Der DTM-Saisonauftakt in Portimao war eine brutal enge Angelegenheit im Starterfeld der 29 Autos. Die wichtigsten Kennzahlen: Am Samstag und am Sonntag lagen die Top-21 in den Qualifyings innerhalb von acht Zehntelsekunden auf dem 4,653 Kilometer langen Kurs - knapper geht es kaum.

Im Samstagsrennen belegten Autos vier unterschiedlicher Marken Plätze auf den vorderen fünf Positionen - am Sonntag waren es mit Audi, Ferrari, Lamborghini, BMW und Mercedes-AMG sogar fünf. In dieser Hinsicht war man sich im Fahrerlager größtenteils einig: Für Chancengleichheit ist unter der Balance of Performance in der DTM 2022 gesorgt.

DTM Portimao: Bester Porsche auf Platz fünf

Mit einer Ausnahme: Porsche. Die drei 911 GT3 R von SSR Performance und dem KÜS Team Bernhard taten sich auf dem portugiesischen Grand-Prix-Kurs wortwörtlich schwer im Vergleich zur Konkurrenz.

Das beste Ergebnis am Wochenende für Porsche erzielte SSR-Pilot Dennis Olsen mit dem fünften Platz am Samstag - nach einer Aufholjagd von P19. Teamkollege Laurens Vanthoor überquerte die Ziellinie beim Auftakt als Achter, hatte das Rennen aber vom 26. Startplatz aufnehmen müssen. Porsche-Werksfahrer Thomas Preining im Bernhard-911er ging in beiden Rennen (P13 und Ausfall) leer aus.

So schlug sich Porsche in Portimao

FahrerQ1R1Q2R2
Laurens VanthoorP26P8P11P7
Dennis OlsenP19P5P16P11
Thomas PreiningP20P13P21DNF

SSR-Kritik: Keine Chance auf bessere Platzierung

DTM-Dienstleister AVL RACETECH aus Österreich änderte die Balance of Performance im Verlauf des Wochenendes mehrfach ab, um den knifflig einzustufenden Porsche mit seinem Boxer-Motor auf das Niveau der anderen Marken zu heben. Dass dies keine einfache Aufgabe werden würde, auch wegen der Grundleistung des Sportwagens, darüber hatten wir schon im Vorfeld der Saison ausführlich berichtet.

Porsche-Kundenteam SRR Performance, 2020 Champion und 2021 Vize-Meister im ADAC GT Masters, fand im Nachgang des DTM-Saisonauftaktes deutliche Worte und machte medial Druck. "Voller Vorfreude sind wir nach Portimao gereist. Leider wurde uns hinsichtlich einer nicht fair eingestuften BoP jegliche Chance auf eine bessere Platzierung genommen. Ich sehe hier dringenden Handlungsbedarf für die nächsten Veranstaltungen", wurde SSR-Eigentümer Stefan Schlund in einer Pressemitteilung des Teams zitiert.

SSR-Teamchef Mario Schuhbauer hatte sich am Sonntag kurz nach Rennende im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com eine größere Konkurrenzfähigkeit für das kommende Rennwochenende auf dem Lausitzring in knapp drei Wochen gewünscht. In der Team-Mitteilung am Montagmittag legte er nach: "Das ganze Team hat sehr hart gearbeitet, leider hatten wir jedoch keine Chancen auf eine bessere Platzierung, da die Einstufung im starken Feld nicht gestimmt hat."

DTM Portimao: Highlights, Zusammenfassung zum Sonntags-Rennen: (03:32 Min.)

DTM: So änderte sich die BoP in Portimao

Da sich die DTM nach vorangegangener Medien-Kritik entschieden hat, die Balance of Performance ab dieser Saison vor und während eines Rennwochenendes öffentlich zugänglich zu machen, ließ sich der Änderungsverlauf in Portimao eindeutig nachvollziehen.

