Formel 1 / Hintergrund

Die sieben S - Wenn es Nacht wird in Malaysia...

Sieben Schlüsselfaktoren bestimmen den Ausgang des anstehenden Malaysia GP. Wir werfen wie üblich einen ausgiebigen Blick darauf.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Nur noch wenige Stunden, dann beginnt in Malaysia das laut Werbeslogan "heißeste Rennen der Welt". Doch die sprichwörtliche Hitze darf man getrost nicht nur auf die Temperatur beziehen. Der zweite WM-Lauf des Jahres 2005 bietet noch sehr viel mehr hitzige Situationen!

S wie Startaufstellung

Wer holt die Pole? So lautet die große Frage vor dem zweiten Rennsonntag dieses F1-Jahres. Nach dem ersten vom Wetter nicht beeinträchtigten 1. Qualifying dieser Saison scheinen vier Piloten Chancen auf den Startplatz an der heißen malaysischen Sonne zu haben.

Zum einen selbstverständlich der vorläufige Pole-Mann Fernando Alonso, der eine starke Quali-Runde in den Asphalt brannte. Zum anderen natürlich der Überraschungsmann Jarno Trulli, der zweite Renault-Pilot Giancarlo Fisichella und der Finne Kimi Räikkönen, der aber schon zweieinhalb Zehntel Rückstand auf Alonso vorzuweisen hat.

Alle anderen Piloten sollten unter normalen Bedingungen keine Chance auf die Pole haben: Schließlich werden die Zeiten des zweiten Qualifyings zu ihren heutigen Rundenzeiten hinzuaddiert. Entsprechend könnten nur das launische malaysische Wetter oder Fehler und Probleme der besser platzierten Konkurrenten einen anderen Fahrer noch nach ganz vorne spülen. Da aber die ersten neun Piloten innerhalb einer Sekunde liegen, dürfen durchaus einige Positionswechsel erwartet werden. Denn ein, zwei Zehntel kann man schnell einmal verlieren. Eins Komma fünf Sekunden, wie im Falle von Michael Schumacher, sind hingegen nicht aufzuholen.

Das wissen auch die beiden Renault-Piloten: "Der kleinste Fehler, und wir stehen vielleicht nicht einmal in einer der ersten drei Reihen, so eng, wie es hier zugeht", gibt Giancarlo Fisichella zu bedenken. "Wir müssen eine saubere Runde fahren. Mein Ziel ist es, neben Fernando zu starten und gegen ihn um die Spitze zu kämpfen." Und auch der Spanier betont, dass die Zeitabstände für Sepang nicht nur "minimal", sondern "geradezu winzig" sind. "Aber ich bin überzeugt, dass ich morgen die Pole Position holen werde."

S wie Setup

Da der Sepang International Circuit von schnellen Kurven und Richtungswechseln bis hin zu langsamen Haarnadeln eine breites Spektrum bietet, muss das Auto sehr gut ausbalanciert sein und sowohl beim Bremsen als auch in den langsamen Sektionen sehr stabil bleiben.

Wie wichtig dies ist, zeigte sich bei Renault, die in der Nacht vom Freitag auf Samstag das lästige Übersteuern und nervöse Fahrzeugverhalten behoben und somit am Samstag unangefochten auf die Plätze eins und drei fuhren.

Giancarlo Fisichellas Renningenieur Alan Permance erklärt: "Ähnlich wie in Australien wählen wir auch in Malaysia eine eher harte Federabstimmung für den Renault R25. Da der Asphalt im Vergleich zu Melbourne aber sehr eben ist und die Kerbs eher niedrig sind, müssen wir in der allgemeinen Steifigkeit des Wagens deutlich weniger Kompromisse eingehen."

