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MotoGP

Wenn ein Ahnungsloser die MotoGP besucht

3.000 Vollprofis arbeiten im MotoGP-Paddock: Fahrer, Ingenieure, Streckenpersonal. Unter sie mischt sich ein Autor, der keinen blassen Schimmer hat.
von Konstantin Arnold

Motorsport-Magazin.com - Seit 16 Jahren berichtet Motorsport-Magazin.com von den Rennstrecken dieser Welt über die MotoGP. Rund 27.000 Artikel sind in dieser Zeit entstanden, unzählige Reisekilometer wurden abgespult, viele Bekanntschaften wurden geschlossen. An einem Wochenende in diesem Paddock fällt es leicht, die Welt abseits des Streckengeländes zu vergessen. Zu vergessen, dass da noch mehr ist, als schnelle Motorräder, hochglanzpolierte Hospitalitys und wunderschöne Grid-Girls. Die MotoGP ist eine Blase. Nur selten kommt ihr Inneres mit der Außenwelt in Kontakt.

Einen dieser Momente erlebt im Vorjahr Konstantin Arnold. Konstantin ist freier Autor. Er schreibt Reportagen mit literarischem Ich, aus aller Welt, für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. In Barcelona betritt er erstmals das Paddock der Motorrad-Weltmeisterschaft. Was er dort erlebt, erzählt er in den folgenden Zeilen:

Ich dachte immer, MotoGP wäre das in der Wüste. Die Motorradweltmeisterschaft bestand in mir aus fehlendem Interesse, viel Fantasie und ein bisschen Rallye Dakar. Und aus reichen alten Männern, die mit grauen zurückgegelten Locken durchs Fahrerlager flanieren und durch Ray-Bans grüßen. Um den Hals ein Bündel Akkreditierungen baumeln und an der Hand eine reizende B-Promi im D-Körbchen, dem sie das Laufen in Zehn-Zentimeter-Absätzen beibringen. Umzingelt von Kameras. Strahlend weiße Zähne. Was für ein Klischee!

Für das weitere Verständnis dieser Geschichte sollte man wissen, dass ich aus dem Actionsport komme und in Lissabon lebe. Wie die meisten Lissabonner jedoch komme ich nicht aus Lissabon, sondern wurde in Thüringen geboren. Mein Vater war ein begeisterter Motorradfahrer, zu DDR-Zeiten ziemlich bekannt. Zumindest im Umkreis. Er konnte bei 100 Klamotten vom Moped springen und hatte sich im ruhigen Thüringer Wald sogar eine Cross-Strecke gebaut. Fünfzig Meter weit soll er dort geflogen sein, erzählen sie sich noch heute im Dorf. Leider verbrachte er mehr Zeit mit dem Motorrad auf der Cross-Strecke, als mit meiner Mutter und so wurde das Motorrad zum Trennungsgrund. Natürlich kein guter Start für ein gerade gezeugtes Kind. Meine Beziehung zu Motorrädern war von Anfang an stark traumatisiert.

Trotzdem wurde das Bild meines Vaters, mit Halbglatze und offener Lederjacke auf einem Drahtesel sitzend, zum Symbol meiner Männlichkeit. Wie er da so fuhr, fast zwei Meter groß, mit Dreck unter den Nägeln, ein Mann wie ein Baum, und meine Mutter von der Abendschule abholte, die sich dann um ihn klammerte und mit ihren Armen kaum ganz rumkam. Herrlich. Den Motorradführerschein wollte er mir trotzdem nicht bezahlen. Zu gefährlich. So ein Heuchler.

