Motorsport-Magzain.com Plus
DTM

DTM-Spektakel? Fahrer klagen über DRS-Öde

Mit DRS und Push-to-Pass sollen die DTM-Piloten leichter überholen können. Doch das Gegenteil ist der Fall. Marco Wittmann und Co. sprechen Klartext.
von Daniel Geradtz

Motorsport-Magazin.com - "DRS-Train" ist das neue Modewort im Fahrerlager der DTM. Mit dem Begriff ist die Fahrzeugschlange gemeint, die sich in den Rennen der Saison 2020 meistens auf den Verfolgerpositionen bildet. Während das DRS an der Spitze die gewünschte Wirkung erzielt und Überholmanöver ermöglicht, sind die Vorteile des Klappflügels im Mittelfeld nicht mehr so groß wie in der Vergangenheit.

Die Folge ist, dass sich das Feld zusammenschiebt. Am Sonntag erlebte die DTM auf dem Lausitzring das knappste Finish in ihrer über 30-jährigen Geschichte. Die Top-10 waren nur durch 4,2 Sekunden getrennt.

"Wir mussten im zweiten Stint pushen, um die Lücke nach vorne zu schließen, aber dann ist nicht mehr viel passiert", sagte Marco Wittmann nach dem Lausitzring-Rennen am Sonntag. "DRS ist gut für die Show und für die Führenden. Aber du kannst klar sehen, dass dahinter nicht viel passiert. Es ist schön anzusehen, dass alle dicht zusammen sind. Das ist gut für den Kampf um Position eins. Aber im Mittelfeld geht nicht viel", berichtete der Neuntplatzierte.

Mehrere Regeländerungen führen zu diesem Bild, das typisch für das Jahr 2020 ist. Die wichtigste: Der DRS-Einsatz ist nicht mehr an den Rückstand zum Vordermann gekoppelt. Dieselbe Änderung wurde für das Push-to-Pass-System eingeführt. Noch im vergangenen Jahr musste sich ein Pilot innerhalb eines drei-Sekunden-Fensters zum Vordermann befinden, um die beiden Überholhilfen nutzen zu dürfen. Lediglich in der Schlussphase entfiel dieses Zeitfenster.

Setzt in diesem Jahr ein Fahrer das DRS im Rennen ein, kann sich der vor ihm Platzierte mit DRS verteidigen. So kann ein Zug aus mehreren Fahrzeugen entstehen, in dem niemand einen Vorteil hat. Hinzu kommt, dass das DRS in diesem Jahr häufiger verwendet werden darf als in der Vergangenheit, nämlich bis zu drei Mal in der Hälfte der zu erwartenden Runden. 2019 waren lediglich in zwölf Runden jeweils maximal drei Aktivierungen erlaubt.

Audi-Veteran Mike Rockenfeller hielt sich nach dem ersten Wochenende auf dem Lausitzring nicht zurück mit seiner Kritik. "Mit den großartigen neuen Regeln ist das Racing sehr langweilig. Jeder nutzt es, um sich zu verteidigen. Wie wir gesehen haben, ist es sehr schwer, zu überholen. Du musst vorne starten, sonst wird es in der DTM schwierig", sagte der ehemalige Champion.

Lediglich der Führende darf die beiden Systeme nicht verwenden. Der Vorteil der Verfolger kommt damit hauptsächlich bei Duellen um die Spitze zum Tragen. Für den Rest des Feldes stellen DRS und Push-to-Pass eher ein Zeit- statt eines Überhol-Tools dar.

DTM 2020 Lausitzring, Rennen 2: Zusammenfassung und Highlights: (04:00 Min.)

BMW-Werksfahrer Philipp Eng ist von der Regelanpassung nicht begeistert. "In meinen Augen macht es das Racing nur für die ersten Beiden besser", sagte der Österreicher. "Wenn ich die Regeln ändern könnte, würde ich zu einem Ein- oder Zwei-Sekunden-Fenster zurückkehren. Dadurch würde das Racing hinter den ersten beiden plötzlich viel spannender werden."

Rene Rast, der das zweite Rennen des vergangenen Wochenendes auf dem sechsten Platz beendete, verdeutlichte, wie sehr sich einzelne Überholmanöver auf ein gutes Ergebnis auswirken können. Am Vortag fuhr er noch den Sieg ein. "Es ist schwer zu überholen, da die Autos vor dir auch die Hilfen nutzen. Wenn ich Jamie überholt hätte, hätten wir auch eine Chance auf den Sieg gehabt. Wir waren viel schneller als wir herankamen, weil wir frischere Reifen hatten."

Den Vorteil neuer Reifen spielte Phoenix-Teamchef Ernst Moser herunter. Er machte in der Lausitz auch die Pneus von Hankook für die Überholflaute verantwortlich. "Die Reifenabnutzung ist so gering. Bei warmen Bedingungen kannst du auch mit diesen Regeln überholen. Dann hat derjenige mit den neuen Reifen einen Vorteil und der andere kann sich mit DRS verteidigen."

Müssen die Piloten deswegen mehr Risiko im Qualifying eingehen, um sich eine bessere Ausgangslage zu verschaffen? "Das würde ich nicht sagen", meinte BMW-Fahrer Sheldon van der Linde. "Ich bekomme gute Runden zusammen, darin war ich im vergangenen Jahr schon gut. Das Qualifying und die Trackposition sind sehr wichtig. Sonst bist du im DRS-Train, wie wir es nennen, und dann ist es sehr schwierig, nach vorne zu kommen."

Der zweifache DTM-Champion Wittmann wollte die Hoffnung zumindest nicht ganz aufgeben: "Am Lausitzring ist das Überholen immer schwer. In Hockenheim oder auf Strecken, auf denen der Reifenverschleiß etwas höher ist, sollte es leichter sein. Generell wird es aber die ganze Saison so bleiben, dass Kämpfe um den Sieg gibt, man aber im Mittelfeld nicht viele Überholmanöver sieht."


Weitere Inhalte:
Mitarbeiter Motorsport Designer Journalismus Programmierer Video
Motorsport-Magzain.com Plus