Und während Saubers Technischer Direktor Willy Rampf "den höchsten Abtrieb, den wir angesichts der neuen Regeln herausholen können" fordert, sieht Permane die Abtriebswerte von Malaysia auf einem ähnlichen Niveau wie jene des Saisonauftaktrennens in Melbourne. "Also mittel bis hoch, um die optimale Abstimmung für die langen schnellen Kurven und die zahlreichen Bremsmanöver zu finden."

Zwischen dem idealen Setup und dem tatsächlichen Renn-Setup können jedoch große Unterschiede bestehen. "Unter Umständen müssen wir die Abtriebswerte etwas reduzieren, um unseren Gegnern das Überholen zu erschweren", so Fisichellas Renningenieur. "Erfreulicherweise überzeugte der Renault R25 in Melbourne mit äußerst konkurrenzfähigen Höchstgeschwindigkeiten, so dass wir in diesem Punkt keine allzu großen Kompromisse eingehen müssen."

S wie Schonen

Sehr wohl müssen die Teams bei den Motoren Kompromisse eingehen. Denn diese müssen an diesem Wochenende alles zum zweiten Mal mitmachen: Das zweite Freitagstraining, das zweite erste Qualifying und natürlich auch den zweiten Rennsonntag.

Abgesehen von der großen Hitze und Luftfeuchtigkeit sieht Fabrice Lom, seines Zeichens Motorentechniker von Giancarlo Fisichella, aber keine großen Herausforderungen. "Vom Streckenlayout her werden die V10-Triebwerke in Sepang nicht übermäßig hart gefordert. Mit nur 57 Prozent Vollgasanteil während einer Runde liegt der Kurs deutlich unter dem Durchschnitt", so der Renault-Motorenmann. "Zudem gibt es keine ausgesprochen langsamen Kurven, in denen die Drehzahl extrem abfällt. Das Drehzahlniveau bewegt sich überall im normalen Arbeitsfenster."

Die Gefahr für die Motoren bestehe eher darin, dass sie öfters mit nur "teilweise geöffneten Drosselklappen bei hohen Drehzahlen" laufen, vor allem in den Kurven 5 und 6. "Wenn wir dieses Phänomen nicht besonders behandeln, kann es zum so genannten "Blow by" kommen. Dabei entweicht der Verbrennungsdruck an den Kolbenringen vorbei und entlang des Kolbenhemdes in die Kurbelkammer, was zu Schäden an Kolben und Kolbenringen führen kann."

Neben den Triebwerken heißt es seit dem 1. Qualifikationstraining natürlich auch wieder sorgsam mit den Reifen umzugehen, welche in Malaysia wieder einmal entscheidend sein werden. Und auch hier sieht man sich bei Renault im Vorteil: "Der Renault R25 scheint sehr schonend mit seinen Reifen umzugehen. Dazu trägt auch Giancarlos sanfter Fahrstil bei", betont Permane. "Allerdings ist es noch früh in der Saison, und wir hatten bislang noch keine Gelegenheit, längere Distanzen bei hohen Asphalttemperaturen zu absolvieren."

Dank des Rundengeizes hat sich dies auch vor dem Rennen am Sonntag noch nicht geändert. "Das Rennen in Australien hat uns eins gezeigt: Wenn wir Kompromisse eingehen müssen, ist es auf jeden Fall besser, das Auto leicht untersteuernd abzustimmen, anstatt den Frontflügel steil einzustellen und dadurch gegen Ende des Rennens ein übersteuerndes Fahrverhalten zu riskieren. Wir versuchen immer, die ohnehin stärker belasteten Hinterreifen so weit wie möglich zu schonen. Umso mehr, da sich unkontrolliertes Übersteuern in Sepang noch stärker in der Rundenzeit bemerkbar macht als in Australien."

S wie Strategie

Für die enttäuschten Teams von Sauber und Ferrari ist eine "gute Strategie" für den Rennsonntag die letzte Hoffnung auf ein gutes Abschneiden beim anstehenden zweiten Saisonrennen.

