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MotoGP / Analyse

Vorzeichen für Honda stehen nicht gut - Honda 2016: Die Reifeprüfung für Marquez

Schwache Wintertests, eine störrische Maschine und einen gefallenen Sunnyboy. Honda hat 2016 einige Krisenherde zu bekämpfen.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Repsol Honda hatte zwei Jahre lang alles abgeräumt, was man in der MotoGP abräumen konnte. Im Vorjahr kam aber die Trendwende. Dani Pedrosa wurde von einer Operation früh aus dem Titelrennen genommen, Marc Marquez bugsierte sich mit vielen Stürzen höchstpersönlich aus selbigem. Am Ende handelte sich der Weltmeister von 2013 und 2014 auch noch Ärger mit Valentino Rossi ein und am Ende stand Honda zum ersten Mal seit 2010 ohne einen der drei WM-Titel in der Königsklasse da. Findet Repsol Honda 2016 zurück auf den MotoGP-Thron?

Die Fahrer: Marquez & Pedrosa

Marc Marquez ist das Lachen in den letzten Monaten vergangen - Foto: HRC

Marc Marquez: Dem Spanier steht die vielleicht schwierigste Saison seiner Karriere bevor. Nach einem für Marquez-Verhältnisse schwachem Jahr 2015 muss sich der vierfache Motorrad-Weltmeister in den kommenden Monaten rehabilitieren. Sechs Stürze, so wenige WM-Punkte wie seit sechs Jahren nicht mehr und zum ersten Mal seit 2009 weder Champion, noch Vizeweltmeister. Sportlich lief es für Marquez zuletzt alles andere als rund. Neue Herausforderungen wie Michelin oder die Einheitselektronik werden ihm seine Aufgabe nicht leichter machen. Bei den Testfahrten landete er an neun Tagen nur ein einziges Mal auf Platz eins.

Zum sportlichen Formknick kam im Vorjahr in Sepang und Valencia noch ein emotionaler hinzu. Weil er sich mit Valentino Rossi anlegte, zerstörte er sich nicht nur sein Sunnyboy-Image, sondern zog sich auch den Zorn der mächtigen gelben Fan-Fraktion zu. Marquez' Fanartikel flogen aus Rossis Merchandise-Imperium und aus Sicherheitsgründen kündigte der MM93-Fanklub die bereits reservierte Tribüne für Mugello auf. Marquez wird also auch auf den Rängen 2016 ein scharfer Wind entgegen wehen.

Dani Pedrosa: Für Dani Pedrosa dürfte es ebenfalls kein leichtes Jahr werden. Mit der neuen Honda scheint er noch schlechter zu Recht zu kommen als Marquez und landete bei den Testfahrten permanent hinter seinem Teamkollegen. 2016 ist Pedrosas 16. Jahr in den Diensten Hondas und womöglich sein letztes. Sein Vertrag endet mit Saisonschluss und sein letztes gewonnenes Teamduell liegt bereits drei Jahre zurück. In seinem Alter und mit seiner Verletzungsgeschichte, muss man auch einen Rücktritt stets für möglich halten. Immerhin hat es Pedrosa geschafft, als einziger der "Big Four" ohne Imageschaden aus den Wirren des Sepang-Clash hervorzugehen.

Das Motorrad: RC213V

Bereits im Vorjahr verzettelte sich Honda ein wenig. So kam es, dass Marc Marquez nach sechs Rennen auf seinen Rahmen von 2014 zurück wechselte. In der zweiten Saisonhälfte war die Honda damit zwar wieder auf Augenhöhe mit der Yamaha, doch über den Winter dürfte erneut der Erzrivale den besseren Job gemacht haben. "In den Kurven verlieren wir einfach zu viel Zeit", gestand Marquez nach acht der neun Wintertesttage.

Es kann gut sein, dass sie mit dem nun geringeren Grip am Vorderrad die Vorteile ihres Motors noch weniger nutzen können.
Alex Hofmann

Honda dürfte der Wegfall der eigenen Software stärker treffen als die Konkurrenz. Schon bei der ersten Ausfahrt waren die Werksfahrer der Japaner schockiert über die Auswirkungen der Standard-ECU. Seither hörte man kaum noch lobende Worte von Marquez oder Pedrosa über die RC213V. TV-Experte Alex Hofmann vermutet, dass sich auch Michelin nicht vorteilhaft auf die Honda auswirkt: "Die Probleme von Honda waren schon im Vorjahr offensichtlich. Es kann gut sein, dass sie mit dem nun geringeren Grip am Vorderrad die Vorteile ihres Motors noch weniger nutzen können."

Mit Winglet-Lösungen, wie sie von Ducati und Yamaha eingesetzt werden, hat man erst beim Katar-Test begonnen. Honda scheint demnach ganz andere Probleme zu haben, als ein paar Hundertstel über Flügel gewinnen zu wollen.

Honda 2016: Die Brennpunkte

Das Motorrad entspricht noch nicht den hohen Ansprüchen, die beide Piloten stellen. In diesem Bereich musste schon im Vorjahr viel Zeit und Geld investiert werden, 2016 dürfte sich daran nicht viel ändern. Da das Millionengrab Elektronik geschlossen wurde, kann Honda seine finanzielle Schlagkraft allerdings nicht mehr so exzessiv ausspielen wie bis 2015. Die RC213V muss schnell verbessert werden, sonst droht eine weitere titellose Saison. Zweiter Brennpunkt bei Honda ist Kronjuwel Marquez. Sympathien außerhalb seiner eingefleischten Anhängerschaft hat der Katalane großteils verspielt. Eine neue Situation für den ehemaligen Strahlemann, mit der er erst umgehen lernen muss.

Die Kunden: LCR & Marc VDS

Zum ersten Mal seit Beginn der CRT-Ära stattet Honda alle seine Kunden mit baugleichen Motorrädern aus. Allerdings sank im Zuge dessen die Anzahl der Maschinen von acht auf fünf. Nur noch Cal Crutchlow bei LCR sowie Tito Rabat und Jack Miller bei Marc VDS sind außerhalb des Werksteams auf Honda unterwegs. Bei den Testfahrten überzeugte einzig Crutchlow, während Miller und Rabat fernab vom Schuss waren.

Prognose für 2016

Motorsport-Magazin.com meint: Honda droht ein schwieriges Jahr. Die RC213V drückt aktuell gewaltig die Stimmung bei Marc Marquez und Dani Pedrosa. Dass beide Verträge mit Saisonende auslaufen, macht die Sache sicher nicht besser. Ziehen 2016 nicht alle an einem Strang, droht man nicht nur den Anschluss an Yamaha zu verlieren, sondern muss allmählich auch auf Ducati und vielleicht sogar Suzuki im Windschatten aufpassen. Hat sich Honda bei den Wintertests aber noch Reserven gelassen - wie von einigen Experten vermutet - so sollte die Nummer-2-Position unter den Herstellern noch nicht dauerhaft in Gefahr sein. Auch aufgrund des fahrerischen Talents der beiden Ausnahmekönner Marquez und Pedrosa.


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