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DTM - SSR-Porsche-Chef Schlund: Ammermüller wird es nicht

Exklusiv-Interview: SSR-Performance-Geschäftsführer Stefan Schlund zum DTM-Einstieg mit Porsche, Fahrerwahl, Werksunterstützung und Balance of Performance.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Es ist ein durchaus historisches Ereignis: 2022 wird zum ersten Mal in der über 30-jährigen Geschichte der DTM der Porsche 911 als permanenter Starter antreten. Für den Coup verantwortlich ist das Team SSR Performance, das nach dem diesjährigen Gaststart auf dem Nürburgring sogar zwei Porsche 911 GT3 R eingeschrieben hat.

Das Team, das 2020 (Michael Ammermüller/Christian Engelhart) bei seinem Debüt im ADAC GT Masters auf Anhieb die Fahrer- und Teammeisterschaft errang und 2021 (Ammermüller/Mathieu Jaminet) nur haarscharf an der Titelverteidigung vorbeischrammte, sucht nun nach einer neuen Herausforderung im GT3-Sport. Im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com äußert sich Stefan Schlund, Geschäftsführer der in München ansässigen SSR Performance GmbH, ausführlich zum DTM-Engagement.

Wie kam es zu der Entscheidung von SSR Performance, aus dem ADAC GT Masters in die DTM zu wechseln?
Stefan Schlund: Es gab schon länger den Gedanken, diesen Schritt zu gehen. Vor dem GT-Masters-Event in Hockenheim haben wir erste konkrete Gespräche geführt, sowohl intern als auch mit der ITR und Sponsoren. Zu diesem Zeitpunkt war eine Entscheidung aber keinesfalls gefallen. Letztendlich war ausschlaggebend, dass wir nach zwei Jahren im GT Masters für keine Überraschung mehr hätten sorgen können - allenfalls in negativer Hinsicht.

Spielten noch andere Gründe eine Rolle?
Stefan Schlund: Wir haben in den beiden Jahren im GT Masters mit dem Titelgewinn und der Vize-Meisterschaft alles gezeigt. In 28 Starts waren wir im Durchschnitt und Verhältnis das erfolgreichste Team in der Geschichte des ADAC GT Masters, vor Callaway Competition und Land Motorsport. Wir haben sieben Rennen gewonnen, elf Podien erzielt und sind viermal von der Pole Position gestartet. Im Durchschnitt haben wir also jedes vierte Rennen gewonnen. Es gibt kein anderes Team in dieser Rennserie mit solch einem Schnitt. Deshalb hätte ein drittes Jahr im GT Masters aus unserer Sicht keinen Sinn gemacht.

Welche Erwartungen haben Sie bezüglich Ihres Teams in der DTM?
Stefan Schlund: Wir wollen uns der neuen Herausforderung stellen - so wie auch beim Einstieg in das GT Masters. Unser Team wird personell aufgestockt, weil die Ansprüche, vor allem durch die Boxenstopps größer sind.

Mittendrin in der DTM: Der Porsche 911 GT3 R - Foto: DTM

Das Thema BoP und der Boxermotor im Porsche werden auch 2022 eine wichtige Rolle spielen. Was erwarten Sie von den Verantwortlichen?
Stefan Schlund: Wir wissen, dass es nur mit Gewichtserleichterungen auf der einen und anderen Rennstrecke nicht reicht. Da wären wir trotz der Reduzierung des Gewichts wohl chancenlos. Das haben wir den Verantwortlichen gegenüber auch klar zum Ausdruck gebracht. Wir sehen uns nämlich nicht als Feldfüller, sondern setzen vielmehr auf das Vertrauen in die Arbeit der ITR und AVL. Man hat uns einen fairen Wettbewerb und eine faire BoP zugesagt.

In der ersten Saison der GT3-DTM haben die einzelnen Hersteller bezüglich der BoP Einfluss genommen. Wie sieht das bei Porsche aus?
Stefan Schlund: Die BoP für unser Auto wird in Absprache mit der AVL und Porsche festgelegt.

Top-3 im GT Masters 2021: Stefan Schlund mit Christian Land und Bald-DTM-Rivale Gottfried Grasser - Foto: ADAC GT Masters

Nach der öffentlichen Kritik, die Sie nach dem DTM-Gaststart auf dem Nürburgring an der GT3-Rennserie geäußert haben, waren viele Szenekenner überrascht, als am Montag dieser Woche das Engagement Ihres Teams in der DTM 2022 mit zwei Porsche 911 GT3 R öffentlich kommuniziert wurde. Wie kam es dazu?
Stefan Schlund: Ich bin als Mensch offener Worte bekannt. Zu der sachlichen Kritik, die ich damals geäußert habe, stehe ich auch heute noch, aber nicht zu der Kritik, die vor allem von einem Medium verbreitet wurde und nicht der Wahrheit entsprach.