Des Weiteren wäre zu meiner motorsportlichen Verteidigung zu sagen, dass ich sogar mal bei der TT auf der Isle of Man gelandet bin. Aber nicht einfach nur so bei der TT auf der Isle of Man gelandet bin, sondern die Tage mit John McGuinness versoffen habe. Wir saßen in seinem Motorhome und ließen uns von seiner Frau bekochen. Immer wieder kamen Kumpels von John dazu, Motorradlegenden und Weltmeister, von denen ich keinen Schimmer hatte. Wir stießen oft an und sie genossen es sehr, dass ich von ihnen keinen Schimmer hatte. Wir sprachen von Lissabon und übers Wetter. In diesem John McGuinness' Motorhome hörte ich das Wort MotoGP dann zum ersten Mal. Genauer gesagt hörte ich siebenmaliger MotoGP-Gewinner, als irgendein weiterer Kumpel von John reinkam, den er mir vorstellen wollte. Er war ein netter Kerl, aber die ganzen Titel imponierten mir trotzdem nicht. Ich sagte ja bereits, alles grau melierte Locken und Rallye Dakar.

Das zweite Mal las ich MotoGP dann im Vorjahr. Ich las 'MotoGP Barcelona 2019' und dachte geil, Lissabon, Barcelona, gleich um die Ecke, Papa wird so stolz auf mich sein und ich brauche ohnehin Geld. Außerdem war in Lissabon gerade Juni und der Jacaranda blühte (etwas Lilafarbenes, wunderschön, google mal). Im Juni feiert man in Lissabon Santos Populares, ein jeden einzelnen Backstein verschlingendes Volksfest zu Ehren des Heiligen Antonius, dem Schutzpatron der Stadt. Einen ganzen Monat lang. Die Menschen tanzen, die Sardinen braten, die Touristen stehen ahnungslos da. Alles steil am Hang, die Sprunggelenke auf Anschlag. Menschen, Bühnen, Bierbänke - eng, enger, am engsten. Den Bühnen und Bierbänken doch egal. Feiertage! Einer singt, der Rest singt mit. Die Texte der Lieder sind herrlich unanständig. Sie erzählen von einem, der sich eine Ziege anschaffen musste, weil die Mutter zu arm war, um selber Milch zu geben oder vergleichen Geschlechtsverkehr mit dem Rein- und Rausfahren aus einer Garage. Und über allem ein Nachthimmel, sorglos und frei. Nur mit Girlanden und Rauch bedeckt, der von all den gebratenen Sardinen aus bis zur Atmosphäre aufsteigt. Die ersten Junitage sind total toll, irgendwann will man aber bloß noch weg. Spätestens, wenn man sich zum ersten Mal an schlechten Sardinen überfuttert hat und einem der Sangria wieder zum Hals rausfließt.

Foto: Konstantin Arnold

So wars zumindest bei mir, in der Nacht bevor ich endlich nach Barcelona geflogen bin. Langsam müssen wir ja mal in Barcelona ankommen. Es ging also los! Ich hatte ein Magazin, ich hatte einen Auftrag (triff eine Motorradlegende und fotografiere nicht nur Grid Girls) und ich hatte einen gewaltigen Kater.

Foto: Konstantin Arnold

Den ersten Teil meines Fluges verschlief ich. Den zweiten Teil schaute ich Videos von Valentino Rossi, in denen er einen weißen Cowboyhut trägt und über seinen Rennanzug spricht. Ich mochte es sehr, wie Valentino über seinen Rennanzug sprach, aus einem R konnte er auf englischem Italienisch 39 R's machen. Das klang süß und sympathisch, aber so richtig kaufte ich ihm das nicht ab. Als ich dann endlich in Barcelona ankam war es heiß. Ich hatte nichts gegessen und nichts getrunken und ich hatte keine Zeit zum Essen und zum Trinken, denn ich hatte einen Termin mit einer Motorradlegende, deren Namen ich vergessen hatte. Man sagte mir aber, er wäre genau mein Typ. Wie mir befohlen, fuhr ich also der Erfüllung meines ersten Auftrags entgegen. Für die Strecke vom Flughafen zum Circuit de Catalunya, wo mein Interview stattfinden sollte, blieben mir nach meiner Landung fünf Minuten. 41 Kilometer quer durch Barcelona, mittags. Und wie zu spät ich war. Akkreditieren musste ich mich auch noch. Nicht so wie beim Actionsport, wo man unter einem Bierzelt irgendwas unterschreibt und dann ein Bändchen kriegt, sondern auf Motorsportart und Weise, mit Lichtbildausweis und Mediadaten und elektronischen Unterschriften und Versicherungen und Parkzuweisung und Gepäckkontrolle. Ich hatte keine Ahnung, wer mich erwartete, aber ich wusste, Motorradlegenden warten nicht lange.