Im Vergleich zur BoP vor dem 1. Training war der Porsche vor dem zweiten Rennen 25 Kilogramm leichter (1.275 kg). Vergleichsweise wurden bei Lamborghini (1.335 kg) 30 Kilo zugeladen. Auch Mercedes (+25 kg, 1.350 kg), Ferrari (+20 kg, 1.345 kg) und Audi (+5 kg, 1.330 kg) legten nach. Nur beim neuen BMW M4 GT3 (1.325 kg) gab es keinerlei Anpassungen. Neben Porsche war BMW die einzige Marke, der in Portimao kein Podesterfolg gelang. Während des Wochenendes wurde die BoP zweimal nachgeschärft.

Dazu muss man wissen: Der Porsche 911 GT3 R verfügt nach DTM-Standard über ein Mindestgewicht von 1.275 Kilogramm. Demnach war es nicht möglich, weiteren Ballast aus dem 911er zu entfernen. Stattdessen erhielten die anderen Marken zusätzliche Kilos ins Auto, um ein vergleichbares Level zu erreichen.

Es ist weiterhin möglich, die Leistung anhand von Änderungen der Restriktor-Größe bzw. des Ladedrucks vorzunehmen - das sei laut Rennsport-Ingenieuren jedoch deutlich kniffliger, vor allem innerhalb einer kurzen Zeitspanne während eines laufenden Rennwochenendes und mit einem eingeschränkten Daten-Pool.

Vanthoor: "Ein Schock für uns alle"

Besonders den Porsche 911 GT3 R als Neueinsteiger ins etablierte DTM-Feld einzustufen, gilt als große Herausforderung. Nicht zuletzt, weil alle Hersteller traditionell ihr Bestes taten, das tatsächliche Performance-Potenzial zu verschleiern. Das galt für die BoP-Runs bei den Testfahrten in Hockenheim und setzte sich bis in die Portimao-Trainings fort.

Porsche-Werksfahrer Vanthoor sprach mit Blick auf die Performance im ersten Qualifying von einem "Schock für uns alle. Im Rennen haben wir uns zurückgekämpft". Die Gewichts-Reduzierung um 25 Kilo beim Porsche erfolgte nach dem Zeittraining und vor dem wenige Stunden später folgenden Samstags-Rennen beim DTM-Debüt in Portimao. Teamkollege Olsen forderte später: "Es ist ziemlich klar, dass sich für die kommenden Events etwas ändern muss. Wir sind im Moment nicht wettbewerbsfähig, aber wir werden weiter hart arbeiten."

Die beiden SSR-Porsche von #94 Dennis Olsen und #92 Laurens Vanthoor -
Die beiden SSR-Porsche von #94 Dennis Olsen und #92 Laurens Vanthoor -Foto: DTM

DTM-Boss Berger über BoP-Versteckspiele

DTM-Boss Gerhard Berger, der die Balance of Performance unter dem GT3-Reglement als notwendiges Übel betrachtet, attestierte dem BoP-Dienstleister AVL mit Blick auf das größtenteils ausgeglichene Feld eine hervorragende Arbeit, räumte in einer Medienrunde am Sonntagvormittag aber gleichzeitig ein: "Am Samstag war es beim Porsche noch nicht ideal."

Zu den Versteckspielen der Hersteller und Teams sagte Berger: "Fakt ist, dass die bei den Tests überhaupt keine Karten auf den Tisch legen. Das wissen wir aber und AVL hat das auf dem Radar. Wir müssen die BoP vielleicht in Zukunft so gestalten, dass die Daten auf den Tisch kommen. Das muss eigentlich im Interesse aller Teilnehmer sein."

Dass die Teams in der DTM - und in so ziemlich jeder anderen GT3-Rennserie auf der Welt auch - ihre Spielchen treiben in der Hoffnung auf eine bessere BoP-Einstufung, wollte Berger allerdings nicht verurteilen: "Jeder kann machen, was er für richtig hält. Das ist Competition und wir verlangen von denen auch, dass wir ein Haifischbecken werden, dass die Ellbogen ausgefahren werden und dass Sport am Limit betrieben wird. Dann kannst du nicht sagen: 'Wir sind Freunde, wir müssen offen sein'."