Was hat Ihnen denn insbesondere bei dem Gaststart nicht gefallen?
Stefan Schlund: Wir sind am Nürburgring zweimal an den Start gegangen, aber nachweislich unverschuldet nicht ins Ziel gekommen. Wie soll ich so etwas denn Partnern und Sponsoren verkaufen?

Sie sprechen die Kollisionen an, gab es aus Ihrer Sicht noch weiteren Ärger?
Stefan Schlund: Ja, in der Tat. Wir wissen, was unser Fahrer Michael Ammermüller - gerade am Nürburgring - zu leisten imstande ist. Der viertletzte Platz im ersten Qualifying am Samstag und mehr als 0,9 Sekunden Rückstand auf den Polesetter sind sicher nicht unser Anspruch und entsprach auch nicht der Performance, zu der unser Porsche bei richtiger Einstufung (Balance of Performance, d. Red.) in der Lage ist.

Abgeschossen: SSR beim DTM-Gaststart auf dem Nürburgring - Foto: LAT Images

Wie sieht es mit einer möglichen Unterstützung von Porsche Motorsport aus?
Stefan Schlund: Ich sage es klipp und klar: Der Start von SSR Performance in der DTM ist ein reiner Kundensporteinsatz. Wir sind kein Werksteam und es ist kein Werkseinsatz.

Apropos Werksfahrer: Sie haben noch keine Piloten für die beiden Porsche mit den Startnummern #92 und #94 benannt. Michael Ammermüller hat beim Gaststart auf dem Nürburgring das eigene Können gezeigt sowie das Potenzial des SSR-Porsche angedeutet...
Stefan Schlund: Wir haben mit Michi Ammermüller jeweils Einjahresverträge abgeschlossen und sind mit seinen bisher gezeigten Leistungen sehr zufrieden. Er hat mit uns in den vergangenen beiden Jahren herausragende Erfolge gefeiert, wofür wir dankbar sind. Trotzdem wird er in keinem unserer beiden DTM-Porsche sitzen.

Wie bitte, das passt doch nicht zusammen, oder?
Stefan Schlund: Wir wissen, dass er in den Medien als DTM-Pilot spekuliert wird und haben ihm unsere Entscheidung bereits mitgeteilt. Das heißt aber nicht, dass wir ihm kein anderes Programm anbieten können. Ich spreche aktuell lediglich davon, dass er in keiner Meisterschaft für SSR im Jahr 2022 fahren wird.

SSR-Erfolgsduo 2021 im GT Masters: Ammermüller und Jaminet - Foto: ADAC GT Masters

Sie sprechen ein mögliches weiteres Programm an, in dem auch Michael Ammermüller eine Rolle spielen könnte. Was ist damit gemeint?
Stefan Schlund: Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, an Langstreckenrennen teilzunehmen. Dazu bräuchten wir aber ein drittes Auto und Termine, die sich nicht mit unserem DTM-Engagement überschneiden.

Welchen Status hat Michael Ammermüller in Ihrem Team?
Stefan Schlund: Michi Ammermüller war in den vergangenen zwei Jahren SSR-Fahrer und kein Porsche-Werkspilot. Demzufolge ist er an keinen gebunden.

Wie beurteilen Sie seine Leistung im Vergleich zu einem Porsche-Werksfahrer wie Mathieu Jaminet, der heuer ja in ihrem Team gefahren ist?
Stefan Schlund: Michi hat die Pace eines Werksfahrers!

Wer steuert die beiden 911er von SSR in der DTM 2022? - Foto: DTM

Wenn wir Ihre Aussagen richtig deuten, rechnen Sie offenbar mit zwei Werksfahrern, die Ihnen Porsche für die DTM zur Verfügung stellt?
Stefan Schlund: Wenn man sich anschaut, welche Werkfahrer vor allem von Audi, BMW, Lamborghini und Mercedes-AMG in dieser Saison zum Einsatz kamen, können Sie gerne Ihren Spekulationen freien Lauf lassen.

Was sind die nächsten Schritte von SSR in der Vorbereitung auf die neue Herausforderung DTM?
Stefan Schlund: Noch vor dem Jahreswechsel sollte die Personalpolitik abgeschlossen sein.

Würden Sie sich über ein weiteres Porsche-Team in der DTM freuen? Das könnte doch sicher auch ihrem Team einiges erleichtern, wie die abgelaufene Saison bei der zukünftigen Konkurrenz gezeigt hat.
Stefan Schlund: Wir schauen nur auf uns und nicht auf andere. Für uns war wichtig, ein zweites Auto an den Start zu bringen. Das macht vor allem wegen der Teamwertung Sinn.