Als ich nach 45 Minuten im Fahrerlager ankam, war sein Name dann Randy Mamola, eine echte Motoradlegende. Randy war ein kerniger Typ mit einem Gesicht aus Fels und tiefen Tälern, die ihm der Fahrtwind zwischen die Stirnfalten geblasen hatte. Eine Rennfahrerfigur, nicht groß, aber auch nicht klein, muskulös, ohne dabei breit zu sein. Solider Händedruck. 40 Jahre seines Lebens verbrachte er schon im Fahrerlager, aufgewachsen in Zeiten, in denen das elektronischste am Motorradfahren die Glühbirne war. Heute wären da Reifenwärmer, Reifeningenieure, Securities, Elektriker, Computer, Aufhängungsingenieure, Teamchefs, Psychologen, noch mehr Computer, Mentaltrainer vom israelischen Geheimdienst, Ernährungsberater und Renningenieure, also Menschen die mit Menschen reden, die vor Computern sitzen und Motorräder so noch schneller fahren lassen. Alle in einem Motorrad vereint.

Randy Mamola wollte als Kind eigentlich der nächste Ringo Starr werden, seinen Schlagzeugunterricht mit dem Drummer von Booker T. Jones gab er für das Motorradfahren auf. Er ist der Typ, der weiß, wann Elton John geboren wurde und in welchem Jahr die Beatles welchen Hit rausbrachten. Bei 200km/h kann der Mann Wheelies. Er liebt Jahreszahlen und er liebt Fakten. 6.000 Passagiere hat Randy Mamola nämlich schon auf seinem Ducati-Zweisitzer befördert. Mit nur einem Unfall. Er erzählt von legendären Rennen und großen Namen und ich nicke und nicke und nicke, ohne die geringste Ahnung.

Irgendwann steige ich wieder ein. Seine Eltern wären über 90 und seit 68 Jahren verheiratet und würden noch immer im selben Haus wie damals wohnen, in der San Francisco Bay Area. Dass er aus der Bay Area kommt, sagt Randy Mamola sehr oft. Damals kaufte der Vater das Elternhaus für schlappe 10.000 Dollar. Heute hätte Apple dort einen Hauptsitz und vom Grundstückswert könnten sie sich nun dreißig Elternhäuser kaufen. Verkaufen will sein Vater trotzdem nicht. Randy Mamola ist da amerikanisch stolz darauf. Stolz auf die Bay Area, den Vater und seine 68 Jahre Ehe, die Beatles, 6.000 Passagiere und einen Unfall, Apple, das Schlagzeugspielen und das Jahr 1980. Da war er der jüngste Yamahafahrer der US-Geschichte. In seinem ersten vollen Jahr in der 500ccm-Klasse wurde er Zweiter, stand danach noch 57 Mal auf dem Podium und hat 13 Mal das gewonnen, von dem ich dachte, es wäre das in der Wüste. Weltmeister ist er trotzdem nie geworden, weswegen er all die Zahlen und Rekorde brav beisammenhält, die ihn als legendären Motorradfahrer ausmachen.

