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Sophia Flörsch fuhr Audi-Leihmotor: Nachteil beim DTM-Debüt?

Sophia Flörsch musste bei ihrer DTM-Premiere mit einem Audi-Leihmotor fahren. Ein Nachteil für die Abt-Pilotin? Außerdem: W-Series-Kritik sorgt für Wirbel.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - "Ich hatte etwas größere Erwartungen", lautete Sophia Flörschs Fazit nach ihrem ersten Rennwochenende in der DTM. Die Abt-Audi-Pilotin beendete beide Läufe beim Saisonauftakt in Monza auf dem 16. Platz. Vorausgegangen waren an beiden Tagen 19. und damit letzte Startplätze für die DTM-Neueinsteigerin.

Was erst im Nachhinein herauskam: Flörsch ging in Monza nach Informationen von Motorsport-Magazin.com mit einem Leihmotor an den Start, nachdem ein technisches Problem am Motor von Flörschs Audi R8 LMS GT3 bei einem vorangegangenen Privattest in Monza aufgetreten war.

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com soll Flörsch beim nächsten DTM-Rennwochenende auf dem Lausitzring (23.-25. Juli 2021) mit einem revidierten Aggregat an den Start gehen. "Am Auto müssen wir noch etwas arbeiten, aber wir haben gute Fortschritte gemacht", merkte die 20-Jährige nach ihrer DTM-Premiere auf dem italienischen Highspeed-Kurs an.

Topspeeds: Flörsch langsamste Abt-Pilotin

Hatte Flörsch, die wie Timo Glock (ROWE-BMW) und Gary Paffett respektive Ersatzmann Maxi Buhk (Mücke-Mercedes) mit einem Space-Drive-Auto antritt, durch den Leihmotor einen Nachteil? Ein genauer Blick auf die Topspeed-Werte gibt zumindest einen Hinweis, denn: Im Vergleich zu ihren Abt-Teamkollegen Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller war die Münchnerin fast durchweg langsamer unterwegs.

Mit Ausnahme des Sonntagsrennens, als Start/Ziel-Sieger Kelvin van der Linde mangels Windschatten den geringsten Topspeed (270,00 km/h) aller 19 Piloten erreichte, war Flörsch die langsamste Audi-Pilotin auf der Start/Ziel-Geraden, an deren Ende die Höchstgeschwindigkeit gemessen wird. Dabei spielt natürlich auch das optimale Herausbeschleunigen aus der letzten Kurve, der Parabolica, eine Rolle.

Sophia Flörsch startet im #99 Audi R8 LMS GT3 von Abt Sportsline - Foto: DTM

Auffällig: Sowohl im Rennen 1 am Samstag als auch im Qualifying 2 am Sonntag hatte Flörsch exakt 3,49 km/h Rückstand auf den jeweils schnellsten Abt-Teamkollegen. Im Samstagsrennen erreichte Rockenfeller den Bestwert des Teams mit 276,21 km/h, am Sonntag fuhr van der Linde mit dem exakt gleichen Topspeed zu seiner ersten Pole Position in der DTM.

Ein ähnliches Phänomen war auch im Qualifying 1 am Samstag sowie im Rennen 2 am Sonntag zu beobachten, als Flörsch jeweils fast exakt 2,8 km/h Rückstand zu Rockenfellers teamintern erzielter Höchstgeschwindigkeit in den beiden Sessions aufwies. Der DTM-Champion von 2013 errang im Sonntagsrennen mit 277,63 km/h den Höchstwert, während in beiden Qualifyings sowie im Rennen am Samstag bei den Äbten jeweils genau 276,21 km/h der Topspeed waren.

DTM Monza 2021: Abt Sportsline im Topspeed-Vergleich

Fahrer Topspeed (km/h) Session
Rockenfeller 277,63 Rennen 2
Rockenfeller 276,21 Qualifying 1
Rockenfeller 276,21 Rennen 1
Van der Linde 276,21 Qualifying 2
Van der Linde 275,51 Rennen 1
Flörsch 274,80 Rennen 2
Van der Linde 274,11 Qualifying 1
Rockenfeller 274,11 Qualifying 2
Flörsch 273,41 Qualifying 1
Flörsch 272,72 Rennen 1
Flörsch 272,72 Qualifying 2
Van der Linde 270,00 Rennen 2

Flörsch: Luft nach oben, aber auch positive Ansätze

Da der Audi ohnehin nicht als das Topspeed-Monster unter den GT3-Fahrzeugen gilt, tat sich auch Flörsch teilweise schwer gegen die Konkurrenz auf dem 5,793 Kilometer langen Fomel-1-Kurs, wo traditionell mit möglichst wenig Abtrieb gefahren wird. "Wenn der BMW vor dir ist, steht er gefühlt in den Kurven, ist auf der Geraden dann aber sehr schnell", stellte Flörsch nach ihrem rundenlangen Duell gegen Timo Glock am Samstag fest.

