Die DTM steht 2022 vor ihrer zweiten Saison unter dem GT3-Reglement. Trotz aller Euphorie über ein voraussichtlich attraktives Starterfeld bleibt ein Kritikpunkt ständiger Begleiter: Nicht wenige Motorsport-Fans zweifeln in den sozialen Medien an, ob die Rennserie ob ihrer Historie mit den neuen GT3-Autos weiterhin als DTM bezeichnet werden 'darf'. "Das hat doch nix mehr mit DTM zu tun!", liest man häufiger auf Facebook und Co.

Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt für die Rennserie, die bei ihrer Premiere als 'Deutsche Produktionswagen-Meisterschaft' (1984-1985) und danach zehn Jahre lang als 'Deutsche Tourenwagen Meisterschaft' bekannt war? Nicht zu vergessen: Beim Comeback 2000 wurde sie in 'Deutsche Tourenwagen Masters' umbenannt und wird seit 2005 nur noch unter dem eingetragenen Kürzel 'DTM' geführt.

DTM mit GT3-Autos nicht mehr DTM?

"Man sollte aufpassen, wenn man sagt, dass die DTM nicht mehr die DTM sei", meinte Manuel Reuter im Video-Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Das Entscheidende ist, dass die Teams und Fahrer ein Sportgerät haben, mit dem sie auf Augenhöhe Sport betreiben können. Und danach sieht es aus. Nach meiner Rechnung gibt es 15 Fahrer-Auto-Kombinationen, die titelfähig sind. Das hat es jahrelang schon nicht mehr gegeben."

Reuter, der dieses Jahr als Sportdirektor des Lamborghini-Teams GRT in die DTM zurückkehrt, darf dabei durchaus als Zeitzeuge bezeichnet werden. Der heute 60-Jährige ging zwischen 1985 und 2005 quasi bei sämtlichen Ären der DTM an den Start und gewann 1996 auf einem Opel Calibra die ITC-Meisterschaft, die aus der DTM hervorgegangen war. Mit 200 DTM/ITC-Rennen hat Reuter die siebtmeisten aller Fahrer in der Geschichte der Traditionsserie bestritten, in der stets das heute immer weniger genutzte Konzept des 'Ein Fahrer, ein Auto' galt.

DTM-Ikone Manuel Reuter: Das Comeback-Interview: (29:56 Min.)

Reuter: "Es gab immer andere Sportgeräte in der DTM"

Reuter: "Viele sagen, die DTM sei nicht mehr die DTM, nur, weil GT3-Autos an den Start gehen. Wenn man sich aber mal die Historie anschaut, sieht man, dass es immer andere Sportgeräte gab. Das waren zwar mal andere Tourenwagen, aber schon damals gab es eine Balance of Performance. Ich habe 1987 in Salzburg den Titel verloren, weil ich über 300 Kilo im Auto hatte, um einen Ausgleich zu schaffen gegen die BMW-Junioren mit ihren M3, die 200 PS weniger hatten."

Die Einstufung der Fahrzeuge hörte damals zwar noch nicht auf den heute bekannten Namen 'BoP', doch sogenannte Platzierungsgewichte zogen sich durch die Jahrzehnte der DTM. So auch in den 90er-Jahren, als die Hersteller sündhaft teure Prototypen mit Formel-1-Technik auf Basis von Serienkarossen an den Start brachten. Man erinnere sich nur an Reuters Cliff-Calibra, für dessen Entwicklung und Einsatz Opel einst rund 140 Millionen D-Mark investiert haben soll!

170 Millionen D-Mark für ein DTM-Auto

Die heute unvorstellbar hohen Kosten in dreistelliger Millionenhöhe waren einem zweijährigen (1995 und 1996) Wettrüsten der Hersteller Alfa Romeo, Mercedes und Opel geschuldet, die bei der Entwicklung ihrer Hightech-Autos in neue Dimensionen vorstießen. Die allradgetriebenen Tourenwagen wurden deshalb immer komplizierter: elektronisch gesteuerte Differenziale, halbautomatische Getriebe, pneumatische Ventile, ABS und ASR gehörten zum Standard der Tourenwagen. Der vollautomatische Mercedes wurde als elektronisches Wunderwerk bezeichnet.