Foto: Konstantin Arnold

600 Trophäen gewann er im Alter von zwölf bis 16 Jahren, aber das würde ich nicht auf Niet- und Nagelfestigkeit prüfen, weil ich diese Notiz kaum noch lesen kann. Randy Mamola hat einfach zu schnell gesprochen. Folgeschäden eines Menschen, der die meiste Zeit seines Lebens 300km/h schnell verbringt. Stolz auf seine ausgeprägten Reaktionsfähigkeiten ist Randy Mamola übrigens auch. Ich solle nur mal meinen Kugelschreiber fallen lassen, oder irgendwas, und ich würde schon sehen. Wie er im Straßenverkehr überlebt, wenn vor ihm einer langsam fährt, möchte ich wissen. Ganz einfach, sagt Randy Mamola, die Leute können nicht anders. In solch einer vollen, globalisierten Welt wie heute, treffen die verschiedensten Fahrfertigkeiten und Führerscheinqualitäten aufeinander. Man könne von einem Vietnamesen nicht verlangen, sich sofort in Großbritannien zurechtzufinden, genauso wie man von einem Briten nicht erwarten kann, vietnamesische Kreisverkehre zu meistern.

Die Frage, die man sich stellen muss, so Randy Mamola weiter: Würde ich einem Menschen die Tür aufhalten, wenn er beide Hände voll hätte und vor ihr stünde? Die Antwort ist: JA! Die Antwort ist JA, wiederholt Randy Mamola und Randy Mamola ist sehr stolz auf seine Antwort. Am Ende unseres Gesprächs spreche ich ihn nochmal auf die TT an. Erzähle ihm ganz stolz von John McGuinness. Noch ein letztes Mal packt er die Jahreszahlen und Fakten aus, sagt, dass er aus der Bay Area kommt. "Hör zu Junge", meint er. In der MotoGP wollen wir so schnell Motorradfahren, wie auf der Erde möglich, aber ohne zu sterben. Das leuchtete mir ein, aber bei all der Reife und Vernunft, bei all den Fakten, spürte ich das primitive Gladiatorenherz eines Männeregos für die Tourist Throphy schlagen.

Nach meinem Interview mit Randy Mamola war ich ausgebrannt und ging im Fahrerlager spazieren. Ich war ausgebrannt, weil ich eine Stunde so tun musste, als ob ich ein richtiger Journalist wäre. Zuhören, nicken, so tun, als ob ich eine Ahnung hätte. Ich aß endlich einen Hamburger und trank ein kaltes, spanisches Bier. Lecker. Die Menschen um mich herum sahen sehr teuer und sehr wichtig aus. Sie hatten Kopfhörer auf und fuhren auf ihren Motorrollern herum. Alle ohne Helme. Keiner ging auch nur einen Schritt zu Fuß. Die Markenlogos auf ihren Klamotten gingen ihnen bis zum Hals. Jedes Team hatte ihre eigenen aneinandergestellten Laster, das Fahrerlager. Umso mehr Laster, umso wichtiger das Team. Das waren tolle Konstruktionen. Richtige Städte aus Lastern waren das, mit Duschen und Fernsehern und Werkstätten, durch die man Teppich verlegt hat. Was das kosten muss, fragte ich mich. Das ganze Zeug um die Welt fliegen. Sogar eine Tankstelle gab es, der Liter Sprit 1,38 Euro. Vor den Lastern standen die Fans und warteten.

Ich erkannte die Fahrer immer nur, wenn sie Fans um sich hatten oder Kameras. Das müssen die Fahrer sein, dachte ich dann. Es waren alles kleine, schöne, junge Männer mit glatter Haut. Kein einziger Pickel in Sicht. Einmal schaffte ich es zwischen die Laster. Man sagte mir, ich dürfe nichts fotografieren und führte mich hinter die Kulissen. Man zeigte mir den Ort, an dem Reifen aufgewärmt werden, eine Reifensauna, die für mich nach Nichts aussah, also fotografierte ich. Die Pressesprecherin wurde sehr wütend und wollte, dass ich das Foto wieder lösche. Analog, ging nicht. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, das Foto von der Reifensauna niemals wieder anzugucken. Als sich die Pressesprecherin dann wieder beruhigt hatte, stellte ich ihr ein paar Fragen über den ganzen Zirkus hier.

