Das Team ist längst im Alonso-Lager zuhause...

Erklärungsbedarf für Jacques - langsam gehen die Argumente aus..., Foto: Sutton
Erklärungsbedarf für Jacques - langsam gehen die Argumente aus..., Foto: Sutton

Schattenmann Jacques Villeneuve

Der letzte der vier Schattenmänner ist Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve. Seine Karriere war fast schon zu Ende. Peter Sauber nützte die Gelegenheit, gab dem Kanadier eine Chance. Doch bislang konnte sie der sympathische JV nicht nützen. Er steht im Schatten von Felipe Massa. Sicherlich gab es Abstimmungsprobleme, sicherlich bräuchte Villeneuve mehr Testfahrten. Doch all diese Argumente haben eine Endzeit. Sie können nicht das ganze Jahr über vorgebracht werden, irgendwann muss Villeneuve der Knopf aufgehen. Das spürt er auch - ihm droht ein unschöner Abschied aus der Königsklasse. Und das jetzt - wo Sauber ganz groß rauskommen könnte. JV steht unter Druck - und die Aktion in Monaco war wenig zuträglich. Jetzt fährt er seinen Heim-GP - wenn er nicht bald sein Auto in den Griff bekommt, könnte es noch vor Saisonende gefährlich für ihn werden.

Und so werden unsere vier Schattenmänner weiterhin versuchen, aus dem Dunkel herauszutreten und ihr Können unter gleißendes Licht zu stellen. Gelingt es ihnen nicht, werden neue Helden ihre Nachfolge antreten. Das Stallduell ist die Messlatte eines Rennfahrers - wer seinem Teamkollegen nicht halbwegs ebenbürtig ist, darf seinen Marktwert beim veritablen Sturzflug beobachten und auf ein Wunder hoffen. Auf ein Wunder, wie es beispielsweise McLaren-Schattenmann David Coulthard bei Red Bull Racing erleben durfte, der nach jahrelangem Schattendasein neben Häkinnen und Räikkönen bei den roten Bullen den erfahrenen Onkel geben darf - und das noch dazu mit großem Erfolg. Doch solche Wunder sind selten. Den Schattenmännern sei also ins Stammbuch geschrieben: Nicht aufgeben, keep racing!