Kein Wunder war allerdings, dass die Kostenexplosion, bei Alfa Romeo wurden nach Motorsport-Magazin.com-Informationen aus ITR-Kreisen sogar 170 Millionen D-Mark ausgegeben, zum schnellen Aus führte. So verschwand die vom Automobil-Weltverband FIA ausgeschriebenen International Touringcar Championship (ITC) Ende 1996 wieder von der Bildfläche.

"Auch in den 90er-Jahren gab es Platzierungsgewichte", bestätigte Reuter. "Als wir am Nürburgring um die Meisterschaft gefahren sind, hatte ich über 50 Kilo Erfolgsballast im Auto. Und heute weint man schon, wenn man fünf Kilogramm mehr bekommt. Es ist also alles relativ."

Wunderwerke der Technik: DTM/ITC in den 90er-Jahren -
Wunderwerke der Technik: DTM/ITC in den 90er-Jahren -Foto: Opel

Reuter revidiert Kritik an DTM

Reuter zählte zu Beginn der Idee, die DTM nach den Werksausstiegen von Audi und BMW mit GT3-Fahrzeugen fortzuführen, zu den Kritikern. Zusammen mit dem ADAC GT Masters zwei GT3-Serien in Deutschland zu betreiben, hielt der gebürtige Mainzer damals für "tödlich". Doch nach der Saison 2021, in der die DTM ein Starterfeld mit 19 Autos präsentieren konnte und das GT Masters weiterhin rund 30 Boliden im Grid hatte, änderte Reuter seine Meinung.

"Dieser Weg ist der richtige", sagte der Wahl-Österreicher mit Blick auf die DTM. "Man kommt wieder dahin, dass Teams sich ein Auto kaufen können. Damit haben sie eine gute Basis und können um die Meisterschaft fahren. Dafür stand und steht die DTM. Wenn es so wird, wie es sich abzeichnet, dann sehen wir wieder ganz tollen Sport auf sehr hohem Niveau. Wenn man sich das Interesse der letzten Wochen anschaut, muss man sagen, dass das eine brutale Saison wird."

Reuter: "DTM wird ein Gemetzel!"

Rund 25 Fahrzeuge von mindestens sechs unterschiedlichen Herstellern werden in der DTM-Saison 2022 an den Start gehen. Zahlen, die ansatzweise an die Gründerjahre der Serie erinnern, als zu Zeiten der 'Klassenlosen Gesellschaft' teilweise mehr als 40 Tourenwagen jeglicher Bauweise von privat geführten Teams eingesetzt wurden - bis die Hersteller auf den Geschmack kamen und steigende Kosten für eine deutliche Reduzierung der Starterzahlen sorgten.

Reuter: "Gerhard Berger hat wirklich gekämpft und sich um jedes Auto bemüht. Das ganze Thema scheint jetzt Früchte zu tragen. Die Fans wissen im positiven Sinne noch gar nicht, was da auf sie zukommt. Das wird wie in den 90ern, das wird ein Gemetzel!"

Die technische Evolution der DTM

JahrDTM-Ära
1984-1987 DTM 1.0: Klassenlose Gesellschaft
1988-1992 DTM 2.0: Die Hersteller kommen
1993-1994 DTM 3.0: Klasse 1 mit 2,5-Liter-Motor und 6-Zylinder
1995-1996 DTM 4.0: Hightech-Ära & Internationalisierung
2000-2003 DTM 5.0: 4-Liter-V8, Coupes beim Comeback
2004-2011 DTM 6.0: 4-Türer-Limousinen am Start
2012-2018 DTM 7.0: Einheitsbauteile in den Coupes
2019-2020 DTM 8.0: Kurze Turbo-Ära der Class 1
seit 2021 DTM 9.0: GT3-Reglement als Basis