Dabei bauen vor allem die Italiener darauf, dass ihr F2004 M vor allem auf Long Runs "konkurrenzfähig" ist, während er auf einer schnellen Runde nicht mit den Rivalen mithalten kann. "Insofern dürfen wir morgen für das Rennen optimistischer sein als für das zweite Qualifying", sagt Michael Schumacher voraus. "Da muss man realistisch sein, da werden wir kaum Plätze gut machen können."

"Aber das Rennen ist schließlich das, was zählt, und da waren unsere Reifen gestern sehr gut, weil sehr konstant. Daher glaube ich schon, dass wir in die Punkte fahren können. Vielleicht ist sogar mehr drin und wir schaffen es aufs Podium? Auf jeden Fall werden sowohl Rubens als auch ich versuchen, uns so weit wie möglich nach vorn zu arbeiten." Helfen soll dabei eine gute Strategie, die wohl bei allen Teams zwei Boxenstopps sehen wird.

S wie Schlüsselstellen

Laut Marc Surer muss der Vordermann auf dieser Strecke "immer" mit einer "Attacke" rechnen. "Sepang ist ein Kurs, der alles hat, was das Herz begehrt: Schnelle Kurven, enge Kurven und mehrfache Überholmöglichkeiten, die nicht nur durch Ausbremsen, sondern auch durch das Wählen einer anderen Linie entstehen."

Diese Streckencharakteristiken eines der breitesten GP-Kurse möchte sich auch Michael Schumacher auf seiner zu erwartenden Aufholjagd zu Nutze machen. "Dass wir auf den Geraden einen guten Speed haben, könnte uns helfen, zumal man hier in Sepang auf jeden Fall mehr Überholmöglichkeiten haben dürfte als zuletzt in Melbourne", stimmt der Ferrari-Star dem Schweizer Experten zu.

S wie Start

Besonders spannend wird der Start in das 56 Runden andauernde Rennen. Denn dieser hatte es bislang fast in jedem Jahr in sich. Verantwortlich dafür sind die ersten beiden Kurven, die schlicht Turn 1 und Turn 2 getauft wurden.

Während die Piloten nach dem Erlöschen der roten Ampeln mit über 300 km/h auf die erste Rechtsbiegung des Kurses zurasen, müssen sie für die 1. Kurve auf etwa 95 km/h abbremsen und danach gleich die folgende links-rechts-Kombination meistern. Ein Garant für Feindkontakt und Startunfälle.

So geschehen im Jahre 2002 als Michael Schumacher und Juan Pablo Montoya nach dem Start kollidierten. Und auch ein Jahr später gerieten hier die heutigen Toyota-Teamkollegen Ralf Schumacher und Jarno Trulli aneinander. Besonders schwierig wird es für jene Top-Piloten, die weiter hinten im dichten Feld feststecken und so vielleicht zwangsläufig in eine Kollision verwickelt werden.

Wie wichtig ein guter Start sein kann, bewies David Coulthard vor zwei Wochen in Melbourne, als er sich am zu vorsichtig agierenden Mark Webber vorbeibugsierte und somit in der Folge nicht mehr überholt werden konnte und den Grundstein für seine starke Platzierung legte.

S wie Spannung

Vor dem zweiten Saisonlauf des Jahres scheint also alles für einen packenden Grand Prix gerichtet zu sein. Halten die Motoren durch? Wie kommen die Reifen mit der extremen Hitze zurecht? Sind die Fahrer fit genug für den Härtetest Sepang? Wer macht die wenigsten Fehler und kann auf dem Tilke-Kurs auch ohne Boxenstopps überholt werden?

Dies sind nur einige der vielen offenen Fragen vor dem Rennstart, in einen laut einhelliger Experten- und Verantwortlichen-Meinung "spannenden" Grand Prix. "Das Rennen ist lang, und die äußeren Bedingungen machen es sehr anstrengend", gibt Michael Schumacher zu bedenken, "also mal schauen, was wir rausholen können."


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