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DTM, Fall Monza: HRT-Team legt Berufung ein, Folgen unabsehbar

Das Haupt Racing Team (HRT) legt Berufung gegen die vier Disqualifikationen von Vincent Abril beim DTM-Auftakt 2021 in Monza ein, Ausgang ungewiss.
von Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Das war zu erwarten und Motorsport-Magazin.com hatte auf das nun folgende Worst-Case-Szenario bereits hingewiesen. Das Haupt Racing Team (HRT) hat gegen die Entscheidung der Sportkommissare am vergangenen Freitag auf dem Lausitzring, Vincent Abril aus allen vier Wertungen zu nehmen, fristgerecht Berufung eingelegt.

Das hat das Team des früheren DTM-Piloten Hubert Haupt am Rande des 24h-Rennens in Spa-Francorchamps gegenüber Motorsport-Magazin.com bestätigt. Damit wird der „Fall Monza“ zu einer echten Hängepartie, wie sie es in der DTM-Geschichte nachweislich noch nie gegeben hat! Man stelle sich vor, dass gleich vier Ergebnisse, nämlich Qualifying 1, Rennen 1, Qualifying 2 und Rennen 2 auch fast sechs Wochen nach dem Event noch immer nicht finalisiert sind – und ein Ende dieser peinlichen Posse demzufolge auch noch nicht in Sicht ist!

Neun plus 25 = 34 Tage bis zum ersten Urteil!

Was ist eigentlich passiert? Nach dem ersten Qualifying am 19. Juni in Monza wurde aus dem Mercedes-AMG GT3 (#5) des Pole-Setters Vincent Abril Kraftstoff für eine obligatorische Probe entnommen – ein völlig normaler Vorgang bei einer Rennveranstaltung.

Nicht normal ist allerdings, dass erst neun Tage (!) später (28. Juni) öffentlich kommuniziert wurde, dass das aus dem HRT-GT3 (#5) entnommene Benzin nicht mit der in Monza hinterlegten Referenzprobe des ausgegebenen Kraftstoffs übereinstimmte. Diese Tatsache hätte eine Analyse in einem Referenzlabor ergeben.

Der Technische Delegierte Sebastian Amorth erklärte dazu in einem Dokument: "Die Referenzprobe wurde am Freitagmorgen von Wolfgang Dammert (DEKRA) aus dem Tankwagen in Monza genommen. Er war auch derjenige, der die Proben an das DEKRA-Labor übergeben hat, welches durch die FIA und den DMSB zertifiziert ist. Ich habe die Ergebnisse der Benzinanalyse erhalten und unverzüglich an den Sportkommissar Robert Magin gesendet."

Warum das HRT-Team aber erst 25 Tage später zu einer Anhörung in dieser Angelegenheit geladen wurde, ist völlig schleierhaft. Juristen sprechen von einem fahrlässigen Handeln der Verantwortlichen, weil dadurch völlig unnötig viel Zeit verstrichen ist, ohne dass irgendetwas unternommen wurde.

Abril aus allen Wertungen genommen!

Die Quittung hat das vom AvD beauftragte Personal nun bekommen, nämlich in Form einer Berufung, mit der – wenn man sich in diesem Geschäft auskennt – gerechnet werden musste. Interessant ist in diesem Zusammenhang zudem die Tatsache, dass Abril für alle Sitzungen (Q1, R1, Q2, R2) aus der Wertung genommen wurde, obwohl Kraftstoff nur nach dem ersten Qualifying aus dem GT3-Sportwagen (#5) von Abril entnommen wurde. Auf die durchaus wichtige Frage, warum Abril aus allen Wertungen genommen worden ist, wartet Motorsport-Magazin.com bis heute auf eine Antwort.

Im entsprechenden Artikel des Reglements heißt es: "Nur der vom Serienausschreiber/Promoter für die betreffenden Veranstaltungen vorgeschriebene Serienkraftstoff darf verwendet werden. Zu keinem Zeitpunkt der Veranstaltung darf sich nach der Technischen Abnahme ein anderer als der vorgeschriebene Kraftstoff in einem von der Technischen Abnahme abgenommenen Fahrzeug befinden. (...) Verändern des vorgeschriebenen Kraftstoffes ist verboten. So dürfen zum Beispiel keinerlei Substanzen hinzugefügt, entfernt oder in ihrer Konzentration verändert werden. Jegliches Vermischen mit anderen Kraftstoffen ist verboten; auch dann, wenn dieser bei einer der vorausgegangenen Veranstaltungen zugewiesen wurde."

Fakt ist wohl aus Sicht der Regelhüter: Der entnommene Kraftstoff entspricht nicht dem Reglement. Wenn dem tatsächlich so ist, stellt sich allerdings die Frage, warum die Sportkommissare fast acht Stunden (DTM-Rekord!) gebraucht haben, diese Feststellung zu treffen, dem betroffenen Team mitzuteilen und öffentlich zu kommunizieren. Vergleichbare Fälle in der Vergangenheit beweisen nämlich etwas ganz anderes!

Folgen der Entscheidung unabsehbar!

Wenn das HRT-Team, das nach Informationen von Motorsport-Magazin.com, juristisch vertreten wird, im Nachhinein rehabilitiert werden müsste, sind die daraus resultierenden Folgen unabsehbar! Es wäre in der DTM-Historie seit 1984 nicht der erste Fall, der letztendlich und nachweislich so endet.

Sollte es so kommen, droht der DTM nämlich Ungemach, weil dann auch jedes andere Team die Möglichkeit hätte, diese Entscheidung zu seinen Gunsten anzufechten und damit möglicherweise auch zu nutzen. Betroffen sind dann nicht nur die bisher vergebenen Punkte an alle Fahrer und Teams für die Plätze eins bis drei im Qualifying sowie die Ränge eins bis zehn der Rennen in Monza und der Lausitz, sondern auch die zugeteilten Gewichte, die je nach Erfolg oder Misserfolg vergeben oder revidiert werden.

Dabei ist interessant, dass die durchaus wichtigen Gewichtsangaben nicht, wie es früher praktiziert wurde, von der DTM-Dachorganisation ITR zur Verfügung gestellt, sondern aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund verheimlicht werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

Urteil erst am Nürburgring?

Wie geht es jetzt weiter? Das HRT-Team hat nun sieben Tage Zeit, die eingelegte Berufung schriftlich zu begründen. Theoretisch wäre es möglich, dass die Sportkommissare, wie schon am Lausitzring geschehen, am Tag vor dem ersten Qualifying (Freitag, 6. August) im belgischen Zolder, den "Fall Monza" nach dann sieben Wochen (!) Warteschleife endlich abschließen. Garantiert ist das aber keineswegs!

Vielleicht trifft man sich dann erneut beim nächsten Event auf dem Nürburgring, denn das sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich erwähnt, haben auch andere Teams die Möglichkeit gegen die Entscheidung der HRT-Berufung Einspruch einzulegen. All das hätten die Sportkommissare auf dem Radar haben müssen, als sie ohne Not nach Monza fünf Wochen nutzlos verstreichen ließen.


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