Aus Strategie-Sicht war der Belgien Grand Prix eines der interessantesten Rennen er Saison. Die vier Top-Piloten nutzten vier verschiedene Strategien. Ein Großteil der Trainings wurde bei nassen Bedingungen gefahren, also hatte niemand genügend Reifendaten und deswegen war der Renntag eine Reise ins Unbekannte, sowohl für Fahrer als auch für Strategen. Wie lang würde der weiche Reifen halten? Wie viel langsamer als der weiche Reifen würde der mittlere Reifen sein?

Die Reifen spielten wieder eine Hauptrolle, Foto: Sutton
Die Reifen spielten wieder eine Hauptrolle, Foto: Sutton

Da die meisten Fahrer in Q3 bis zu sechs Runden fuhren, war nach dem Qualifying immerhin bekannt, dass die weichen Vorderreifen Blasen warfen, auch mit wenig Benzin. Das bedeutete, einige Fahrer, darunter die zwei Red-Bull-Piloten, mussten kurz nach dem Start einen Boxenstopp einlegen, um ihre beschädigten Qualifying-Gummis loszuwerden. Wie sie das schafften und welche Entscheidungen sie danach für das weitere Rennen trafen, entschied das Endergebnis und es ist interessant, sich etwas genauer anzusehen, was passiert ist.

Vettel: Risiko, Möglichkeit und Belohnung

Sebastian Vettel startete von Pole, verlor kurz die Führung an Nico Rosberg und holte sie sich dann wieder zurück. Es war eine gute Entscheidung, schon in Runde fünf zu stoppen. Es ist nie einfach, einen so frühen Stopp einzulegen, wenn man davonzieht, aber die Reifen hatten nicht mehr viel Lebensdauer übrig, nachdem sie im Qualifying schon sechs Runden und im Rennen dann fünf Runden im Einsatz waren. Indem er in Runde fünf hereinkam und sich auf Platz sieben wieder einreihte, nur zehn Sekunden hinter dem Führenden, konnte Vettel auf frischen Reifen angreifen, während seine gesamten Konkurrenten immer noch auf ihren alten Qualifying-Walzen unterwegs waren. Seine Pace in diesem Stint von sieben Runden ebnete ihm den Weg zum Sieg.

Der frühe erste Stopp zahlte sich aus, Foto: Sutton
Der frühe erste Stopp zahlte sich aus, Foto: Sutton

Denn dadurch verschaffte er sich effektiv einen Gratis-Stopp, als das Safety Car in Runde 13 herauskam, denn sein Vorsprung war bis dahin groß genug, dass er an die Box kommen konnte und stoppbereinigt nur einen Platz an Fernando Alonso verlor. Von da an konnte er das Rennen managen, er verteilte die verbleibenden 20 Runden auf zwei beinahe gleich lange Stints auf weichen und schließlich mittleren Reifen. Als er in Runde 30 den Medium-Reifen abholte, hatte das Team schon viele Daten von Mark Webbers Auto, da der Australier einen Großteil des Rennens damit gefahren war. Vettels Strategie drehte sich also vor allem darum, zunächst mit dem Risiko zu leben, dann mutig zu sein und früh zu stoppen, später die Möglichkeit des Safety Cars zu nutzen und von da an hatte er die passende Position und konnte die Reifen managen.

Machte Ferrari einen Fehler, als man Alonso beim Safety Car nicht hereinholte?

Nein. Fernando Alonso war die meiste Zeit des Rennens an Vettel dran, landete schließlich aber nur auf Platz vier. Viele Fans hatten den Eindruck, die Strategie von Ferrari wäre fehlerhaft, aber das war sie nicht. Sie haben die richtige Entscheidung getroffen, ihn beim Safety Car draußen zu lassen, da er damit vor dem Red Bull blieb. Das brachte Ferrari und Alonso eine Chance auf den Sieg. Obwohl Alonso Reifen hatte, die fünf Runden älter waren als jene von Vettel, war er ohne Stopp besser dran, denn a) Ferraris Reifenverschleiß war niedrig und b) hätte ihn ein Stopp unter dem Safety Car hinter Webber zurückfallen lassen.

Ferrari machte bei Fernando Alonso fast alles richtig, Foto: Sutton
Ferrari machte bei Fernando Alonso fast alles richtig, Foto: Sutton

Weil Webber auf Medium-Reifen war und damit beim Restart langsamer als Alonso, hätte das dazu geführt, dass der Spanier vor dem letzten Boxenstopp noch weiter hinter Vettel gelegen hätte. Das Einzige, was Ferrari hätte anders machen können, wäre ein kürzerer Stint auf dem mittleren Reifen gewesen, da Jenson Button dadurch weniger Gelegenheit gehabt hätte, die Lücke zu schließen. Aber man versuchte, einen Stopp weniger zu machen als Vettel und Alonso brauchte wohl frischen Gummi, als er nach 21 Runden auf den weichen Reifen die Mediums abholte. Diese Saison wird man durch die Pirellis in Fenster gezwängt, in denen man die Reifen wechseln muss, weil sie einfach nachlassen.