Foto: Konstantin Arnold

Wie schnell die fahren? Bis zu 356 km/h auf einer Geraden, schneller als die Formel 1 erlaubt, bremsen von 300km/h auf 75km/h ab, einfach so und wenn sie fallen, fallen sie schneller, als sie aus einem Flugzeug fliegen würden. Wie man solche Stürze überlebt? Indem man einen flachen Aufprallwinkel hat und über den Asphalt rutscht wie übers Eis. Was an der Strecke in Barcelona so besonders wäre? Dass hier viel geklaut wird, rief irgendwer im Vorbeigehen dazwischen. Das fand ich lustig. Es war das erste, was ich lustig fand. Zum Abschluss zeigte man mir noch das Mediacenter. An der Tür standen starke, glatzköpfige, spanische Securities und am Einlass saßen schöne spanische Mädchen. Das Mediacenter war ein fürchterlicher Ort. Es roch nach Elektrolyten und Schweiß und die Männer, die für den Geruch verantwortlichen waren, sahen sehr beschäftigt aus. Kaffee gab es nicht und das Internet kostete 15 Euro. Durch die Fenster des Mediencenters hatte man einen schönen Blick auf die Startbahn. Dort standen sie, alle 24 Fahrer der MotoGP, in schwarzen Anzügen. Zum Fototermin für die Siebzigjahrfeier der Motorrad-Weltmeisterschaft, bestimmt 45 Minuten lang standen sie da so. Es war ein heißer spanischer Sommer.

Am nächsten Tag war dann nichts. Nur Qualifying, was für mich mit nichts gleichzusetzen ist. Abgesehen davon verpasste ich nur das Rig Riot, bei dem Grid Girls auf einer Bühne in einem Pool baden gingen und Sachen in die Menge warfen. Mir war's egal, ich war sehr verliebt und ging für einen Tag nach Barcelona. 2009 oder 2008 oder 2010 war ich schon mal in Barcelona. Aber nur für drei Tage. Damals kam ich nach Barcelona, um in Barcelona surfen zu gehen. Ja Surfen, Surfen in Barcelona, das geht. Surfen in der Stadt von Gaudí und Quadraten. Am besten im Winter geht das. In jenem Winter lebte ich in Cadiz und konnte gerade so den Flug nach Barcelona bezahlen. Für die drei Tage hier blieben mir ganze zehn Euro, wirklich, kein Witz. Ich ging an den Strand, setzte mich an die Promenade und verließ mich auf das Universum. Irgendwann setzte sich ein Mexikaner neben mich. Wir kamen ins Gespräch, freuten uns über Wellen in Barcelona und tranken Bier, bis mein Geld alle war. Irgendwann fragte er mich, wo ich in Barcelona unterkomme. Ich zuckte bedürftig mit den Achseln und er zeigte auf eines der hohen Häuser in Barceloneta und sagte: "Das ist meine Wohnung dort oben und der Mexikaner im Erdgeschoss gehört mir, hier sind die Schlüssel."

Foto: Konstantin Arnold

Nach einem kurzen Moment des Misstrauens und Furcht vor Vergewaltigungen nahm ich die Schlüssel und hatte eines der glücklichsten Wochenenden meines Lebens. Ich aß sehr gut und bin viel Bus gefahren. Ich erinnere mich noch daran, dass sie in Barcelona sehr schöne Busse hatten. An all diese Orte aus meiner Erinnerung wollte ich an meinem Tag in Barcelona zurückkehren, schauen, ob es den Mexikaner und die Promenade noch gab. Barcelona begann genauso wie beim letzten Mal, einsam. Es ist eine große Kleinstadt oder eine kleine Großstadt, wie Lissabon, nur ohne Treppen und Kurven. Die Gassen sind schön und eng und kühl. Alle Fenster sind hier Balkone. Die Häuser übereinander und aneinander vorbeigestapelt. Breite Boulevards, eingequetscht zwischen den Hügeln. Die Plätze liegen heiß in der Sonne und unter den schattigen Arkaden sitzen die Touristen. Sie sind dick und bunt und viele. Am besten gefallen mir die sandfarbenen Fassaden der Häuser mit ihren dunkelgrünen Palmblättern davor. Aber die Gassen ließen sich einfach nicht so fotografieren, wie ich das wollte. Ab und an zog eilig das Frauenparfüm an mir vorbei, durch die Gassen.