Zwar beendete Flörsch das Rennen einen Platz vor dem früheren Formel-1-Piloten, doch beim Topspeed sah sie kein Land gegen Glock. Mit seinem BMW M6 GT3 fuhr der ROWE-Pilot am Samstag einen persönlichen Topspeed von 278,35 km/h, während Flörsch mit ihrem Audi R8 (272,72 km/h) ganze 5,63 km/h langsamer war. Mit einem früheren Boxenstopp als erst in Runde 23 und damit als Vorletzte im Feld, wäre womöglich ein besseres Rennergebnis drin gewesen, räumte auch Flörschs Ingenieurin Laura Müller gegenüber Motorsport-Magazin.com ein.

"Ich bin noch nicht da, wo ich sein will", zog Flörsch ein erstes DTM-Fazit. "Es ist aber wichtig, Erfahrungen zu sammeln." Was auch dem Team positiv auffiel: Beim komplexen Umgang mit den Michelin-Reifen gehörte Flörsch auf Anhieb zu den Piloten im Mittelfeld. Denn in beiden Rennen gelang es ihr, innerhalb von nur einer bzw. zwei Runden nach der wichtigen Outlap (Runde nach dem Boxenstopp) ihre persönliche Bestzeit zu erzielen. Kein einfaches Unterfangen auf den nicht vorgeheizten Slick-Reifen, wie die Rundenzeiten einiger anderer Piloten in Monza beweisen.

DTM Monza: Topspeed-Vergleich aller Marken (Top-10)

Pos. Fahrer Marke Topspeed (km/h) Session
1 Glock BMW 282,72 Qualifying 2
2 Albon Ferrari 281,25 Rennen 1
3 Wittmann BMW 281,25 Rennen 1
4 Buhk Mercedes 280,51 Rennen 1
5 Muth Lamborghini 279,79 Rennen 1
6 Müller Audi 279,79 Rennen 1
7 Wittmann BMW 279,06 Rennen 2
8 Lawson Ferrari 279,06 Rennen 1
9 Auer Mercedes 279,06 Rennen 1
10 Juncadella Mercedes 279,06 Rennen 1

W Series: Twitter-Wirbel um Sophia Flörsch

Mit Blick auf die reinen Ergebnisse hat Flörsch in der DTM sicherlich und erwartungsgemäß noch einige Luft nach oben. Das wurde der Nachwuchspilotin am vergangenen Wochenende auch noch einmal in aller Deutlichkeit von Motorsport-Fans in den sozialen Medien vorgehalten, als es auf Twitter ordentlich Wirbel rund um ihre erneut geäußerte Kritik an der Frauen-Formelserie W Series gab.

In einem inzwischen gelöschten Tweet, der zahlreiche und vor allem kritische Reaktionen von Usern hervorrief, hieß es in einem Eintrag auf dem offiziellen Profil von Flörsch, der sich auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung über die W Series bezog: "Die Siegerin gestern ist 28 Jahre alt. Das Durchschnittsalter auf dem Podium? Keine Chance, gegen Männer in höheren Klassen anzutreten. Und am Ende 15 Superlizenz-Punkte - wofür? Und alle Zuschauer sehen Frauen, die einfach zu langsam sind. Das ist der einzige Beweis, den die W Series liefert. Falscher Weg!"

Neben der angesprochenen Rennsiegerin Alice Powell ("Das Alter ist nur eine Zahl. Darf ich als 28-Jährige nicht mehr gewinnen?") aus Großbritannien, äußerte sich auch der frühere Kommunikationschef der W Series und heutige, höchst erfahrene PR-Leiter des Formel-1-Teams von Aston Martin, Matt Bishop, der direkt an Flörsch schrieb: "Ich bin erfahren genug, um dich darauf hinzuweisen, dass deine zweijährige Anti-Kampagne gegen die W Series beginnt, deiner Reputation im Sport zu schaden."


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