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VW setzt auf Elektro-Motorsport: Folgen weitere Hersteller?

Volkswagen schickt den Verbrennungsmotor in Rente, neue Rennserien werben mit visionären Konzepten: Der Motorsport erlebt den größten Wandel unserer Zeit.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Da staunte selbst ein Mann aus dem eigenen Konzern nicht schlecht. Als Journalisten in Fuji von Audi-Motorsportchef Dieter Gass wissen wollten, was er von der Volkswagen-Ankündigung über die Einstellung des Verbrenner-Motorsportprogrammes vom Vorabend halte, reagierte dieser verblüfft. "Um ehrlich zu sein, war es auch für mich eine kleine Überraschung, das zu lesen", gab Gass am Rande des Dream Race zwischen Super GT und DTM in Japan zu.

Das dürfte nicht nur für den Motorsportverantwortlichen im Hause Audi gegolten haben, als der VW-Konzern am 22. November per Pressemitteilung informierte: 'Volkswagen richtet Motorsport-Strategie konsequent auf E-Mobilität aus'. Oder andersherum ausgedrückt, wie es Vorstandsmitglied Dr. Frank Welsch formulierte: "Volkswagen bekennt sich auch im Motorsport konsequent zur E-Mobilität und verabschiedet sich werksseitig vom Verbrennungsmotor."

Als erster großer Autobauer preschten die Wolfsburger hervor und schickten den traditionellen Verbrenner auf der Rennbahn in den Ruhestand. Und damit unter anderem den Golf GTI, der in den TCR-Serien ausgedient hat. Was bleibt, sind Erinnerungen an Volkswagens vier aufeinanderfolgende Siege in der Rallye-Weltmeisterschaft mit dem Polo. Oder auch die werksseitigen Gesamtsiege bei der Rallye Dakar mit einem Diesel angetriebenen Touareg.

Dafür ist nun kein Platz mehr im VW-Portfolio. Wohin die Reise künftig führen soll, hat der Traditionshersteller mit dem Konzeptfahrzeug ID.R gezeigt und dabei Elektro-Streckenrekorde auf der Nürburgring-Nordschleife, dem Goodwood Festival of Speed sowie dem chinesischen Kurvenmonster namens Tianmen Mountain geknackt.

Folgen weitere Hersteller?

In diesen umwälzenden Zeiten der Automobilbranche, wo lieber hunderte Millionen in die Erforschung künftiger Antriebstechnologien statt in den Motorsport investiert werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis der erste Hersteller den Schritt hin zur reinen Elektromobilität wagen würde. Volkswagen hat einen Präzedenzfall geschaffen. Folgen weitere Autobauer diesem Beispiel?

"Ich hoffe es nicht, weil ich denke, dass Motorsport etwa in der DTM oder der Formel 1 sehr erfolgreich mit Verbrennungsmotoren betrieben werden kann", gab Audi-Motorsportchef Gass schließlich seine Antwort. "Ich denke auch, dass das noch einige Jahre lang so weitergehen wird."

Im Zuge des globalen Elektrifizierungs-Hypes hat sich gerade in der Motorsportwelt ein Gegenpol herauskristallisiert, der den Wert der Verbrennungsmotoren hochhält. Vor allem der bewährte Dieselmotor, der in den vergangenen Jahren regelrecht niedergemacht wurde, findet Platz in den Lobeshymnen.

Und wo Gass und Co. sicherlich Recht haben: So schnell wird die neue und noch längst nicht vollständig erschlossene Elektromobilität die traditionellen Antriebe nicht von der Straße und auch nicht aus dem Rennsport verdrängen.

Volkswagen ID.R: Video-Doku zum Elektro-Rekordjäger 2019: (03:05 Min.)

Modell der Zukunft

Was Volkswagen - mit den Konzerntöchtern Audi und Porsche in einer motorsportlichen Luxussituation - nun so radikal vorgemacht hat, könnte allerdings das Modell der Zukunft sein. Die großen Hersteller werden nach dem abgeschlossenen Wandel hin zur E-Mobilität keinen Werkssport mehr mit Verbrennungsmotoren betreiben.

"Wenn es in die Richtung geht, dass Verbrennungsmotoren auf der Straße aussterben, muss das nicht notwendigerweise ein Ende des traditionellen Motorsports bedeuten", führte Gass aus. "Früher verlief der Transport auf Straßen mit Pferden. Als dann die Autos kamen, gab es aber weiterhin Pferderennen. Ähnlich kann man sich das im Motorsport vorstellen. Dann würde ich erwarten, dass private Teams diesen Sport betreiben - und nicht mehr die Hersteller."

