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Formel 1 / Kolumne

Ellen Lohr: Stallregie ist Kasperletheater - Ellen Lohr

Ellen Lohr kann die Kritik an Sebastian Vettel nicht verstehen. In ihrer Kolumne nimmt sie Stellung zur heißen Diskussion.
von Ellen Lohr

Motorsport-Magazin.com - Was ist der Unterschied zwischen Truck Racing und Formel 1? Bei den LKW geht es um Motorsport, die Formel 1 entwickelt sich sportlich zum Kasperletheater.

Unser dreifacher Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel wird zur Zeit von der Presse, seinem Team und seinem Teamkollegen fertig gemacht, weil er eine Stallorder missachtet hat und Kollege Webber trotz anderslautender Anweisung der Teamleitung bei Red Bull Racing im letzten Drittel des Rennens überholt hat, um sich seinen ersten Sieg der Saison zu holen. Direkt nach dem Rennen entschuldigte sich Vettel, nach meinem Gefühl nicht nur ausreichend, sondern über alle Maßen, bei Webber und dem Team.

Und? Ging es Ihnen auch so, dass Sie sich gefragt haben, wofür sich Seb nun eigentlich entschuldigt, und warum sich stattdessen nach dem Rennen nicht die Teamleitung von Red Bull non Racing bei uns, den Zuschauern, entschuldigt hat, dass sie beim zweiten (!!) von 19 Rennen bereits eine solche Teamorder und damit Verfälschung des Rennergebnisses anordnet?

Bei den LKW geht es um Motorsport, die Formel 1 entwickelt sich sportlich zum Kasperletheater.
Ellen Lohr

Angeblich war alles ungerecht, glaubt man Webber. Die Order kam, Reifen zu schonen und Sprit zu sparen. Das hätte er getan, deshalb war er zum Überhol-Zeitpunkt langsamer als Vettel. Glauben Sie mir, ein Formel-1-Fahrer tickt auch nicht anders als jeder x-beliebige Rennfahrer. Wenn Webber zum Zeitpunkt von Vettels Überholmanöver wahrhaft in der Lage gewesen wäre, genauso schnell wie Vettel zu fahren, dann wäre der Abstand im Ziel nicht so groß gewesen.

Schon zum Zeitpunkt seines kameratauglichen Stinkefingers gegen den Teamkollegen konnte der ihn im Rückspiegel fast nicht mehr sehen. Vettel mit anderer Strategie unterwegs hatte sich das Rennen klug eingeteilt und dann eben auch gewonnen. Darüberhinaus war das harte Überholmanöver das einzige echte Highlight des Rennens.

Red Bull non Racing hat sich mit diesem Manöver und mit der anschließenden Kritik an Vettel als Diktatur geoutet. Das ist nicht mehr das sympathische Team, das einst als erste den Fahrern einen eigenen Style erlaubte; das einen Vettel wählte, der bekannt dafür war, nicht nur stromlinienförmige Antworten zu geben, sondern auch mal "frei nach Schnauze" zu reden.

Kampf zwischen Vettel und Webber: Echtes Racing!? - Foto: Sutton

Wie demütigend ist das denn bitte schön, einen dreifachen Weltmeister mit einer Stallorder gleich zu Beginn der Saison zu gängeln (schaut man den Verlauf der letzten WM an, als er am Ende mit drei Punkten Vorsprung gewann, ihm also vielleicht sogar den neuerlichen WM Titel zu vergeigen)? Ihn zwingt, sich in aller Öffentlichkeit zu entschuldigen und dann damit noch nicht zufrieden ist, sondern ebenfalls in aller Öffentlichkeit, darauf hinweist, dass das noch ein Nachspiel haben werde.

"Herr Mateschitz war nicht erfreut." Warum eigentlich, Herr Mateschiz? Warum ist man nicht erfreut, wenn man einen Doppelsieg feiert und man spannenden Motorsport geboten hat? Könnten Sie bitte mal ihre Teamleitung einbremsen, die anfängt, Fahrer wie 'Material' zu behandeln. Dafür waren in der Vergangenheit andere Teams bekannt, nicht Ihres. Oder soll das das neue Red Bull Image sein? Wir tun nur so, als ob wir Sport betreiben?

Eine wirklich unreflektierte Rolle spielt in meinen Augen auch die nicht Motorsport-Presse, oder wie soll man die durchgehend negativen Schlagzeilen zum Thema sehen? Teamorder ist kein Sport, Teamorder ist das Vorgaukeln von Sport! Ein gewisses nervöses Augenflattern bei der Red-Bull-Führungsriege kann man ja sogar verstehen, schließlich waren sich Webber und Vettel auch in der Vergangenheit nicht immer einig, was die Vorfahrt auf der Strecke anging.

Sebastian ist ein Gewinner, das hat er oft genug bewiesen und nur solche Fahrer werden Weltmeister.
Ellen Lohr

Wenn es aber tatsächlich in den Augen der Verantwortlichen notwendig ist, am Beginn der Saison eine Stallorder auszugeben, dann ist Webber einfach der falsche Teamkollege für Vettel. Sebastian ist ein Gewinner, das hat er oft genug bewiesen und nur solche Fahrer werden Weltmeister. Webber hat noch keinen WM-Titel. Oder?!

Leider, leider haben an diesem Malaysia-Wochenende aber auch andere Teams solch eine Teamorder durchgezogen. So durfte Rosberg nicht an Hamilton ran. Hier gelten dieselben Parameter wie bei Red Bull. Was soll das? Wenn ihr glaubt, dass eure Fahrer euch blamieren, indem sie sich gegenseitig rauskicken, dann wählt andere Fahrer. Ihr habt diese Fahrer-Teams gebildet, nun lasst sie einfach ihren Job machen.

Es gibt eh nur noch ganz wenige siegfähige Teams in der Formel 1, wenn jetzt auch noch die teaminternen Duelle vom Kommandostand aus entschieden werden, dann zieht wieder das in die Formel 1 ein, was wir in der Vergangenheit schon zu oft erleben mussten: Langeweile.

Deshalb macht endlich wieder Motorsport und keine Politik auf Rädern! Oder schaut mal beim Truck Racing zu, dann könnt ihr sehen, wie das mit der Spannung funktioniert...

Ellen Lohr hat als bislang einzige Frau ein DTM-Rennen gewonnen, in der Tourenwagenserie aber auch Stallregie selbst erleben müssen. Heute fährt sie in der Truck-EM, von der Sie in ihrer Kolumne und ihrem Video-Blog auf Motorsport-Magazin.com berichtet. Diese Kolumne erscheint auch in der aktuellen Ausgabe von "Der Möbelspediteur".

Eure Ellen Lohr


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