Foto: Konstantin Arnold

Mein Highlight an diesem Tag in Barcelona war eine kleine Bodega, in die ich um die Mittagszeit einkehrte. Sie war voll und laut, die Gläser liefen über, ein spanischer Traum. Ich bestellte Sardellen, Bier, Tomatenbrot, eingelegten Stockfisch, noch ein Bier, Makkaroni, Schaumwein und iberisches Schwein. Mein Tipp: Alles mit Iberico auf der Karte ist bestellenswert, da kann man nichts falsch machen und verpasst nichts. Zum Abschluss trank ich Wermut und Kaffee und torkelte fröhlich und beschwipst wieder hinaus in die Gassen Barcelonas. Ich liebte Portugiesisch, aber das katalanische Spanisch gefiel mir. Es klang kokett, leicht provokant, so als würde es dich aus der Reserve locken wollen, schnell gesprochen, so wie jedes Spanisch und nach hinten raus wurde es am betontesten. Es klang wundervoll und süß, nach leichtem Sprachfehler und, wenn die Katalanen Englisch sprachen, klangen sie heiser. Mein Lieblingswort war Claro.

Foto: Konstantin Arnold

Zum Abschluss des Tages versuchte ich noch umsonst ins Picasso-Museum zu kommen. Ich gab mich als Journalist aus, hatte aber keinen Presseausweis dabei, weil ich keinen besaß. Ich hatte nie einen besessen und werde auch nie einen besitzen. Presseausweise waren für die, die ihre Geschichten im Mediacenter erlebten. Ich diskutierte ganz wild mit dem Personal, vom Wermut angetrieben. Rein kam ich nicht. Abends im Hotel schaute ich dann eine sehenswerte Dokumentation über das, von dem ich dachte, dass es das in der Wüste gewesen wäre. Die Erzählstimme der Dokumentation war Brad Pitt. Seine durchdringliche Männerstimme machte mich ganz heiß auf das Rennen morgen.

Motorradrennen wären geil, wenn die Motorradrennen nicht wären. Man hat schon die Schnauze voll, bevor man überhaupt da ist. Es beginnt mit dem Verkehr, der zu Stau wird. Die Polizei leitet einen durch die Kreisverkehre um, einen nach dem anderen, man findet keinen Parkplatz. Hat man dann endlich einen gefunden, muss man einen Kilometer über ein Feld latschen, mit 100.000 begeisterten Motorsportfans. Es ist heiß und laut und voll. Man kriegt die Krise.

Ich konnte die Motorräder schon von Weitem hören. Das musste die Moto3 sein, hatte ich von Brad Pitt gelernt. Sie klangen wie ein angefackelter Bienenschwarm, der von nahem aussieht wie durchgehende Pferde, die sich aufbäumen. Zumindest Randy Mamola sieht so aus, wenn er zwischen den Rennen bei 180km/h Wheelies macht, um die Massen anzuheizen. Für das große Rennen heftete ich mich dann an die Fersen einiger Fotografen, die in Shuttles stiegen und zur Strecke fuhren. Sie sahen aus, als wüssten sie, was sie tun. Wir hielten in einer steilen Rechtskurve, die zu einem kurzen, geraden Anstieg führte. Einer der Fotografen sagte, das wäre die beste Kurve, hier würden sie oft ihre kreditkartengroße Bodenhaftung verlieren. Außer Marc Marquez, der fahre wie auf Gleisen. Die Strecke wäre insgesamt 14 Kurven lang, sagte er noch. Gleich würden sie kommen, um diese Kurve, ich konnte sie schon kommen hören. So hörte sich Geschwindigkeit an, dachte ich. Oh Gott war ich aufgeregt. Ich fand Motorsport immer noch verantwortungslos, schmutzig und laut, aber ich konnte es kaum noch erwarten!

Foto: Konstantin Arnold

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