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MotoGP

Warum Lorenzo wirklich das Podest verlassen hat - Mielke - Flag to Flag: Ein Idol demontiert sich

Für Edgar Mielke war Valentino Rossi ein Idol. Bis zum vergangenen Sonntag. Nun sind Rossi und Marc Marquez für ihn nur noch verzogene Bengel.
von Edgar Mielke

Motorsport-Magazin.com - Eigentlich sollte Sepang für den Verfasser dieser Zeilen ein persönliches Highlight sein. Streckensprecher vor ausverkauftem Haus in Kombination mit der Zusage der allmächtigen Dorna, die Helden der MotoGP auf dem Podest interviewen zu dürfen. Das hat nicht so ganz geklappt. Es war toll, in Malaysia für die Zuschauer zu arbeiten, mal abgesehen von der Dunstglocke die Kuala Lumpur seit Wochen lähmt. Diese Umweltkatastrophe, von der merkwürdigerweise in Europa kein Mensch was wissen will (wer sich informieren möchte sollte einfach mal den Jakarta Globe googeln und nachlesen), ist aber nur ein Schandfleck über dem Malaysia-Wochenende.

Mielke im Einsatz als offizieller Streckensprecher in Sepang - Foto: Edgar Mielke

Der andere ist sportlicher Natur und ein Schlag ins Gesicht für die malaiischen Fans und die weltweite MotoGP-Gemeinde. Eine Saison wie ein Traum und jetzt das. Wer auf dem Podest erlebt hat, wie im übertragenen Sinne Giftpfeile hin und her flogen, kann das nur bedauerlich finden. Genauso wie das äußerst fragwürdige Auspfeifen von Jorge Lorenzo durch die gelbe Fraktion. Wobei das Drama von Sonntag ja schon am Donnerstag losging. Ich frage mich immer noch, was mein ehemaliges Idol mit der 46 dazu verleitet hat, verbal so daneben zu greifen? Hat er keine Berater? Behinderung in Australien? Vergleich mit Biaggi? Hmmm. Da muss ich was falsch verstanden haben. Hat nicht Marquez auf den letzten Metern Jorge Lorenzo geschlagen und der 99 damit fünf wichtige Punkte weggenommen? Wenn Herr Rossi so arg behindert worden ist, hätte er ja überholen können und die Flucht nach vorn antreten können. Marquez also schlimmer als Biaggi? Aha. Dann war der Schmusekurs der letzten zwei Jahre in Richtung Marquez also nur Schauspiel? Was dann auch nicht besser wäre.

Die Rennleitung trägt Mitschuld

Insgesamt ein lächerlicher Auftritt vor der MotoGP-Presse, der schon vermuten ließ, was kommt. Und unnötig war das ganze Gequatsche auch noch. Damit hat er nämlich sich selbst geschwächt und alle anderen, vor allen Dingen aber Jorge Lorenzo gestärkt. Wer noch nicht genug Gegner hat, schafft sich noch ein paar Neue durch im WM-Finale völlig unnötiges Gelaber. Es hätte VR46 klar sein müssen, dass ein Marquez sich davon nicht einschüchtern lässt. Warum auch? Schließlich duldet die Rennleitung schon seit 125er-Zeiten bei der 93 permanent eine gefährliche und den Rivalen gegenüber oftmals unfaire Fahrweise. Warum sollte sich das anno 2015 geändert haben? Zumal Marc Marquez sicherlich innerlich gekocht hat, nachdem Valentino Rossi am Donnerstag solch einen Blödsinn erzählt hat. Vor allen Dingen, dass Marquez einen Weltmeister mit der 99 bevorzugen würde, um irgendwann einmal in den Statistiken an Rossi vorbei zu ziehen? Sorry, was für ein kompletter Blödsinn. Und ganz nebenbei auch noch der Beweis, dass der neunfache Weltmeister aus Italien sehr wohl in großem Maße, an eben diesen Statistiken interessiert ist.

Das Duell Rossi gegen Marquez fand in Sepang ein unwürdiges Ende - Foto: Milagro

Tja, und dann das Rennen. Vorher in den Trainings schon Psychospielchen. Wer wartet auf wen, wer gibt wem Windschatten. Das sah in der MotoGP bisweilen schlimmer aus, als bei den Teenagern in der Moto3. Grausam. Und wie wir ja alle gesehen haben, mit fast schon zu erahnenden Folgen für den Rennsonntag. Ob es nun ein Rempler mit dem Fuß war oder nicht, ist dabei völlig egal. Allein die Blickrichtung von Rossi und die damit verbundene Tatsache, Marquez nach außen zu drängen, reicht völlig aus. Unwürdig. Ein Champion, der die Kontrolle verliert. Und diese fast perfekte Saison in den Hintergrund schiebt. Und das sollte die MotoGP-Fan-Gemeinde eigentlich am meisten ärgern. Das ist die Quittung dafür, dass Beide, Rossi und Marquez, immer mit Samthandschuhen angefasst worden sind. Aber eben nur die Beiden. Und alle anderen nicht.

Lorenzo mit Recht beleidigt

Womit wir beim wahren Grund dafür wären, warum Lorenzo vor dem eigentlich im Protokoll stehenden Podest-Foto, selbiges verlassen hat. Schwächeanfall? Nie und nimmer. Ich stand daneben. Die 99 hat gekocht. Und war sauer. Über die Pfeifkonzerte der Fans in seine Richtung, aber vor allen Dingen, weil er ahnte, dass die Strafe für Rossi keine besonders harte sein wird. Lorenzo selbst hat nämlich für ähnliches schon mal zuschauen müssen. Wobei die Tragweite seiner Aktion damals lange nicht so schlimm war, wie die Folgen des am Sonntag erlebten. Die Verantwortlichen der Dorna und der Rennleitung bekommen jetzt zu spüren, dass es ein Fehler war, Rossi und Marquez über Jahre mit einem Sonderstatus versehen zu haben.

Eine geniale Saison ist beschädigt. Irreparabel. Bitter für den Sport und zweier Weltmeister unwürdig. Nicht Marquez hat die WM entschieden, sondern Rossi hat den Titel mit blank liegenden Nerven ab der Pressekonferenz am Donnerstag auf einem Tablett überreicht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich am Sonntag keine Lust, die 46 zu interviewen. Nicht vor einer vollen Tribüne nach diesem peinlichen Auftritt. Dann schon lieber den Sieger des Rennens.

Pedrosa und Mielke beim Siegerinterview - Foto: Edgar Mielke

Es nervt nämlich echt, dass durch dieses Kindergartentheater zweier Weltmeister, eine denkwürdige Leistung des ewigen Pechvogels Dani Pedrosa fast unbemerkt bleibt. Das war großer Sport! Eine sagenhafte Runde auf die Pole im Quali und dann ein Rennen wie gemalt. Champions League. Nur leider spricht darüber keiner. Ich würde mir wünschen, dass der oft vergessene Ausnahmekönner Pedrosa aus dieser Leistung genug Motivation bezieht, um 2016 zwei verzogenen Bengeln einfach mal den Hintern zu versohlen. Und zwar fair und ohne Polemik. Auf der Rennstrecke. Sportlich eben. Und nicht mit so einem Affentheater der beiden Alphatiere wie am letzten Sonntag. Das braucht kein Mensch.


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