Es erscheint wie ein unglaublich achtloses Vergehen: Max Verstappen, Dani Juncadella und Jules Gounon siegten am Wochenende beim ersten gemeinsamen Nürburgring-Start im Winward-Mercedes mit fast einer Minute Vorsprung, aber das Team verzählte sich bei den Reifen und wurde deshalb disqualifiziert. Motorsport-Magazin.com checkt das große NLS-Regelwerk auf der Frage: Wie kann das passieren?
Der Verstoß selbst war ganz einfach, das räumte Winward-Teamchef Christian Hohenadel am Samstagabend direkt ein. An einer NLS-Veranstaltung ist die maximale Zahl der verwendeten Reifen beschränkt, und am Winward-Mercedes #3 wurden vier Reifen zu viel gefahren.
So viele Regeln gibt es bei der NLS auf dem Nürburgring
Ganz so einfach zu finden sind diese Reifen-Regeln tatsächlich aber gar nicht. Wer NLS fahren will, der muss eine lange Liste an Regel-PDFs durchforsten. Die NLS selbst hat drei Reglements: Sportlich, Technisch und Organisatorisch. Hier fängt es aber gerade einmal an.
Ebenso gibt es eine Reihe an allgemeingültigen Regelbüchern und Anhängen des Deutschen Motorsport-Bundes (DMSB), teilweise explizit für die Nordschleife gültig. Von der NLS selbst gibt es ebenso eine Reihe an Anhängen, Anlagen und Erklärungs-Dokumenten. Für Interessierte ist das auch alles öffentlich - verteilt auf die Teilnehmer-Portale der NLS sowie der zwar nicht zur Meisterschaft zählenden, aber regulativ artverwandten24h Nürburgring. Die genaue Anzahl variiert nach Klasse, aber jeder Teilnehmer dürfte auf über 50 PDF-Dateien an Pflichtlektüre kommen.

Was sagt das Reifen-Reglement der NLS - und wo?
Die Reifen-Regeln, welche Verstappen und Co. zum Verhängnis wurden, verstecken sich. Im Technischen Reglement ist von einem Limit für Slick-Reifen nicht die Rede. Es wird im Punkt 1.12 (Reifen) aber darauf hingewiesen, dass für die Klassen SP9 (GT3), SP-Pro und SP-X das "DMSB Musterreifen-Prozedere für die Nürburgring Langstrecken-Serie" zu beachten ist.
Nun scheint dieses spezifische Dokument tatsächlich nicht im NLS-Teamportal aufzuscheinen. Wohl aber im bereits angesprochenen separaten 24h-Portal. Dort ist der Technik-Unterpunkt "Musterreifen-Prozedere" nicht zu übersehen, und im dort zu findenden "Anhang 1 zur Herstellerlizenz 2026 - DMSB-Bestimmungen Musterreifen-Prozedere für NLS, 24h Nürburgring Qualifiers und 24h-Rennen 2026" sind auch die Regeln im Punk III. c) unmissverständlich und auch nicht neu, sondern seit Jahren gültig.
Maximale Reifen-Anzahl bei NLS und 24h Nürburgring
| Format | Erlaubte Reifen (Slicks) |
|---|---|
| 4h Rennen | 24 |
| 6h Rennen | 32 |
| Qualifiers | 48 |
| 12h Rennen | 64 |
| 24h Rennen | 116 |
Beim Überwachen gibt es noch etwas zu bedenken. Zuerst einmal sind Einzelreifen beschränkt, nicht Reifensätze. Das Protokollieren jedes einzelnen Reifens liegt beim Team. Überwacht wird es über die sogenannte "Tyre App"-Plattform. Per Vorgabe muss "spätestens 7 Minuten nach der Montage auf dem Fahrzeug" der offizielle FIA-Barcode jedes eingesetzten Reifens vom Team hier gemeldet werden, sowie nach Ende des Stints die Zahl der gefahrenen Runden.
Eigenverantwortung spielt hier also eine Rolle. Das ist keine Formel 1, wo jeder Reifensatz durch die Hände des Einheits-Lieferanten geht und von dem auch montiert und an die Teams verteilt wird. In der GT3-Klasse hat jedes Team praktisch freie Reifen-Hersteller-Wahl, und muss sich entsprechend selbst um viel mehr kümmern. Verstappens Team Winward schien sich entweder beim Zählen, oder beim Lesen der Reglements verzettelt zu haben. Am Ende hatte man 28 Einzelreifen protokolliert. Bei einem Vierstunden-Rennen sind das 4 zu viel.

Wie konnte sich die Verstappen-Mannschaft bei den Reifen verzählen?
Mercedes-Kundensportleiter Stefan Wendl sprach am Samstagabend bereits davon, "dass uns am Morgen hinter den Kulissen ein Fehler unterlaufen ist." Man scheint also recht früh falsch abgebogen zu sein. Ein Blick auf die gefahrenen Runden lässt schon einen Verdacht zu. Das Team fuhr im Rennen vier Stints - macht vier neue Reifensätze, oder 16 Einzelreifen, die man vorab schon beiseitelegen sollte. Die 8 verbleibenden neuen Reifen - zwei neue Sätze - sollten eigentlich für 90 Minuten Qualifying reichen.
Am wahrscheinlichsten scheint, dass das Team allen drei Fahrern im Qualifying eine Standort-Bestimmung auf einem neuen Reifensatz erlauben wollte. In den 90 Minuten fuhren erst Juncadella, dann Gounon, dann Verstappen je zwei gezeitete Runden. Zwischendurch fuhr man, während die Strecke durch eine Code-60-Zone keine Bestzeiten zuließ, außerdem eine Reihe an Installationsrunden nur auf der GP-Strecke.
| Quali-Runde | Zeit | Fahrer |
|---|---|---|
| 1 | 8:01.310 | Juncadella |
| 2 | 8:13.607 | Juncadella |
| 3 | 8:01.796 | Gounon |
| 4 | 8:04.553 | Gounon |
| 5 | 7:51.751 | Verstappen |
| 6 | 8:16.153 | Verstappen |
Dass man dabei die Regeln wirklich übersehen hat, ist gar nicht so abwegig. Zwar sind sie nicht neu, sondern wurden 2022 eingeführt, und die Erfassungs-Methode ist überwiegend unverändert. Doch Mercedes-Mann Wendl erinnert: "Winward Racing, die den Einsatz der beiden Performance-Fahrzeuge umgesetzt haben, waren in dieser Konstellation erstmals bei der NLS im Einsatz."
Winward in seiner aktuellen Struktur mag ein Team mit viel GT3-Erfahrung aus großen Serien wie IMSA, DTM oder GT World Challenge sein. Doch auf der Nordschleife fuhr es in diesem Setup eben noch nicht. Die Vorgänger-Mannschaft HTP stand 2019 zuletzt bei den 24 Stunden am Start.
Zurück zum Regelstudium also? "Jetzt gilt es, die Fehler aufzuarbeiten, gleichzeitig aber auch die positiven Erkenntnisse aus dem Wochenende mitzunehmen und den Fokus auf die weiteren Vorbereitungsläufe sowie das 24-Stunden-Rennen zu richten", sagt Wendl.
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