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Manuel Reuter über Geisterrennen-Absage: Nicht nachvollziehbar

Le-Mans-Sieger und ITC-Champion Manuel Reuter sorgt sich um den Motorsport. Eine kategorische Ablehnung von Geisterrennen hält er für zu kurzsichtig.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Wie kann der Motorsport in der Corona-Krise bestehen? Die kategorische Ablehnung von Rennen unter Ausschluss der Öffentlichkeit kann Manuel Reuter nicht nachvollziehen. Der zweifache Le-Mans-Sieger und DTM/ITC-Champion von 1996 erlebt die Situation als Sporting Director von HCB-Rutronik Racing, das 2019 die Team- und Fahrermeisterschaft im ADAC GT Masters gewann, aus erster Hand. Im Interview mit Motorsport-Magazin.com spricht sich Reuter auch für einen Austausch zwischen den beiden Plattformen der DTM-Dachorganisation ITR und dem ADAC aus.

Gerhard Berger und Hans-Joachim Stuck haben sich zuletzt gegen die Austragung von Rennen ohne Zuschauer ausgesprochen. Wie ist deine Meinung dazu?
Manuel Reuter: Ich kann das nicht nachvollziehen. Das ist viel zu kurzsichtig gedacht. Der einzige Ausweg ist, auf Zuschauer an der Rennstrecke zu verzichten. Stattdessen könnte man die Zuschauer noch viel mehr über die Sozialen Medien erreichen. Und wenn du jetzt Live-Motorsport im Fernsehen übertragen würdest, glaube ich, dass die Quote extrem gut wäre.

Der Verzicht auf Geisterrennen und das aktuelle Verbot von Großveranstaltungen könnte zu weiteren vier Monaten ohne Rennsport führen.
Manuel Reuter: Das wäre tödlich für die kleinen Teams. Es ist tödlich, nicht zu fahren. Man sollte aufpassen, dass nicht eine Meinung in der Öffentlichkeit vertreten wird, die ein falsches Bild vermittelt. Ich glaube nämlich nicht, dass Teams aus dem GT-Sport, den Cups oder der Formel 4 es überleben, wenn über viele Monate hinweg keine Rennen gefahren werden.

Es herrschen große Sorgen in den Reihen des Motorsports...
Manuel Reuter: Wenn schon Leute wie Ernst Moser, der mit Audi sogar ein Werk hinter sich hat, sagen, dass das nicht lange gut gehen kann, muss man aufpassen, dass es nicht fatal wird. Auch der vergleichsweise kleine Motorsport hat eine Relevanz, da hängen viele tausende Arbeitsplätze dran. Wenn dieses Jahr überhaupt nicht gefahren würde, weiß ich auch nicht, was für das für eine Basis mit Blick auf die Zukunft sein soll.

Bei einer Motorsportveranstaltung kommen mehr Menschen auf einem Raum zusammen als etwa im Fußball. Wären angesichts dessen Rennen trotzdem vertretbar?
Manuel Reuter: Wir dürfen mal nicht vergessen, dass hier Leute ihrer Arbeit nachgehen. Die Teammitglieder tragen Mundschutz und die Fahrer haben sowieso keinen direkten Kontakt: Das ist ein machbares Szenario, über das man jetzt nachdenken muss. Das kategorisch auszuschließen, halte ich für die falsche Entscheidung.

Rennen ohne Zuschauer vor Ort wären für dich also eine Lösung?
Manuel Reuter: Den Großteil des Publikums machen sowieso die TV-Zuschauer und die Sozialen Medien aus, und die sind nicht vor Ort. Deshalb sollte man nach kreativen Ansätzen suchen. Wir haben im deutschen Motorsport ja einen Vorteil gegenüber der Formel 1 oder der MotoGP, die weltweit tätig sind. Wir können auf all den deutschen Rennstrecken fahren, womit das Problem der Reisebeschränkungen größtenteils gestemmt wäre.