Alonsos Rundenzeiten blieben auf dem Medium-Reifen konstant, es ist also Diskussionssache, ob die zusätzlichen Runden auf dem mittleren Reifen ihm den Platz an Button kosteten, wahrscheinlich hätte er ihn ohnehin verloren. Wie auch immer die Entscheidung von Ferrari beim Safety Car ausgesehen hätte, Alonso hätte so oder so gegen Webber verloren, entweder indem er beim Safety Car hinter ihn zurückgefallen wäre und dann nicht den Geschwindigkeitsvorteil gehabt hätte, um wieder vorbeizukommen oder indem er es eben so gemacht hätte, wie er es tat.

Den langsameren Medium-Reifen richtig genutzt

Auf dem Weg ins Rennen lieferte die Blasenbildung auf den Vorderreifen viel Gesprächsstoff, da es ein Risiko für einen Reifenschaden gab, wenn die Gummis an einem schweren Auto mit viel Benzin zu lange angetrieben worden wären. Webber hatte eindeutig den Eindruck, er könnte mit dem weichen Reifen nicht konkurrenzfähig sein und entschied sich, hauptsächlich den Medium zu fahren, was seiner Spitzen-Pace vielleicht schadete, ihm aber Platz zwei einbrachte.

Es wurde intensiv gekämpft, Foto: Sutton
Es wurde intensiv gekämpft, Foto: Sutton

Viele Teams schienen zuversichtlich zu sein, dass sie mit dem zweiten Reifensatz die Blasenbildung im Griff haben würden, sobald der erste, weiche Satz einmal aus dem Weg war. Sie hatten nicht viele Informationen darüber, wie der Reifen sich in Spa verhalten würde, wobei sie generell sehr viel über den Reifen wissen, da sie ihn dieses Jahr schon oft im Einsatz hatten. Zudem wollten die Meisten den mittleren Reifen einfach deswegen nicht einsetzen, weil sie glaubten, er würde rund 1,5 Sekunden langsamer sein als der weiche.

Jene Teams, die sich nicht in den Top-10 qualifiziert hatten, konnten im Qualifying die Slicks gar nicht einsetzen und hatten keine Ahnung, wie das mit der Blasenbildung an ihren Autos aussehen würde. Dazu ist es wichtig, festzuhalten, dass Blasenbildung der Rundenzeit nicht unbedingt schadet, das ist nicht wie mit dem Reifenabbau. Das Problem sind Vibrationen und wenn man die Gummis zu sehr antreibt, besteht letztendlich das Risiko eines Reifenschadens.

Michael Schumacher und Button fuhren die gleiche Dreistopp-Strategie; ein kurzer Anfangs-Stint, um den langsameren Medium-Reifen weg zu haben, dann ein früher Stopp und der Rest des Rennens auf drei Vollgas-Stints mit weichen Reifen aufgeteilt. Beide Fahrer starteten nicht in ihren gewohnten Positionen; Schumacher nach dem Unfall im Qualifying als 24. und Button als 13., weil eine Fehlkommunikation ihn an den Boxen sitzen ließ, als die Strecke in Q2 am schnellsten war.

Michael Schumacher machte am meisten Plätze gut, Foto: Sutton
Michael Schumacher machte am meisten Plätze gut, Foto: Sutton

Beide kämpften sich stark durch das Feld, dabei nutzten sie ihre Strategie und auch ihre eigene Pace. Button wurde Dritter und Schumacher Fünfter, vor seinem Teamkollegen Rosberg, der sich als Fünfter qualifiziert hatte. Als die beiden Mercedes zu ihrem letzten Stopp in Runde 30/31 kamen, lag Schumacher nur fünf Sekunden hinter Rosberg, entscheidend war aber, dass er auf neuen, weichen Reifen war, während Rosberg den langsameren Medium fuhr.

Das wäre ohne das Safety Car in Runde 13 nicht möglich gewesen, da Schumacher zu dem Zeitpunkt 20 Sekunden hinter der Spitze lag und Button sogar 21. Das Safety Car eliminierte diesen Abstand und machte das Comeback möglich. Aber auch die Strecke erlaubt so etwas; Spa ist nicht nur eine gute Strecke zum Überholen, sondern Überholen auf der Kemmel-Gerade ist mit dem verstellbaren Heckflügel DRS, einem schnellen Auto und neuen Reifen relativ einfach. Laut UBS Strategy Report wurde das alles für die Strategien von Button und Schumacher berücksichtigt.

Vor allem wie sich Button nach dem Safety Car Neustart durch das Feld pflügte, war beeindruckend. Er überholte Sergio Perez, Vitaly Petrov, Adrian Sutil, Felipe Massa und Rosberg, bevor er die Lücke zum Spitzentrio wettmachte. Doch das war nur ein Trostpreis; er glaubte, er hatte das Auto, um in Spa um die Pole und den Rennsieg mitzufahren, doch der Fehler im Qualifying kostete ihm diese Chance und Vettel hatte im Rennen einen Rivalen weniger. Und dieses Rennen war eine echte Gelegenheit für Button, Vettel zu schlagen, wenn er neben ihm in Reihe eins gestanden hätte, denn es gab so viele Variationen bei der Strategie.