Erst Formelautos, dann SUVs

Schon jetzt müssen sich die Hersteller und Organisationen auch im Motorsport für die Zukunft wappnen. Da kam die Formel E im Jahr 2014 als gelungene Marketing-Plattform gerade recht, um die eigenen E-Produkte zu bewerben. Nicht zuletzt der Diesel-Skandal hat der jungen Rennserie einen in der Geschichte des Motorsports unvergleichlichen Boom beschert. Zehn internationale Autobauer treten inzwischen in der von Geschäftsmann Alejandro Agag gegründeten Formel E an, darunter die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW, Porsche und Mercedes-Benz.

Auch der clevere Agag weiß, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis der erste Hersteller sich neu ausrichtet und in der Formel E den Stecker zieht. Für diesen Fall hat der Spanier mit einer weiteren Rennserie vorgebaut. Im Februar 2021 geht die sogenannte Extreme E an den Start, oder konventioneller ausgedrückt: Rennsport mit Elektro-SUVs.

Filmisch eindrucksvoll aufbereitete Rennen an entlegenen Orten wie dem Himalaya, Grönland, dem Amazonas oder dem vor allem finanziell lukrativen Saudi-Arabien als Werbebotschaft für eine bessere Umwelt: Dieser Kniff hat sich schon bei der Formel E bewährt und soll mit der Extreme E eine Fortsetzung finden.

Rennfahrer wittern hier attraktive Möglichkeiten, im Fahrer-Pool finden sich prominente Namen wie Daniel Abt, Timo Scheider, Billy Monger oder auch Serienbotschafter Sebastien Ogier. "Viele junge Menschen demonstrieren auf der Straße, andere engagieren sich in der Politik oder in NGOs", sagt Formel-E-Pionier Abt. "Ich habe die Chance, durch ein Projekt wie Extreme E neue und saubere Technologien zu fördern und das Bewusstsein für die Herausforderungen in Umgebungen auf der ganzen Welt zu schärfen."

Extreme E ist Alejandro Agags neuestes Business - Foto: Shiv Gohil / Spacesuit Media

Das Abt-Prinzip

Dass hinter der Extreme E noch etwas mehr stecken könnte, haben der Kemptener Tuner Abt und auch HWA aus Affalterbach gewittert. Die beiden deutschen Teams haben sich frühzeitig einen Startplatz gesichert und zählen zum Aufgebot der insgesamt zwölf Rennställe. Neben sportlichem Erfolg winkt hier ganz besonders die gewinnbringende Partnerschaft mit einem großen Hersteller.

Das aus der Formel E bekannte 'Abt-Prinzip' - der spätere Verkauf des Startplatzes an einen Autobauer - könnte auch in der Extreme E zünden, denn: Anstelle von Formelautos mit gewissen Marketing-Hürden fahren hier Boliden, die sich künftig nach der Optik der diversen Herstellerangebote richten könnten. Eine neue und überaus attraktive Marktlücke im Elektro-Rennsport!

Mit 1.000 PS in die Zukunft

Die Zeichen der Zeit hat auch die DTM-Dachorganisation ITR erkannt und zuletzt eine Konzeptstudie über Tourenwagen mit Elektro-Antrieb und bis zu 1.000 PS Leistung präsentiert. Hinzukommt die Einführung eines einheitlichen Hybridsystems in der regulären DTM ab 2022. In der E-Vision könnten Hersteller ebenfalls ihre Serienprodukte mit Silhouetten auf der Rennstrecke bewerben - und das sogar wahlweise mit Batterie- oder Brennstoffzellen-Antrieb.

"Wir brauchen keine Neuauflage der Formel E", zeigte sich BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt aufgeschlossen. "Wir müssen etwas Anderes machen, so wie die Formel E damals. Sie kam zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der nächste Schritt in diese Richtung muss produktbezogen sein und das zeigt diese Vision. Ein interessantes Thema, welches beweist, dass die DTM nicht in alten Zeiten feststeckt, sondern die Zukunft angeht."

DTM: Vision einer Elektro-Tourenwagenserie präsentiert: (01:47 Min.)

Am Ende entscheidet das Geld

Welches Konzept sich in der elektrischen Antriebstechnologie am Ende durchsetzen wird, das weiß auch DTM-Chef Gerhard Berger noch nicht. "Wir haben keine hunderttausend Ingenieure, also können wir künftige Technologien nicht definieren", sagte der frühere Formel-1-Fahrer. "Aber wir können eine Plattform bieten, auf der sich diese Technologien beweisen und weiterentwickelt werden."

Von Volkswagen über Extreme E bis hin zur Elektro-DTM: Die Motorsportwelt befindet sich im größten Wandel unserer Zeitgeschichte. Was spannend und visionär klingt, trifft jedoch auf die harte Realität, oder wie es der alte Racer Berger ausdrückte: "Man könnte so viele Dinge machen, doch am Ende des Tages entscheidet das liebe Geld."

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