Manuel Reuter mit den ADAC GT Masters-Champions Kelvin van der Linde und Patrick Niederhauser von HCB-Rutronik Racing - Foto: ADAC

In der Krise werden immer mehr Rufe nach einer Zusammenarbeit zwischen ITR und ADAC laut. Wie siehst du das?
Manuel Reuter: Wir hatten doch vor wenigen Jahren das Motorsport Festival mit DTM und ADAC GT Masters auf dem Lausitzring. Die Veranstaltungen wurden super angenommen, aber nicht fortgesetzt, weil man sich untereinander nicht einigen konnte. Aber das interessiert doch den Fan nicht, der einfach tollen Sport sehen möchte.

Mit der ITR und dem ADAC GT Masters verfügt Deutschland über zwei Plattformen, die es in keinem anderen Land auf der Welt gibt. Ich würde mir wünschen, dass man daraus Synergien zieht und das Persönliche endlich hintanstellt. Es geht hier schließlich um die Zukunft des Sports und darum, tausende Arbeitsplätze zu erhalten.

Was muss passieren?
Manuel Reuter: Ich wünsche mir eine konstruktive Diskussion und einen Denkprozess darüber, wie wir das Thema Motorsport in diesem Jahr noch abbilden können - auch im Hinblick auf die Zukunft. Alle müssen sich hinterfragen, ob in den vergangenen 15 Jahren wirklich alles richtig gemacht worden ist. Die Gelder sind nicht mehr so üppig vorhanden wie früher. Wir diskutieren ja schon seit Jahren, müssen diesen Prozess angesichts der Corona-Krise jetzt aber beschleunigen.

2016 und 2017 veranstalteten ITR und ADAC ein gemeinsames Motorsport-Festival auf dem Lausitzring - Foto: DTM

Kannst du aus der Corona-Krise auch etwas Positives ziehen?
Manuel Reuter: So negativ die Situation ist, sehe ich auch viel Positives. Etwa in der Formel 1, wo in den letzten Jahren so viel Geld verfeuert worden ist. Man diskutiert ohnehin über eine Budgetgrenze und jetzt wäre die perfekte Gelegenheit, stärker zu den Wurzeln zurückzukehren. Wir brauchen im Motorsport nicht unzählige Ingenieure, die eine Folge sind aus der Technologie, die beherrscht werden muss. Die ganze Sensorik kostet unsinnig viel Geld und macht den Sport nicht besser. Die Fahrer sollen den Unterschied ausmachen und das mit Rennautos, mit denen die Jungs spektakulär gegeneinander fahren können.

Gilt das auch für die DTM?
Manuel Reuter: Aber so toll das Konzept sein mag: Wo sind die Hersteller und wo sollen die Budgets herkommen? Ich würde mich wundern, wenn die DTM in der jetzigen Zeit einen neuen Hersteller findet. Mit diesen Budgets kann ich mir das auch in Zukunft nur schwer vorstellen.

Seit längerer Zeit wird diskutiert, ob in der DTM kostengünstigere GT3-Autos eingesetzt werden könnten.
Manuel Reuter: Zwölf Hersteller haben weltweit GT3-Autos im Angebot. Mit denen kann man 'für kleines Geld' tollen Sport bieten. Die werden von Teams und nicht von Herstellern eingesetzt. Dadurch könnte man viele der aktuellen Probleme lösen. Das ist für mich ein realistisches Szenario und man muss ja auch nicht alles neu erfinden.

Wären das dann noch die 'Monster', die sich Gerhard Berger für die DTM wünscht?
Manuel Reuter: Unbändige Autos sind es in der DTM ja auch nicht. Zwar sind sie mit den neuen Turbo-Motoren schneller geworden. Aber ein unbändiges Auto wiegt 1.000 Kilo und hat 900 PS. Es wäre zudem theoretisch möglich, aus einem GT3-Auto mehr Leistung herauszuholen. Man hätte hier zumindest schon mal eine Basis, mit der man starten kann. Wer würde denn in der aktuellen Lage ein komplett neues Auto entwickeln? Vergiss es!


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